Theo Bleckmann
Theo Bleckmann schrieb sein neues Album "Elegy" nach dem Tod seiner Mutter Bildrechte: Lynne Harty

Neue Alben | 06.02.2017 Eine intensive Reise ins Klang-Meer

von Julia Hemmerling und Beatrice Schwartner

Theo Bleckmann
Theo Bleckmann schrieb sein neues Album "Elegy" nach dem Tod seiner Mutter Bildrechte: Lynne Harty

Veronika Harcsa und Bálint Gyémánt: "Tell Her"

Label: TRAUMTON

Veronika Harcsa & Bálint Gyémánt - Tell Her
Bildrechte: TRAUMTON

"Eine der besten jungen europäischen Sängerinnen kommt aus Ungarn", schreibt die Zeitschrift Jazzpodium in der Februarausgabe. Ein Satz, der die Theorie in den Schatten stellt, dass gute Sängerinnen Nacht für Nacht durch die Cotton Clubs und Birdlands getingelt sein müssen, um ihre Kunst zu einer veritablen zu machen. Harcsas Stimme, bekannt geworden durch die Zusammenarbeit mit Nicola Conte, oszilliert in ganz unterschiedlichen Farben, offenbar mit Bedacht geplant und ungemein energetisch. Einmal klingt sie, wie die jazzige Schwester von Alanis Morissette und im nächsten Moment wird sie zu einer sphärischen Sirene.
Nach ihrem Debut "Lifelover" 2014 hat das Duo nun noch mehr Harmoniewege erschlossen, gewagte Akkordwechsel zu dichten Kompositionen verbunden. Veronika Harcsa und Bálint Gyémánt haben aus den Wurzeln des Popsongs das jazzigste Ergebnis gemacht, das noch im Bereich des Möglichen ist. Packende Musik, mitunter etwas verkopft, die aber handwerklich mehr als erstaunt. (jh)

BRTHR: "Songs for Strange Nights"

Label: popup media

BRTHR - Strange Nights
Bildrechte: popup media

Bumm, Klatsch, Bumm, Klatsch. Die alte Drummachine macht gleich zu Anfang des Albums deutlich, worum es hier geht und worum nicht. Auf "Songs for Strange Nights" des Stuttgarter Duos BRTHR ist kaum ein veritables Solo zu hören, kein verschnörkelter Gesang. Der Zauber spielt sich hauptsächlich zwischen Philipp Eißler, Joscha Brettschneider und diesen Blechdosen-Beats ab. So will kein Instrument die Maschine in den Schatten stellen - unprätentiös und sehr reduziert liefern BRTHR Slow-Jam-Musik inspiriert von ihrem Großmeister JJ Cale. Eine derartige Entspanntheit lässt alle, die durch den Alltag hetzen augenrollend anhalten und mit einem Lächeln sagen "I resign" (Track 6): Ich gebs auf, denn ich habs nicht nötig.
Mehr Reduktion wäre Arbeitsverweigerung, aber so funktioniert diese Musik. Stellt sich nun nur noch die Frage, wie dieser um seine Vokale gebrachte Name auszusprechen ist. Hier drei Vorschläge: "Barthaar", „Brother“ oder, reduziert eben, "Brdrrrrr". (jh)

Theo Bleckmann: "Elegy"

Label: ECM Records

Theo Bleckmann - Elegy
Bildrechte: ECM Records

Eine Elegie, ein Klagelied über den Tod eines nahestehenden Menschen ruft rein künstlerisch nach absoluter Gestaltungsfreiheit. Daher tangieren den Deutsch-New Yorker Theo Bleckmann Formvorgaben dieses Mal nicht, kennt man ihn bislang doch als kreativen Soundtüftler aus Cabaret, Weill-Lied und Musical-Jazz. Seine Liebe zur Stimmmodulation gipfelte sogar in einem Engagement für einen Alienfilm. Bleckmann sprach den Alien…
Nach dem Tod seiner Mutter hat er nun zum Album "Elegy" ausgeholt. Maximal ein Song darauf erfüllt in etwa eine Art Radioformat. In allen anderen Titeln schafft er ein Klang-Meer, dem er seine schneidende Stimme unterordnet. Die Unterordnung der menschlichen Existenz, das Ergeben in höhere Kräfte leuchtet er in allen Facetten aus. Nur die Gitarre von Ben Monder sticht mitunter wie eine elektrische Macht hervor. Ein monumental komponiertes Werk mit all seiner Kraft und Trauer ist auch der Verdienst vom Produzenten Manfred Eicher. Zugegeben: keine Platte zum morgendlichen Wachwerden, aber in ruhigen Stunden eine intensive Reise. (jh)

"Espressione…"

Haydn – Chopin – Scriabin
Interpret: Lukasz Krupinski
Label: DUX Recording Producers

