Nationalistische Kulturpolitik in Polen Der Kulturkampf hat in Polen das Theater erreicht

Kultur soll unterhalten und nationale Identität stiften. So zumindest die Meinung der seit 2015 in Polen regierenden Partei PiS (Prawo i Sprawiedliwość). Um die nationalkonservativen Ziele durchzusetzen, wird die Kulturszene umgebaut: Museen, Filmproduktion und Fernsehen sind schon länger betroffen. Seit einiger Zeit sind die Theater in den Fokus der Regierung geraten.

Die Lage der Theatermacher in Polen wird zunehmend ernster. Theaterexperte Thomas Irmer sagte MDR KULTUR: "Der Kulturkampf hat auch das Theater erreicht". So würden auf der Leitungsebene Intendanten ausgewechselt und durch künstlerisch unbedeutende Kräfte ersetzt. Zu den vom Kulturministerium gelenkten Theatern gehöre als Nationaltheater auch das Stary Theater in Krakau. Hier musste der Intendant Jan Klata seinen Posten im September verlassen.

Ein großer Umbauprozess ist erkennbar.

Theaterexperte Thomas Irmer

Der Umbau begann in Breslau mit der Abberufung des Intendanten Krzysztof Mieszkowski, erklärt Polenexperte Irmer. Der international renommierte Theatermacher Mieszkowski veranstaltete mit seinem Theater viele Gastspiele, war dadurch auch international bekannt und äußerte sich regierungskritisch. Nach dem Wechsel an der Spitze weigerte sich aber ein Großteil des Ensembles mit dem Nachfolger zusammenzuarbeiten. Zudem gebe es in der Kulturszene indirekte staatliche Einmischungen bei Subventionszuwendungen oder Kürzungen für unliebsame Theater, wie beim Privattheater Polonia.

Politische Eingriffe bleiben nicht unbeantwortet

Jan Klata, Ex-Chef des Stary Theaters in Krakau.
Jan Klata musste das Theater Krakau als Intendant verlassen, doch sein Ensemble protestiert gegen die neue Leitung. Bildrechte: dpa

Trotz der PiS-Theaterpolitik ist für die Theater vor allem noch die kommunale Trägerschaft ausschlaggebend. Nicht alle Städte werden von der PiS-Partei regiert. Eine übergreifende Reaktion auf die Eingriffe der Regierung in die Theaterszene war auch der Zusammenschluss von Regisseuren im Juni mit dem Ziel, "ausgewechselte" Theater zu boykottieren. Das treffe die Umstrukturierung empfindlich, denn es fehle hochklassiges künstlerisches Personal, erklärt Irmer. In Warschau richteten sich die Proteste gegen eine Inszenierung, in Krakau protestierte das Ensemble des Stary Theaters gegen die neue Leitung. Andererseits betont Irmer, dass das Publikum die PiS-Pläne boykottiere.

Alle haben etwas zu verteidigen. Man beruft sich in Polen auf die Zivilgesellschaft, die zeitweise auch in der Kultur sehr stark war.

Theaterexperte Thomas Irmer

Die Zivilgesellschaft zeigt sich solidarisch: Kritische Aufführungen sind beim Publikum besonders beliebt und die Macher freuen sich über ausverkaufte Vorstellungen.

Zeichen der Verbundenheit

Koproduktionen und eine verstärkte Zusammenarbeit auf Festivalebene könnten die Situation aus Deutschland heraus in Polen verbessern und so überhaupt "die Fortsetzung der künstlerischen Arbeit ermöglichen", schlägt Irmer vor.

Die Themen im MDR KULTUR Spezial "Theater in Polen am Scheideweg?" MDR KULTUR | 30.11.2017 | 18:05 Uhr

Was die Regierung will: Gespräch mit dem ARD-Korrespondenten Jan Pallokat darüber, was die PiS-Regierung will, und wie die Oppositionen dagegen halten.

Wie die Theater reagieren: Gespräch mit dem Theaterexperten Thomas Irmer darüber, wie sich der politisch gewollte Umbau an den Theatern konkret auswirkt.

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Grenzüberschreitungen: In Zittau findet Theaterarbeit im Dreiländereck statt. Grenzüberschreitungen sind Programm. Bis jetzt. Wie sieht die Zukunft aus? Ein Beitrag von Michael Bartsch.

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2017, 18:58 Uhr

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