Neue Alben | 26.07.2016 Experimentelle und zeitlose Klänge

Folksängerin und Bürgerrechtlerin Joan Baez verewigt ihren 75. Geburtstag, Elektro-Avantgardist Klaus Waldeck mischt Italo-Western- mit Schlagerklängen und der junge Schweizer Geiger Sebastian Bohren stellt sich der Herausforderung von Beethovens Violinkonzert. Diese und drei weitere Neuvorstellungen haben in dieser Woche Ihr Gehör verdient:

von Heidi Eichenberg (Pop) und Martin Hoffmeister (Klassik)

Waldeck: "Gran Paradiso"

Label: Dope Noir
CD-Bestellnummer: DONO 31

"Gran Paradiso" hat der Wiener Elektronikmusiker Klaus Waldeck sein drittes Album genannt, das eine musikalische Sparte bedient, die seit Anfang der 90er-Jahre recht erfolgreich ist: Musik mit elektronischen Samples oder Sounds.

Waldeck -
Bildrechte: Factory 92, Soulfood

Waldeck gehört zur Wiener Elektronik-Avantgarde der 90er-Jahre und hat mit seinen Alben "The Nightgarden" (2001) und "Ballroom Stories" (2007) für einiges Aufsehen gesorgt. Wien hat sich neben Paris in den letzten Jahren einen guten Ruf als Elektronikszene erarbeitet – Elektro-Swing, Elektro Tango usw. Die einstige Speerspitze der elektronischen Clubmusik sei heute allerdings zu Friseurmusik verkommen, sagte Waldeck schon vor etlichen Jahren in einem Interview. Sein neuestes Opus "Gran Paradiso" ist deshalb auch eine "Spaghetti Western Produktion" mit allen möglichen Einflüssen von Tango, Dub bis Reggae; also "dolce vita" vor der Kulisse zu "Spiel mir das Lied vom Tod".

Der Sound des Italo-Western mischt sich mit der Romantik des italienischen Nachkriegsschlagers; sinnlich dargeboten von Heidi Moussa Benammar. Das Ganze ist ein leicht ironisches Spiel mit Klischees in farbigen Motiven, die als alte Bekannte von irgendwo aus der Ferne grüßen. Waldeck ist ein schlauer Wiederverwerter von Szenen und Motiven und weiß als Jurist für Urheberrecht (als solcher arbeitete er, bevor er zur Musik kam) auch, wie weit man im Umgang mit Originalen und Samples gehen kann.

Ben Abraham: "Sirens"

Ben Abraham -
Bildrechte: Factory 92, Copyright Control

Label: Secretly Canadian
CD-Bestellnummer: SC330

Das Album "Sirens" des australischen Singer/Songwriters Ben Abraham sollte eigentlich schon im März erscheinen, die Veröffentlichung zog sich dann aber doch bis zum Juni hin. Allein die Aufnahme der Titel soll sich über zwei Jahre hingezogen haben und sieben Jahre lang hat Abraham an den Texten geschrieben.

Als er mit dem Schreiben von Songs begann, arbeitete er noch in einem Krankenhaus, danach war er Drehbuch-Student. Seinen Stil beschreibt er selbst als "Cinematic Folk" und macht seine eigene Entwicklungsgeschichte, seine Lernprozesse und Erfahrungen zum Thema kleiner Spielszenen – ein künstlerischer Reifeprozess als Geschichte. Damit ist es ihm sehr ernst, in seinem Album schreibt er u.a. in ein paar Zeilen an die Käufer:

Was Du in Deinen Händen hältst, ist der Fahrplan vom ersten Tag, als ich mein Herz hörte, bis zum Tag, an dem meine Musik in seinem Auftrag sprach.

Ben Abraham

Abraham bezaubert sein Publikum mit Stories und Charisma, der Australier hat sein neues Album "Sirens" mit zwei Freunden eingespielt, er selbst ist mit Gitarre, Ukulele, Piano und Harmonium präsent. Im Song "She" beschreibt er vielleicht eine der Sirenen, die ihm während seiner Schaffenszeit unterwegs begegnet sind. Und möglicherweise hat ihn die eine oder andere auch abgelenkt oder ins Unglück gestoßen. Sicherlich ist der Titel eine Anspielung an die Sirenen und Musen der griechischen Mythologie und mit denen hat ja auch der Berufsstand der Dichter, Sänger und Musiker gern häufiger zu tun.

