Kabarettist Jürgen Hart liest ein Buch in seinem Büro in seiner Wohnung in Berlin. 2000
Als Schlagersänger wurde Jürgen Hart bekannt, dabei war er im Herzen immer Kabarettist. Bildrechte: IMAGO

Lebensläufe Jürgen Hart Mehr als ein singender Sachse

Alt, grummelnd und lustig wollte Jürgen Hart den Wandel der Zeiten kommentieren. Das hat er nicht geschafft. Doch bis heute haben die Menschen den ehemaligen Chef der Academixer Jürgen Hart nicht vergessen. Der Kabarettist starb 2002 in Leipzig. Am 20. September dieses Jahres wäre er 75 Jahre alt geworden.

von Heike Bittner

Kabarettist Jürgen Hart liest ein Buch in seinem Büro in seiner Wohnung in Berlin. 2000
Als Schlagersänger wurde Jürgen Hart bekannt, dabei war er im Herzen immer Kabarettist. Bildrechte: IMAGO

Idyllisch liegt das Kleinstädtchen Treuen im Vogtland inmitten von Wald und Wiesen. Im September 1942 wird Jürgen Hart hier geboren. Sein Vater war als Chef der Tanzkapelle Hart Löscher ein bekannter Musiker.

Wir waren ja sowas wie ein Musikerhaushalt. Der Vater betrieb ein Tanzorchester und war insofern künstlerischen Betätigungen gegenüber ziemlich offen. Und meine Mutter war die Heiterste in der Familie. Sie war durchaus in der Lage, Abendgesellschaften zu unterhalten.

Jürgen Hart

Ein stiller Beobachter entdeckt die Bühne

Jürgen Hart war ein guter Schüler – und eher ein introvertierter Mensch, wie sein ehemaliger Kollege Gunter Böhnke erzählt.

Er war kein Unterhalter. Man konnte sich zwar mit ihm unterhalten, aber er hat nicht etwa Witze gemacht oder so, sondern er war sehr zurückhaltend.

Gunter Böhnke, "Die Academixer"
Katrin Hart, Ehefrau von Jürgen Hart
Bildrechte: MDR

Das ist nicht unbedingt ein Widerspruch für einen, der auf die Bühne geht. Wenn man ein Sendungsbewusstsein hat, und weiß, was und warum man das sagen will, dann hat man auch als Persönlichkeit eine Stärke. Die kommt dann oft dazu, wenn man den Schritt auf die Bühne macht.

Katrin Hart, Ehefrau

Der Schritt auf die Bühne kommt während seines Armeedienstes 1961-63.

Um diesem tristen, eintönigen Alltag zu entgehen, besann ich mich einfach darauf, dort etwas Kulturelles zu machen. Ich fand ein paar Abiturienten, und mit denen haben wir eine Kabarettgruppe gegründet.

Jürgen Hart

Danach beginnt Jürgen Hart ein Lehrerstudium für Musik und Deutsch in der für ihn großen Messestadt Leipzig. Das war 1963. Wieder sucht er nach kultureller Betätigung. Es verschlägt ihn an die Studentenbühne, wo er 1963 seinen zukünftigen Academixer-Kollegen Gunter Böhnke kennenlernt.

Gunter Böhnke von den Academixern
Bildrechte: MDR

Wir mussten ja immer im September oder Oktober den Bauern helfen, die Kartoffeln rauszukriegen. Und dort beim Lesen der Kartoffeln, in diesem Gestank, fragte mich Jürgen Hart: Hättest Du eigentlich auch Interesse, Kabarett zu machen? Also nicht nur Studentenbühne? Und da hab ich kurz überlegt und hab gedacht: Schlimmer als hier kann es auch nicht werden und hab ja gesagt.

Gunter Böhnke

Vom Lachen zum Nachdenken

Jürgen Hart bei einem Auftritt
Die Academixer bei einem Auftritt Bildrechte: MDR

Es gab zu der Zeit bereits ein Kabarett "Die Academixer". Das Ensemble wurde aufgelöst und Jürgen Hart sollte mit neuen Leuten den Namen weiterführen.

