Konstantin Wecker
Eigentlich wollte er nie politische Lieder schreiben. Heute ist er einer der bekanntesten politischen Liedermacher Deutschlands. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR-Café mit Konstantin Wecker "Ich war mit Mitte vierzig dem Tod näher als jetzt mit siebzig"

Er wollte nie politischer Liedermacher werden, aber dann kam immer wieder die Wut über ihn. Was ihn bewegt, fasst Konstantin Wecker seit über 50 Jahren in Poesie und Wort zusammen. Er gehört neben Hannes Wader, Reinhard Mey, Franz-Joseph Degenhardt oder Wolf Biermann zu den berühmtesten Liedermachern Deutschlands. "Das ganze Abenteuer nochmal wagen. Das ganze schrecklich schöne Leben? Ja", singt der heute 70-Jährige und ist auf Tour, als wäre er dreißig.

Konstantin Wecker
Eigentlich wollte er nie politische Lieder schreiben. Heute ist er einer der bekanntesten politischen Liedermacher Deutschlands. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Lobby des Tourhotels ist eine große Glashalle. Wir sitzen exponiert. Vor und nach dem Gespräch nimmt Konstantin Wecker warmherzig zugewandt Fans für Fotos in den Arm. "Das ist ja irre. Heute gibt's von allem und jedem ein Foto. Alles ist im Bild dokumentiert!" Wie viele Selfies er bislang schmückt, kann er wahrscheinlich selbst nicht mehr zählen.

Sobald das Interview beginnt, springt seine große Denkmaschine an. Er sinniert, überlegt lange, holt tief Luft und nimmt sich Raum. Einige Sätze sind aus seinem aktuellen Buch "Das ganze schrecklich schöne Leben" bekannt, aber das Nachdenken über sich, über heutige Lebensumstände, Politik und Gesellschaft nimmt ihn immer wieder neu in Beschlag. Und so versinkt ein Vier-Augen-Gespräch unter den Augen vieler rund herum ins Entspinnen immer wieder neuer Gedanken. Natürlich: Wer mit Wecker spricht, könnte das stundenlang tun.

Spezialist in Sachen Autobiografie

Konstantin Wecker und Moderatorin Julia Hemmerling
Bildrechte: MDR/Julia Hemmerling

Der Erfolg hat ihn verändert, gibt er heute aufrichtig zu. Und wenn man sich vielleicht in vielen Lebensphasen nicht darauf verlassen konnte, was mit ihm als Nächstes passierte, auf eines war Verlass: Auf der Bühne hat er sich nie verstellt. Heute ist er nicht nur Musiker und Dichter, sondern auch ein ehrlicher, reflektierter und schonungsloser Autobiograf. Konstantin Wecker macht keinen Unterschied zwischen seiner Privatperson, dem Dichter und dem Bühnencharismatiker. In diesem Jahr ist er 70 Jahre alt geworden, was seinen Verleger dazu antrieb, um noch eine Autobiografie zu bitten. Die dritte, könnte man sagen – wenn Wecker nicht sogar in jedem Werk von sich selbst ausgeht.

"Das ganze schrecklich schöne Leben" ist nach "Die Kunst des Scheiterns" und "Mönch und Krieger" das dritte Buch, das ihn als Menschen bespricht, seine Schlüsse aus den eigenen, auch den abgründigen Erfahrungen jedem zugänglich macht, der über Wecker lesen will. Aber dieses Mal setzt sich das Wecker-Portrait aus dreierlei Perspektiven zusammen: Sein alter Freund Günther Bauch hat ebenso Texte beigesteuert, wie der Journalist und Wecker-Kenner Roland Rottenfußer. Insofern handelt es sich hier vielmehr um eine Biografie mit von Wecker geschriebenen autobiografischen Abschnitten.

Ich schreibe mit 25 anders über mich selbst, als mit 50 oder mit 70.

Konstantin Wecker

Eine Biografie als Zäsur am Lebensabend? Nein, denn der Status Quo seiner eigenen Entwicklung war oft schon Mittelpunkt seines Schaffens. Manchmal fragen ihn Leute anlässlich seines Siebzigsten, ob er mittlerweile mehr über die Endlichkeit nachdenke. Er erwidert: So viel wie jetzt, habe er noch nie über die Unendlichkeit nachgedacht.