Eine Begegnung mit einer Sirene, einer wunderschönen Stimme in Gestalt der amerikanischen Singer/Songwriterin Sara Bareilles, brachte ihm schließlich die Öffentlichkeit, die er am Anfang brauchte. Mit ihr gibt es auch einen gemeinsamen Song auf dem Album. Abraham postete auf Youtube einen Song – "To Sara from Ben" – sie sah es und lud ihn zu ihrem Konzert ein, zu einem gemeinsamen Song auf der Bühne, und es folgte ein gemeinsamer Song auf diesem Album: "This Is On Me". Ein Song über eine zerbrechende Beziehung, in der aber noch Hoffnung besteht, es vielleicht doch wieder hinzukriegen, aber wir müssen erst durchs Feuer gehen.

Joan Baez: "75th Birthday Celebration"

Joan Baez -
Bildrechte: Inakustik

Label: Inakustik/Razor & Tie
CD-Bestellnummer: JB00001

Die Folksängerin, Bürgerrechtlerin und Pazifistin Joan Baez feierte am 9. Januar dieses Jahres ihren 75. Geburtstag und lud aus diesem Anlass einige ihrer Musikkollegen, Weggefährten und Freunde ins Beacon Theater in New York ein. Das Label Inakustik hat das Konzert jetzt auf dem Doppelalbum "75th Birthday Celebration" veröffentlicht.

Judy Collins war an diesem Abend dabei und sang mit Joan Baez zusammen "Diamonds & Rust", einen ihrer erfolgreichsten Songs und eine eigene Komposition, die ihre missglückte Liebesbeziehung zu Bob Dylan thematisiert, zu finden auf dem Album "Diamonds & Rust" (1975). Aber auch die anderen Namen lesen sich wie die Gästeliste eines musikalischen Gipfeltreffens: Paul Simon, David Crosby, Emmylou Harris, Mavis Staples, Jackson Brown und Richard Thompson – und die Kolleginnen und Freundinnen der Indigo Girls, mit denen Joan Baez seit 1995 mehrfach auf der Bühne stand. Mit Mary Chapin Carpenter singt sie den Donovan-Hit "Catch The Wind" aus dem Jahr 1965.

Im Ganzen entsteht der Eindruck eines würdevoll entspannten Abends, an dem eine überaus bescheidene und warmherzige Musikerin gemeinsam mit Freunden die Erinnerung an ein ausgefülltes Leben feiert, in dem Musik und politischer Kampf immer zusammengehörten. In der Friedensbewegung, gegen Rassismus oder für Umwelt- und Menschenrechte – in der Stimme von Joan Baez schwingt das Timbre einer langen Freiheitsbewegung immer mit.

Trotzdem scheinen die einstigen Ideale der Woodstock-Generation aktuell im Angesicht von Krieg und Terror wie ein großer Scherbenhaufen dazuliegen – und so hat die Aktualität der Ereignisse auf makabre Art und Weise eine völlig neue Aufmerksamkeit für Joan Baez geschaffen. Nach dem Konzert bei den Schlossfestspielen in Regensburg am 25. Juli und nach den Ereignissen in München schrieb ein Journalist noch unter dem Eindruck des Konzerts: "Altmodische Werte wie Wahrheit und Menschlichkeit gewinnen plötzlich Kraft".

Shai Wosner: "Haydn & Ligeti. Concertos & Capriccios"

Ensemble: Danish National Symphony Orchestra
Leitung: Nicholas Collon
Label: Onyx Classics
CD-Bestellnummer: ONYX 4174

Shai Wosner:
Bildrechte: Onyx Classics

Der israelische Pianist Shai Wosner zählt fraglos zu den interessantesten Interpreten der Mittelgeneration. Nach Einspielungen von Werken Schuberts, Brahms, Schönbergs, Bartoks, Janaceks und Kurtags widmet sich der u.a. bei Emanuel Ax in New York ausgebildete Musiker auf seiner aktuellen CD Kompositionen von Joseph Haydn und György Ligeti. Scheinen die Werke-Paarungen auf den ersten Blick durchaus verwegen, so verweist Wosner auf gewichtige Gemeinsamkeiten. Sowohl Haydns als auch Ligetis Musik spielt mit Humor und Anleihen aus der europäischen Folklore.

