Köpfe

Porträt : Katharina Thalbach - Aus Trotz zum Schauspiel

von Daniel Schlechter

Sie ist klein, sie ist schräg, sie ist kauzig und auf den ersten Blick deuten nur ihre großen Augen auf ihre sagenhafte Präsenz hin. Katharina Thalbach wird am 19. Januar 61 Jahre alt. Ihre Rollen werden mit nahezu allen renommierten deutschen Preisen prämiert.

Katharina Thalbach

Als Kind findet Katharina Thalbach das Theater schrecklich. Zu viel Neid, Intrigen und Selbstbehauptungsdrang abseits der Bühne. Der frühe Tod ihrer Mutter wandelt diese Abneigung in schieren Trotz. Sie will sich das Bild vom Leben ihrer Mutter, der Brecht-Schauspielerin Sabine Thalbach, bewahren und geht doch ans Theater. Womöglich macht genau dieser Trotz die Künstlerin Katharina Thalbach aus. "Die Thalbach", das steht für die Ecken und Kanten im deutschen Film und Theater. Nach allem Ruhm ist sie sich nie zu schade für die verrücktesten Nebenrollen, selbst wenn sie so klein sein mögen wie ihre erste Rolle als Hure.

"Auf einmal dachte ich: Na ja, vielleicht ist es für mich doch ein höherer Auftrag, etwas weitermachen zu können, was meine Mutter ein bisschen früh beenden musste. Die Weigel hat mir dazu die Chance gegeben. Ich hatte das Gefühl, das wird jetzt mein Zuhause, wo ich keines mehr hatte. Das ist das, was ich ihr am meisten danke."

Katharina Thalbach

Von der Hurenrolle zum Durchbruch

Der deutsche Schriftsteller und Regisseur ("Der Passagier", "Welcome to Germany") Thomas Brasch.
Lebensgefährte: Der Dichter und Regisseur ("Der Passagier", "Welcome to Germany") Thomas Brasch (1945-2001).

Katharina Thalbach stammt aus einer Bühnen-Dynastie. Ihr Urgroßvater Alois Joachim war Opernsänger am Hof von Ludwig II. Mit Regisseur Benno Besson als Vater und Schauspielerin Sabine Thalbach als Mutter wuchs sie buchstäblich im Theater auf. Nachdem ihre Mutter mit 34 Jahren einer Thrombose erliegt, nimmt sich  Helene Weigel, die Witwe Berthold Brechts, der gerade zwölfjährigen Katharina an und macht sie zu ihrer Meisterschülerin. Sie debütiert am Berliner Ensemble mit der Rolle der jüngsten Hure in Erich Engels Inszenierung der "Dreigroschenoper". Ein Jahr lang spielt sie diese Rolle mit nur zwei Sätzen Text, bis am ersten Weihnachtsfeiertag 1969 ihre Kollegin Angelika Waller ausfällt. Die große Rolle der Polly soll kurzerhand Katharina Thalbach übernehmen. Es wird ihr Durchbruch. Sie wird als Entdeckung gefeiert, wechselt 1971 an die Volksbühne Berlin und feiert Erfolge als Desdemona in "Othello" und mit der Doppelrolle Venus/Galatea in "Die schöne Helena".

1976 siedelt sie zusammen mit ihrem damaligen Partner, dem Schriftsteller Thomas Brasch, nach Westberlin über, als Reaktion auf die Ausbürgerung des Autors Wolf Biermann. In Thomas Brasch findet Katharina Thalbach ihre große Liebe, sie bleiben 33 Jahre zusammen, bis Brasch 2001 stirbt. Aus einer vorherigen Beziehung zu dem Schauspieler Vladimir Weigl entstammt Katharina Thalbachs Tochter Anna, geboren 1973, die ebenfalls Schauspielerin wird.

"Brasch nicht kennengelernt zu haben, wäre die Tragödie meines Lebens gewesen. Er war meine große Liebe, mein Schicksal."

Katharina Thalbach

Der schonungslose Thalbach-Blick

Katharina Thalbach sticht in ihren Rollen immer wieder heraus, nicht nur ob ihres Erscheinungsbildes, sondern vor allem durch ihre markante Emotionalität. Schon früh versteht sie es, ihren Rollen einen ungewöhnlichen, aber glaubhaften Gefühlsanstrich zu geben. Ihr Trotz wandelt sich in Mut. Mut, selbst manifeste Figuren neu zu tarieren: In Egon Günthers Inszenierung des Briefromans "Die Leiden des jungen Werthers" (1976) bekam sie mit der Lotte eine ihrer ersten größeren Filmrollen und verlieh der sonst als so liebevoll und gütig dargestellten Figur eine "Aura von Kälte", wie es der Journalsit und Schriftsteller Karl Heinz Kramberg formulierte.