Ich war mit Mitte vierzig dem Tod näher als jetzt mit siebzig.

Konstantin Wecker

Kultur als Sprachrohr der Zivilgesellschaft

Seine Angst, ein neuer Weltkrieg könnte ausbrechen, treibt ihn um. Er gibt Konzerte gegen rechte Gewalt, empört sich über Donald Trump, Erdogan und le Pen und ist in der Flüchtlingshilfe aktiv.

Alle waren in den Siebzigern politische Liedermacher. Ich wollte nie einer sein. Ich war und bin ein Anarcho.

Konstantin Wecker

Derzeit beschäftigt Wecker vor allem der Aufstand der Leisen. Die Millionen Flüchtlingshelfer, die selten Erwähnung fänden, aber der Politik gegenüber eine klare Haltung zeigten. Auch die Pfleger und alle, die Dienste am Menschen tun, würden zu schlecht bezahlt. All denen will er derzeit zur Seite stehen, indem er ihnen eine öffentliche Stimme gibt. Eigene Texte schreibe er schon lange nicht mehr, aber er will auch nicht die alten Lieder  in den Dienst einer Ideologie stellen und sei es seine eigene.

Wenn Poesie vollständig ausgedeutet wird, dann endet sie als Parole.

Konstantin Wecker

Eine Lehre aus den Sprachwissenschaften, die sich der Intellektuelle zur Maxime macht. Kunst bleibt Kunst und Engagement bleibt Engagement. Er räuspert sich, er setzt sich auf, dieses Thema nimmt ihn mit.

Der Herdplattenanfasser mit dem langen Atem

Der "Willi", ein Lied über einen Freund, der von Neonazis erschlagen worden ist, hat ihm 1977 ein großes Publikum erschlossen – und das nach einer Phase, in der er sein Kleingeld mit Sexfilmen verdient hat. Der "Willi"  war sein Coming Out, ihm habe er viel zu verdanken. Willi war in Wirklichkeit sein Freund Günther Bauch und er ist quicklebendig. Aber Günthers Begegnung mit den Neonazis in einer Kneipe hat den "Willi" zur Geburt verholfen und schließlich Weckers Ruhm einen Schub gegeben.
Genauso wie Hannes Waders Tankerkönig 1972, oder Reinhard Meys "Über den Wolken" 1974, war es bei Wecker ein einziger Song, der eine Art Karrierestart verursacht hat. Ab dann aber haben die Liedermacher der alten Garde sich die Treue ihres Publikums vor allem live erspielt.

Auch heute noch ist Wecker seinen Hörern dankbar für das Mitgefühl und die Stetigkeit auch in Zeiten, in denen er unausstehlich gewesen sei (bis Mitte der Neunziger war er schwer kokainabhängig). Junge Stars hätten dagegen mittlerweile viel stärker mit dem Phänomen des One-Hit-Wonders zu kämpfen. Auch auf seinem aktuellen Album "Poesie und Widerstand" ist er von jungen Künstlern wie Concita Wurst oder der südamerikanischen Sängerin Gabi Moreno umgeben. Auch wenn der größte Teil seines Publikums mit ihm altert, sind immer wieder junge Zuhörer auf seinen Konzerten zu sehen. Dieser Generation möchte der zweifache Vater Haltung mitgeben.

Sobald das Gespräch vorbei ist, fährt Weckers Denkmaschine auf Normalleistung herunter. Wecker wird leise, mehr auf sich bedacht, stellt seine Wirkungswucht ein. Er verstellt sich nicht in der Öffentlichkeit, aber sie hat dieses  Mal die Symptome einer flüchtigen Müdigkeit besiegt.
Im Foyer steht Günther Bauch, Co-Autor der neuen Wecker-Biografie und uralter Freund des Künstlers. Die Vertrautheit zwischen den beiden Männern wird sofort klar. "Komm, noch einmal vor die Tür, mein Alter, und dann los." Wecker raucht noch eine Zigarette, ein kurzes Gespräch mit Günther und die zwei steigen in den schwarzen Wagen, der sie zum nächsten Auftritt bringen wird.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR-Café | 24. September 2017 | 12:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2017, 12:05 Uhr