Nicol Ljubić und Katrin Schumacher beim MDR KULTUR Café
Nicol Ljubić und Katrin Schumacher im MDR KULTUR Café Bildrechte: Nicol Ljubić/Katrin Schumacher

MDR KULTUR-Café Nicol Ljubić: Der Spagat zwischen Privatem und Engagement

Wo ist die Grenze zwischen Engagement und Fanatismus? Wo wird es schädlich, wenn das Politische zu privat wird? Diese Fragen lotet der Schriftsteller Nicol Ljubić in seinem neuen Roman aus. "Ein Mensch brennt" ist gerade erst erschienen – im MDR Kultur-Café feiern wir diesmal eine Buch- und Lesepremiere. Der Autor ist zu Gast bei Literaturredakteurin Katrin Schumacher und hat Passagen aus seinem neuen Roman mitgebracht.

Nicol Ljubić und Katrin Schumacher beim MDR KULTUR Café
Nicol Ljubić und Katrin Schumacher im MDR KULTUR Café Bildrechte: Nicol Ljubić/Katrin Schumacher

So ein Protagonist ist ein Geschenk. Ein Direktimport aus der bundesrepublikanischen Geschichte. Hartmut Gründler, ein Tübinger Lehrer und Anti-Atomkraft-Fanatiker verbrannte sich am 16. November 1977 selbst – aus Protest gegen die Atomkraftpolitik des damaligen Kanzlers Helmut Schmidt. Mit Demos, Flugblättern, Hungerstreiks hat er zuvor versucht, Öffentlichkeit zu schaffen. Doch es ist schließlich seine Selbstverbrennung in Hamburg, die ihn in die Geschichte eingehen lässt. Wobei es den Autor Nicol Ljubić wundert, wie wenige Menschen sich noch an Gründler erinnern.

Wenn ich von der Verbrennung erzähle, kommt die gleiche Reaktion: Das ist ja eine krasse Geschichte, wieso weiß ich das nicht? Und die nächste Frage schließt sich immer an: Gibt es eigentlich noch Idealisten? Und wieviel Opfer rechtfertigt solch ein Kampf?

Nicol Ljubić

Eine Erzählung zwischen Tragik und Komik

Die Arbeit an dem Roman hat auch deshalb so lange gewährt, weil Nicol Ljubić lange nach einem Ton gesucht hat, um die tragischen Ereignisse um Hartmut Gründler herum zu erzählen. Schließlich erfand er einen kleinen Jungen, den zehnjährigen Hanno Kelsterberg, in dessen Familie Hartmut Gründler als Untermieter platzt. Zwischen Tragik und großer Komik liest sich die Erzählung nun – denn Hanno beobachtet den Mieter im Keller mit naiv-neugierigem Blick. Er interessiert sich für nichts mehr als für Fußball, und nimmt die Protestbewegung samt ihrer konspirativen Treffen, Flugblätter und Geldsammelaktionen aus der Distanz des nur teilweisen Verstehens wahr.

Was Hanno Kelsterberg sehr wohl merkt, ist, dass seine Mutter ihn vernachlässigt. Die gerät immer mehr in den Sog des fanatischen Mieters und beginnt, sich aus der traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familie zu emanzipieren. Sie vergisst Hannos Geburtstag über das Flugblattverteilen, kocht nur noch Tofu und Grünkernklopse, verlässt ganz am Schluss Hannos Vater und zieht mit ihrem Sohn in die Großstadt. Auch das erzählt der Roman in seinem Kern: die Implosion einer Familie.

Ich selbst glaube, der Kampf fürs Gute und für eine bessere Welt rechtfertigt nicht, dass man sein eigenes Kind vernachlässigt. Was im Gegenzug aber nicht heißt, dass man sich nur auf seine Kinder und seine Familie und sein privates Umfeld konzentrieren sollte, und der Rest einem egal ist.

Nicol Ljubić

Dies ist ihm bei der Arbeit an dem Roman sehr bewusst geworden, erzählt Nicol Ljubić – der diesen Spagat zwischen Privatem und Engagement stets selbst vollzieht. Er hat etwa zwei europäische Schriftstellerkonferenzen mitorganisiert und gründete eine Partei, die jetzt im Bundestagswahlkampf in acht Bundesländern zur Wahl steht. Eine reine Familiengeschichte mit seinem neuen Roman zu schreiben, wäre ihm zu wenig gewesen, sagt er. Immer spielen die Analyse der Gesellschaft, Politik und Zeitgeschichte in seinen Romanen eine Rolle.

Über den Schriftsteller

Nicol Ljubić wurde 1971 in Zagreb geboren. Seine Familie verließ Jugoslawien, da war er drei Jahre alt, seine Kindheit verbrachte er in Griechenland, Russland und Schweden. Mit 16 zog er nach Bremen und studierte später an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Der studierte Politikwissenschaftler arbeitet als Journalist und Autor und wohnt heute in Berlin. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet. 2011 bekam er für seinen Roman "Meeresstille" den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. Bisher veröffentlichte er sieben Bücher. In den Jahren 2014 und 2016 war er zusammen mit Antje Rávic Strubel, Frank-Walter Steinmeier und anderen Initiator der Europäischen Schriftstellerkonferenz.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR-Café | 10. September 2017 | 12:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2017, 14:58 Uhr