Ein Plakat mit der Aufschrift Hinrichtung Woyzeck.
Im Rahmen des internationalen "Büchner-Zyklus" inszeniert die Schaubühne Lindenfels "Woyzeck, letzte Szene, ein öffentlicher Platz". Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Reenactment-Spektaktel Woyzecks Hinrichtung wird in Leipzig nachgestellt

Sonntägliches Spektakel auf dem Leipziger Marktplatz: Die Schaubühne Lindenfels inszeniert die Hinrichtung Woyzecks und will damit eine Diskussion über die Todesstrafe auslösen.

von Lydia Jakobi, MDR KULTUR

Ein Plakat mit der Aufschrift Hinrichtung Woyzeck.
Im Rahmen des internationalen "Büchner-Zyklus" inszeniert die Schaubühne Lindenfels "Woyzeck, letzte Szene, ein öffentlicher Platz". Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Es war die letzte öffentliche Hinrichtung auf dem Leipziger Marktplatz: Am 27. August 1824 wurde der Soldat Johann Christian Woyzeck geköpft. Später diente der Fall Woyzeck als Vorbild für Georg Büchners gleichnamiges Drama.

Am 27. August 2017, auf den Tag genau 193 Jahre später, inszeniert die Schaubühne Lindenfels die Hinrichtung Woyzecks in einem großen Spektakel: Ein hölzerner Kubus mit einem leeren Stuhl obenauf bildet das Schafott nach und dient als Ausstellungsort, ein Bürgerchor mit szenischen Tonfragmenten macht die Hinrichtung zu einer fiktionalen Live-Übertragung. René Reinhardt, künstlerischer Leiter der Schaubühne Lindenfels erläutert, was ihn an Woyzecks Geschichte reizt:

Was treibt Menschen auf die Straße und warum braucht es dafür diesen energetischen Schub des Spektakulums mit Todesfolge? Das ist interessant, denn das erleben wir in gewisser Weise auch heute, die Hinrichtungen weltweit, eine Unzahl. Dieser Vorgang, aus Sicht des Staates, sich nicht helfen zu können als jemanden, der nicht reinpasst, der etwas verbrochen hat, zu liquidieren. Da sind wir doch eigentlich drüber. Aber es gibt eben noch eine Menge Leute, die das eigentlich befürworten das wieder einzuführen. Das ist schon brisant.

Der Fall Woyzeck - ein brisantes Schicksal

Die Geschichte des Soldaten Woyzecks ist brisant: Woyzeck wird wegen Mordes an seiner Geliebten zum Tode verurteilt. Doch es bestehen Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit und damit auch am Strafmaß für den Mord. Woyzeck war wohl psychisch krank. Rund 5.000 Schaulustige versammelten sich damals am Marktplatz, um seiner Hinrichtung zu folgen.

Die Schaubühne Lindenfels will allerdings kein Mittelalterspektakel darbieten: "Es geht darum, dass wir uns in die Position der Bürger, die sich damals dort versammelt hatten, hinein begeben und uns diese Rolle bewusst machen: Denn diese Hinrichtung damals wäre natürlich von 5.000 Menschen auch zu verhindern gewesen. Aber es gab verhaltenen Jubel. Also was spielen wir für eine Rolle? Wir sind Akteur und nicht Voyeur", sagt künstlerischer Leiter Reinhardt.

Büchners Bezug zu Leipzig

Die Installation auf dem Marktplatz ist Teil des internationalen Büchner-Zyklus, der in verschiedenen Städten – allesamt Lebensstationen Büchners oder seiner Protagonisten – das Gesamtwerk des Schriftstellers auf die Bühne bringt. Leipzig spielt eine besondere Rolle: Büchner hat die Stadt selbst nie kennengelernt hat. Vermutlich erfuhr er aus einer Zeitschrift seines Vaters, ein Arzt und Gerichtsgutachter, von dem aufsehenerregenden Fall des Leipziger Soldaten Woyzeck.

„Woyzeck, letzte Szene, ein öffentlicher Platz“ Die Inszenierung „Woyzeck, letzte Szene, ein öffentlicher Platz“ der Schaubühne Lindenfels und ihrer Kooperationspartner ist am Sonntag, 27. August, um 18 Uhr auf dem Leipziger Marktplatz zu sehen. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung im Kubus ist bis zum 10. Oktober geöffnet.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. August 2017 | 08:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2017, 12:56 Uhr

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