In der öffentlich-rechtlichen Produktion "Friedrich – ein deutscher König" (2012) spielt sie zusammen mit ihrer Tochter den Preußenkönig Friedrich II. Sie ließ ihrem Hang zur kauzigen, rauen Verrücktheit freien Lauf und lieferte als Frau einen viel schonungsloseren Blick auf den "Alten Fritz", als es ein Mann könnte. Nikolaus von Festenberg schrieb dazu für Spiegel Online: "Nach wenigen Minuten hat der Zuschauer vergessen, dass da eine Frau einen Mann spielt (…) Es sind diese Thalbach-Blicke, aus denen uns Heutige das Leid hinter Macht und Herrlichkeit der Vergangenheit anschaut."

Schauspielerin Anna Thalbach (r.) in der Rolle des Kronprinzen und jungen Königs neben Schauspielerin Katharina Thalbach in der Rolle des "Alten Fritz".
Anna Thalbach (r.) in der Rolle des Kronprinzen und jungen Königs neben Schauspielerin Katharina Thalbach in der Rolle des "Alten Fritz"

Die Vergänglichkeit der Schauspielerei

Katharina Thalbach
Katharina Thalbach mit Pierrot anlässlich der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 2007 in München

Der Durchbruch als Filmschauspielerin lässt nicht lang auf sich warten. In Volker Schlöndorffs Inszenierung der "Blechtrommel" von 1979 spielt sie Maria, die junge Stiefmutter und Liebhaberin des kleinen Oskars, die ihn Brausepulver aus ihrem Bauchnabel naschen lässt. Eine tragende Rolle im ersten deutschen Film, der je einen Oscar erhielt.

Ihre Darstellung der widerspruchsvollen Lotte in Doris Dörries Beziehungsdrama "Paradies" (1986) wird mit dem Deutschen Filmpreis prämiert; für die feinsinnige Auslotung einer konflikthaften Frauenfreundschaft in "Gefährliche Freundin" (1996) erhält sie mit Spielpartnerin Corinna Harfouch den Adolf-Grimme-Preis. Anstatt daraufhin abzuheben, spielt sie nach wie vor auch die kleinsten Nebenrollen mit großer Leidenschaft.

In der Gangster-Komödie "Der Eisbär" (1998) ist sie es, der längst hochprämierte Star, der für wenige Sekunden als Schnapsdrossel den Kopf vom Kneipentisch hebt und mit herrlich verrauchter Stimme nur zwei Sätze von sich gibt.

An der Seite Henry Hübchens gibt sie in der DDR-Komödie "Sonnenallee" (1999) eine ostdeutsche Familienmutter, der sich eine Fluchtmöglichkeit bietet und die dann doch nicht die geliebte Familie verlassen kann. Auch für Rollen in Nischenproduktionen wie zuletzt in Leander Hausmanns und Sven Regeners "Hai Alarm am Müggelsee" (2013) ist sich "die Thalbach" nicht zu schade.

"Ruhm war für mich immer ein merkwürdiger Begriff, ich besaß diese falsche Ehrfurcht nie. Ich wuchs mit berühmten Leuten auf, sogar mit weltberühmten, wie die Weigel oder Ernst Busch, und zu denen kamen ins Berliner Ensemble Weltstars, die sie aus der Emigration kannten, die liefen als normale Menschen an mir vorbei. Deswegen konnte ich damit umgehen, das war alles relativ."

Katharina Thalbach

In einem Interview verrät sie einem Journalisten, dass sie die Vergänglichkeit der Schauspielkunst im Vergleich zu bildenden Künsten zwar sehr traurig finde, darin jedoch auch ihren Reiz sehe. Es sei vor allem diese Vergänglichkeit der Schauspielerei, die sie so menschlich und lebensnah mache. Mit dem Entstehen eines Ausdrucks würde auch immer sein sofortiges Sterben einhergehen, weshalb nur die eine Sekunde seiner Existenz zähle, in der einfach alles passen müsse. So lässt sich verstehen, warum sie selbst die kleinen Rollen bis heute nicht überhat.

Kurzbiografie

geboren am 19. Januar 1954 in Berlin

ab dem vierten Lebensjahr Kinderrollen

1966 Tod der Mutter, Helene Weigel kümmert sich um Thalbachs Ausbildung

1969 Durchbruch mit der Rolle der Polly in der "Dreigroschenoper"

1971 Abitur, Bühnenreifeprüfung und Wechsel an die Volksbühne Berlin

1972 Kritikerpreis der Berliner Zeitung für ihre Darbietung als Desdemona in "Othello"

1976 Übersiedlung nach West-Berlin

1978 Bayerischer Filmpreis: Beste Nachwuchsdarstellerin

1979 Rolle der Maria in Volker Schlöndorffs "Blechtrommel"

1980 Schauspielerin des Jahres

1987 Deutscher Filmpreis ("Beste Darstellerin")

1987 Regiedebüt mit "Macbeth" am Berliner Schillertheater

1989-1994 mehrere Regiearbeiten in Berlin und Hamburg

1996 Inszenierung von "Der Hauptmann von Köpenick"

1996 Adolf-Grimme-Preis

1996 Bundesverdienstkreuz

1997 Carl-Zuckmeyer-Medaille

2007 Bayerischer Filmpreis: Beste Darstellerin in "Strajk – Die Heldin von Danzig"

2012 Deutscher Schauspielerpreis (Ehrenpreis für das Lebenswerk) und Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin

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