Zwei junge Touristinnen sitzen am 03.10.2014 auf einer Steele im Holocaust-Mahnmal in Berlin und machen Selfies.
Ein Erinnerungsfoto auf dem grauen Stein der Erinnerung an ein Menschheitsverbrechen Bildrechte: dpa

Projekt zur Erinnerungskultur beendet "Yolocaust"-Botschaft bei Fototouristen angekommen

Am 27. Januar 2017 ist der Gedenktag an die Opfer des Holocausts. Es ist ein Tag, der an eine passende Auseinandersetzung mit diesem Thema gemahnt. Wie soll man sich an diese menschliche Ungeheuerlichkeit erinnern? Wie mit dieser Vergangenheit umgehen? Und welche Lehren sind daraus noch heute aktuell? Das mittlerweile beendete Projekt "Yolocaust" von Shahak Shapira zeigte einen Ansatz, der das Erinnern mit der Aktualität verband.

Zwei junge Touristinnen sitzen am 03.10.2014 auf einer Steele im Holocaust-Mahnmal in Berlin und machen Selfies.
Ein Erinnerungsfoto auf dem grauen Stein der Erinnerung an ein Menschheitsverbrechen Bildrechte: dpa

Shahak Shapira sorgte mit seinem Projekt "Yolocaust" für rege Diskussionen. Er versetzte Menschen, die sich mit amüsierten Selfies auf dem Holocaust-Mahnmal in Berlin in Szene setzten, mittels Photobearbeitung in Originalbilder aus den NS-Vernichtungslagern. Die lächelnde Pose auf den grauen Gedenksteinen fand plötzlich inmitten von Leichenbergen aus einem Konzentrationslager statt.

Kurz vor dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar hat Shapira sein Projekt gestoppt. Die abgebildeten Menschen hatten sich allesamt bei ihm gemeldet und darum gebeten, sie aus diesem Kontext zu nehmen. Es sei den meisten durch Shapiras Montagen bewusst geworden, wofür der Holocaust und das Mahnmal stehen.

Ich bin der Typ, der dich, wie ich gerade las, zu Yolocaust inspiriert hat. Ich bin der 'Spring auf tot.' – Ich kann es gar nicht schreiben, mir wird schon schlecht wenn ich es nur ansehe.

Eine der bei "Yolocaust" abgebildeten Personen

Shapira zieht auf der Webseite yolocaust.de ein Fazit. Nach seinen Angaben wurde die Seite in der reichlichen Woche ihres Bestehens 2,5 Millionen Mal besucht. Er erhielt Rückmeldungen von Holocaustforschern und Lehrern, von einfachen Menschen und von Familien, die Angehörige im Holocaust verloren haben.

Das Verrückte ist, dass das Projekt inzwischen auch alle zwölf Personen erreicht hat, die auf den Selfies abgebildet waren. Fast alle haben die Botschaft verstanden, sich entschuldigt und entschieden, ihre Selfies von ihren Facebook- oder Instagram-Profilen zu löschen.

Shahak Shapira auf yolocaust.de

Worum es bei "Yolocaust" ging

Der israelische Autor und Satiriker Shahak Shapira hat mit "Yolocaust" versucht, den Umgang mit dem Holocaust aufzuzeigen. Der Name setzt sich aus dem in sozialen Netzwerken beliebten Hashtag "YOLO"- die Abkürzung für "You Only Live Once"- und Holocaust zusammen.

Am 18. Januar 2017 ging die gleichnamige Webseite Shapiras online. Auf dieser hat er Bilder von Menschen veröffentlicht, die sich am Holocaust-Mahnmal in Berlin, zum Beispiel räkelnd, fröhlich oder turnend, fotografiert haben. Diese Selfies hat er in sozialen Medien, wie Facebook, Instagram, Tinder und Grindr gefunden und auch die Likes und Bildunterschriften übernommen. Bewegte man den Mauszeiger über die Fotos, wurden die Protagonisten in Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus nationalsozialistischen Vernichtungslagern montiert. So jonglierte ein Mann nicht mehr zwischen grauen Betonklötzern, sondern vor einem Leichenberg.