Hier beginnt er, seine Leidenschaft zu entwickeln: schreiben und auf der Bühne stehen, um andere mit Lachen zum Nachdenken zu bewegen.

In den Anfängen war weitestgehend Jürgen der Macher. Textlich z.B. waren wir da kaum vertreten. Er hatte auch die Struktur vorgegeben, wir wollen das und das Thema.

Bernd-Lutz Lange, "Die Academixer"

Er selber hat immer gesagt – das hat er auch aufgeschrieben – dass wir immer alles im Kollektiv machen.

Gunter Böhnke

Es dauert nicht lange, da wird das DDR-Fernsehen auf die Laientruppe aufmerksam. Jürgen Hart bekommt sogar seine eigene Rubrik.

Anfang der 70er lernt er Katrin kennen. Sie verstärkt das Kabarettteam. 1974 heiraten sie, gründen eine Familie. Auf der Bühne an seiner Seite ist sie zu Hause. Sie erlebt Tag für Tag wie die Texte, die später so einfach erscheinen, langsam entstehen.

Katrin Hart, Ehefrau von Jürgen Hart
Bildrechte: MDR

Jürgen Hart brauchte Rituale für die Arbeit. Sonst konnte der überhaupt nicht anfangen. Z.B. hat er stundenlang alle Zettel geordnet, abgeheftet, Bleistifte gespitzt, nach der Größe hingelegt. Und wenn wirklich nichts mehr aufzuräumen oder zu richten war, dann musste er ja schreiben. Und dann hat er vielleicht auf das leere Blatt ein paar Worte geschrieben.

Katrin Hart

Jürgen Hart, der Sachse

Dann kommt das Jahr 1980. Es gibt schon die ersten Schallplatten von Jürgen Hart. Für ein neues Album fehlt noch ein Lied. Jürgen Hart gibt noch einen Text mit dazu, schickt ihn ausnahmsweise an Arndt Bause, den Schlagerkomponisten. Und der schreibt eine Melodie für "Sing mei Sachse sing".

Das ist es gewesen, womit man Jürgen Hart verbindet. Das ist eben nicht Kabarettist, und eben nicht Autor und Spieler und Regisseur – sondern: ein Schlager. Und das war für ihn sehr schwer zu akzeptieren.

Katrin Hart
Jürgen Hart "Sing mei Sachse sing"
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

02:16 min

https://www.mdr.de/meine-schlagerwelt/musik/video-28308.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Auf einmal ist Jürgen Hart überall bekannt, soll Autogrammkarten unterschreiben.

Das war wirklich hart. Von einem Tag zum anderen konnte Jürgen Hart in keine Gaststätte mehr gehen, keine Straßenbahn mehr fahren. Selbst wenn er durch Leipzig gelaufen ist haben ihn bestimmt vier fünf Leute angehalten. Und manche haben geschrien: "Das ist ja der Sachse!"

Katrin Hart

1980 bekommen die Academixer ihren eigenen Keller. Mittwoch bis Sonntag tritt das Kollektiv hier auf. Welche Freude und gleichzeitig, welch ein Spagat. Jürgen Hart will hier vor allem eines: den Menschen und der Gesellschaft den Spiegel vorhalten.

Es gibt, was die Erfahrung DDR betrifft, eine ganz große positive Erfahrung, die man aber nicht generalisieren kann, die haben vielleicht nur ich und einige andere in meinem Umfeld gemacht, dass man auch trotz des Sozialismus etwas werden kann.

Jürgen Hart

Als Leiter der Academixer muss sich Jürgen Hartmit der SED-Politik arrangieren - eine schwierige Gratwanderung bis zum Ende dieses Staates.