Espressione... Haydn Chopin Scriabin - Lukasz Krupinski
Bildrechte: DUX Recording Producers

Nicht selten zeitigen Debüt-CDs eine gewisse Magie, sind sie doch – jenseits von Marketing und kommerziellen Erwägungen – gezeichnet von unbedingter Fokussierung auf künstlerische Intention und subjektive Handhabe. Dass der 25-jährige polnische Pianist Lukasz Krupinski seine erste Aufnahme "Espressione... " überschrieb und mit Werken von Haydn, Chopin und Skriabin eine eher unkonventionelle Werke-Zusammenstellung setzte, lässt originäre Ambition ebenso aufscheinen wie die Suche nach erkenntnisstiftendem ästhetischen Konzept. Tatsächlich vermag der mehrfache Wettbewerbs-Gewinner (zuletzt beim Internationalen Klavierwettbewerb in San Marino 2016) Krupinski das Versprechen des Titels auf vielfache Weise einzulösen. Nimmt seine Haydn-Exegese durch klare Artikulation, strukturelle Durchdringung und die subtile Ausleuchtung von Nuancen für sich ein, so überzeugen die Chopin- und Skriabin-Lesarten durch vielgesichtige Koloristik, intensitäts-gesättigten Zugriff, stilsichere Rubati und raffinierte agogische Details. Souveränes Handwerk und unbedingter Gestaltungswillen runden dieses erstaunliche Debüt ab. (bs)

"L’Eventail de Jeanne"

Ravel – Ferroud – Ibert – Roland-Manuel – Delannoy – Roussel – Milhaud – Poulenc – Auric – Schmitt
Ravel Ma mere l’Oye
Interpreten: Orchestre National des Pays de la Loire, John Axelrod
Label: Naxos

L'Eventail de Jeanne - Ravel-Ferroud-Ibert-Roland Manuel-Delannoy...Ravel - Ma mere l'Oye - Orchestre National des Pays de la Loire, John Axelrod
Bildrechte: Naxos

Die Musikhistorie kennt nicht viele vergleichbare Experimente: "L’Eventail de Jeanne", das zehn- sätzige (Kinder-) Ballett von 1927 wurde von nicht weniger als zehn renommierten französischen Komponisten realisiert, darunter Ravel, Ibert, Roussel, Milhaud, Poulenc und Auric. Trotz der aufeinanderprallenden unterschiedlichen Klangsprachen zeitigte das Ergebnis beeindruckende Konsistenz. So spiegelt das Werk im Kern das facettenreiche Potential der französischen Komponistenszene in der Zeit zwischen 1. und 2. Weltkrieg. John Axelrod und das Orchestre National des Pays de la Loire wissen um die lichte Transparenz, die rhythmischen Finessen und die Farbnuancen der Partituren. So lässt der US-amerikanische Dirigent geradlinig wie duftig und detailaffin musizieren. Zum ersten Mal von einem französischen Orchester eingespielt schließt diese Produktion nicht zuletzt eine diskographische Repertoirelücke. (bs)

"Bach Bartok Boulez"

Interpret: Michael Barenboim  
Label: Accentus Music

Bach Bartok Boulez - Michael Barenboim
Bildrechte: Accentus Music

Komplexer könnten die Herausforderungen einer Debüt-CD nicht sein. Denn die Sonaten von Bach und Bartok ebenso wie die Anthemes von Boulez zeigen nicht nur unterschiedliche resp. gegensätzliche originäre kompositorische Welten, sondern verlangen zudem außergewöhnliche technische Fertigkeiten. Als erfahrener Virtuose mit breitem Repertoirespektrum sowohl im Kammermusik- als auch im Solo-Konzert-Segment verfügt Michael Barenboim über nachhaltige Erfahrungswerte, eine gewachsene Spielkultur und das angemessene handwerkliche Potential zur Bewältigung der diffizilen Aufgabe. Oszillierend zwischen zahllosen Dynamik- und Farbwerten, zumal zwischen experimentellem und tradiertem Zugriff vermag Barenboims von Spannung und skrupulöser Einlassung gezeichnetes Spiel Raum- und Zeitkategorien zu transzendieren. Beeindruckend am Ende, wie sich das heterogene Material im Nebeneinander zu einem neuen, sinnstiftenden Ganzen fügt. Musik als philosophisches Statement! (bs)

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im ... Radio | 06.02.2017 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2017, 13:16 Uhr

Musik Neuvorstellungen Jeden Montag stellt Ihnen MDR KULTUR - Das Radio Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor

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Insgesamt gibt es sechs Empfehlungen aus Jazz, Pop, Weltmusik, Chanson, Klassik, Barock etc. - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonntags zwischen 17:05 und 18:00 Uhr.