"Yolocaust" ist Viralhit

Italienische Touristen machen am Holocaust-Denkmal in Berlin ein Selbstporträt mit einem
Italienische Touristen machen am Holocaust-Denkmal in Berlin ein Selbstporträt mit einem "Selfie-Stick". Bildrechte: dpa

Mit der Aktion landet Shapira einen Internet-Hit: Kurz nach der Veröffentlichung der Seite, bekam sie so viele Klicks, dass sie nicht mehr zu erreichen war. Mittlerweile wurde sie unzählige Male geteilt und auch nationale sowie internationale Pressestimmen haben sich zu der Aktion geäußert. Neben überwiegend positiven Reaktionen, darunter auch von Lehrern, die die Bilder im Unterricht verwenden wollen, wird ihm auch vorgeworfen, dass es ihm nur um den Aufschrei und seine eigene Popularität als Satiriker geht. Shahak Shapira selbst wollte durch "Yolocaust" dazu anregen, unsere Erinnerungskultur zu hinterfragen.

Die Bilder zeigen, wie schnell Erinnerung in Vergessenheit geraten kann. Viele sehen das Mahnmal leider immer mehr als Lifestyle-Foto-Objekt und weniger als Stätte der Erinnerungskultur.

Shahak Shapira im Interview mit jetzt.de

Wie verhält man sich an einer Gedenkstätte?

Die künstlerische Auseinandersetzung, wie sich Besucher an Mahnmalen oder Gedenkstätten verhalten oder verhalten sollten, ist nicht neu. Shapira sagt dazu: "Wie man sich an einem Mahnmal für die Ermordung von sechs Millionen Menschen zu benehmen hat, ist jedem selbst überlassen". Auch der Architekt des Holocaust-Denkmals in Berlin, Peter Eisenmann, plädiert für einen offenen Umgang.

Schnee liegt am 06.12.2012 in Berlin auf dem Holocaust-Mahnmal.
Wie geht man mit der Erinnerung an die Ermordung von Millionen Menschen um? Bildrechte: dpa

Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa beobachtet in seinem Dokumentarfilm "Austerlitz" das bunte Treiben der Touristenmassen in Konzentrationslagern und kritisiert somit die Freizeitpark-Attitüde, mit der Menschen eine Gedenkstätte besuchen. Dafür erhielt er die Goldene Taube für den besten Internationalen Langfilm beim DOK Leipzig 2016. 

Auch der Blog "Totem and Taboo: Grindr remembers the Holocaust" weist schon 2011 darauf hin, dass die Haupttätigkeit an einer Gedenkstätte oft nicht das Erinnern ist, sondern die Selbstdarstellung. Der Blog zeigt Männer, die bei einer Dating-App auf ihren Profilbildern vor dem Mahnmal in Berlin posieren.

Was es gebracht hat

Die Bilder sind mittlerweile von Shapiras Webseite verschwunden. Er hatte von Anfang an die die Möglichkeit eingeräumt, sie zu entfernen, wenn die abgebildeten Personen dies wünschten. Alle Personen haben sich mittlerweile bei ihm gemeldet und diesen Wunsch geäußert. Allein dies ist ein Erfolg.

Doch noch wichtiger scheint die Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust. Sie wurde durch das Projekt angeregt. Das Mahnmal in Berlin besteht eben nicht nur aus ein paar grauen Quadern im öffentlichen Raum. Es ist ein Symbol, das erinnert und mahnt. Gerade in Zeiten, in denen dieses Mahnen infrage gestellt wird, erscheint das Wachhalten dieser Erinnerung umso wichtiger. So auch die Meinung verschiedener Nutzer in den Sozialen Netzwerken:

… allen, die nicht erkennen oder erkennen wollen, was das Holocaust-Mahnmal mittels der Steine symbolisiert, kann man nur mit einer Collage aus Fotos der Gleichgültigkeit und den Bildern der Wahrheit die Augen öffnen. Dein Projekt gehört in jedes Geschichtsbuch und jeden Lehrplan!!

Günter H. Knoblich bei Facebook

Dieses Thema im Programm: • MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 28.01.2017 | 19:00 Uhr
• MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 27.01.2017

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2017, 09:44 Uhr

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