Wir haben noch nicht die Formen gefunden, die es uns gestatten, brisante gesellschaftliche Themen Kabarett-gerecht zu gestalten. Also wird im Kabarett noch leider zu viel über Klischees und Kleinkram gelacht als über die wirklich brisanten und großen gesellschaftlichen Themen.

Jürgen Hart 1976

Jürgen Hart gelingt es, für sein Kabarett die "feinen Klingen" zu kreuzen. Die Academixer werden mit Preisen überhäuft und zu einem der beliebtesten Kabarettensembles der DDR. Verboten werden sie nie.

Bernd-Lutz Lange von den Academixern
Bildrechte: MDR

Aber das lag auch ein bisschen mit daran, dass Jürgen natürlich mit einer großartigen Strategie und Taktik manche Texte geschrieben hat. Es gab Texte, wo andere gesagt haben: das ist ja unglaublich, dass das durchgegangen ist. Wir haben irgendwas in der Antike spielen lassen und jeder wusste: Das ist ja die Gegenwart.

Bernd-Lutz Lange

1989: Es brodelt auf Leipzigs Straßen

Auch privat läuft es gut. Jürgen Hart kann sich ein Häuschen kaufen mit Garten und Hund, er angelt, erzieht die Kinder. Dann kommt der Herbst 1989. Bei Jürgen Hart um die Ecke, kaum einen Kilometer von seinem Haus entfernt, brodelt es auf den Straßen Leipzigs.

Jürgen war der Meinung, dass er mit seinen Mitteln die Veränderungen unterstützen will. Und dazu gehörte nicht, auf die Straße zu gehen. Das hat er auch ganz klar so gesagt: 'Ich schreibe Kabaretttexte'. Und er hat natürlich Kabaretttexte geschrieben, die es so in der DDR sonst nicht gab.

Gunter Böhnke

Die Einschränkungen des DDR-Regimes scheinen Jürgen Harts Kunstfertigkeit beflügelt zu haben.

Jürgen Hart 1992
Bildrechte: BR

Zeiten der Repressionen sind immer gute Zeiten für Kabarett, weil sie Satiriker zwingen, mit List, mit Hintergründigkeit, mit Doppelsinn zu arbeiten. Sie werden dort handwerklich gefordert. Und das ist jetzt kein Lob der Zensur – aber: Zensur macht kunstfertig.

Jürgen Hart 1992
Katrin und Jürgen Hart
Jürgen Hart mit seiner Frau Katrin Bildrechte: dpa

Aus den veränderten Rahmenbedingungen zieht der Künstler Konsequenzen: Jürgen Hart gibt die Leitung der Academixer ab. Er schreibt Bücher und Drehbücher, tritt in Einzelprogrammen mit seiner Frau Katrin auf, reist viel. Schließlich zieht er sich ein ganzes Stück weit ins Private zurück. Und dann folgt im November 2001 eine Diagnose: Krebs im Endstadium. Jürgen Hart stirbt am 9. April 2002.

Was wir hier noch nicht gesagt haben, dass Jürgen wirklich wahrscheinlich zu den genialsten Kabaretttextern der DDR gehört hat. (…) In meinen Augen war er auch Dramatiker. Die Texte waren teilweise kleine Theaterstücke.

Bernd-Lutz Lange

Die Familie und die Freunde haben ihn auf dem Südfriedhof beerdigt. "Sing mei Sachse Sing" steht auf dem Grabstein, in dem Glauben, dass es das sein wird, woran sich viele erinnern. Doch von Jürgen Hart ist viel mehr geblieben: Er verhalf den Sachsen zu Selbstbewusstsein in Texten und Liedern.

Er hatte schon wirklich eine genial Hand für Texte. Aber wenn die auch nicht mehr da sind da würde ich sagen, bleibt einfach eine Erinnerung an einen Namen, der eine Rolle gespielt hat in Sachsen. Und das finde ich ist ziemlich viel von einem Leben.

Katrin Hart

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 14. September 2017 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2017, 21:12 Uhr

Jürgen Hart "Sing mei Sachse sing"
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02:16 min

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