Tatsächlich vermag Wosner dem tänzerisch leichten Haydn-Kosmos ebenso gerecht zu werden wie den eminenten technischen Herausforderungen der Ligeti-Kompositionen. Stets um luzide Spiegelung von Strukturen bemüht, weiß Wosner zudem um die Ausleuchtung klanglicher Zwischenreiche und dynamischer Schattierungen. Sein Ton zeigt sich fokussiert und doch offen für das Lichte der Haydn'schen Werke. Bemerkenswert erscheinen auch die improvisatorischen Elemente in den Kadenzen. Auf sämtlichen Ebenen eine Produktion mit Mehr-Wert.

Barry Douglas: "Brahms - Works for Solo Piano Vol. 6"

Label: Chandos Records
CD-Bestellnummer: CHAN 10903

Cover der CD
Bildrechte: Chandos Records

Wie kaum ein zweiter Klavier-Komponist wusste Johannes Brahms dem Flügel orchestrale Klang-Vielfalt und -Opulenz abzugewinnen. Für Pianisten zumeist eine mentale Parforce-Tour, zumal neben virtuoser Pyrotechnik auch zarte respektive lyrische Einlassungen gefragt sind. Der (nord-)irische Pianist und Dirigent Barry Douglas steht seit Jugend an für klanglichen Farbreichtum. Neben Klavier studierte er Cello, Klarinette und Orgel. Einen ersten Karriere-Markstein definierte der Gewinn der Goldmedaille beim "Internationalen Tschaikowski Wettbewerb" in Moskau 1986. Mit "Volume 6" komplettiert Douglas seine Einspielung der Werke für Solo-Klavier von Johannes Brahms.

Wie bereits die vorangegangenen Aufnahmen zeigt auch diese Produktion einen idealtypischen Brahms-Interpreten, der Brillanz, Virtuosität und energetischen Zugriff ebenso beherrscht wie delikate Anschlagskultur und kultivierte spielerische Eleganz. Douglas' Kunst oszilliert zwischen Wucht und sublim-skrupolöser Ausleuchtung. Ein nachhaltiges Plädoyer.

Sebastian Bohren: "Equal"

"Beethoven - Violin Concerto | Schumann - Francaix"
Ensemble: Chaarts Chamber Artists
Label: RCA
CD-Bestellnummer: RCA 88985317172

Cover der CD
Bildrechte: RCA

Im Prinzip gibt es kaum Gründe, dem opulenten Katalog mit Aufnahmen des Beethoven'schen Violinkonzerts op. 61 eine weitere hinzuzufügen. So lässt es durchaus aufmerken, wenn ein junger Schweizer Geiger die Herausforderung einer neuen Exegese annimmt. Tatsächlich unterscheidet sich Sebastian Bohrens Lesart des Konzertes deutlich von anderen.

Das liegt zum einen an dessen uneitler, nicht auf virtuoses Auftrumpfen und exzentrische Volte konzentrierten Spiels, zum anderen am klein besetzten Begleitensemble: Die ohne Dirigenten agierenden "Chaarts Chamber Artists" versammeln ehemalige Mitglieder des "Gustav Mahler Youth Orchestra" und anderer renommierter Orchester und Kammer-Formationen. Entsprechend nuancenreich und detailverliebt präsentiert sich das Resultat.

Beethovens Meisterwerk wird gelesen aus der Perspektive der Kammermusik. Entschlackt, fast "historisch-informiert" im Klang und doch dem Farbreichtum der Vorlage zugewandt, zelebrieren zwei Dutzend Musiker einen eher zurückgenommenen, von Extremen befreiten Beethoven. Die Passion von Solist und Ensemble gilt Intimität, Intensität und der Tiefenauslotung des Notentextes. Insofern ist diese weitere Annäherung an Beethovens Werk – gegen anfängliche Zweifel – mehr als willkommen.

Zuletzt aktualisiert: 26. Juli 2016, 19:28 Uhr

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