Panzerkreuzer Aurora
Panzerkreuzer Aurora Bildrechte: imago/Russian Look

Geschichtsforschung "Die Oktoberrevolution war ein Hungeraufstand"

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Panzerkreuzer Aurora
Panzerkreuzer Aurora Bildrechte: imago/Russian Look

Ein einziger Kanonenschuss verändert die Welt. So erzählt Film-Ikone Sergej Eisenstein die Geschichte vom Sturm auf das Winterpalais. Der wurde durch den Schuss der "Aurora" ausgelöst und schaffte eine der hartnäckigsten historischen Legenden: Die "Große Sozialistische Oktoberrevolution" als Aufstand der Massen gegen die Provisorische Regierung.

Die Gegenerzählung zum angeblichen heroischen Sturm auf das Winterpalais weiß nur von einem Staatsstreich einer Handvoll entschlossener Revolutionäre um Lenin und Trotzki zu berichten. In Wahrheit ist das Geschehen am Abend des 7. November nach gregorianischem Kalender nur eine Teilrevolution in einer langen Kette von Revolutionen, die das zaristische Russland erschüttern und letztlich zerstören.

Soziale Revolutionen der Unzufriedenen waren Auslöser

Schon in den 1890er-Jahren beginnt eine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Modernisierung, die das politische Fundament der russischen Autokratie unterhöhlt. Und doch ist es das Land, sind es die Bauern, die sich in den Revolutionen von 1905 und vom Februar 1917 zuerst erheben.

Buchcover - Stephen A. Smith: Revolution in Russland
Erschienen bei Philipp von Zabern
496 Seiten, 39,95 Euro
ISBN 978-3-8053-5123-2
Bildrechte: Verlag Philipp von Zabern

Viel zu häufig noch findet die Bauernschaft, die große Mehrheit der Bevölkerung, in Darstellungen der Revolution nur marginale Beachtung, obwohl Bauern ihre vorrangigen Triebkräfte und Opfer waren. Sie litten unter der Zarenherrschaft, sie erhoben sich 1905 und 1917 gegen die alte ländliche Ordnung, sie schienen 1917/18 ihre uralten Träume verwirklichen zu können.

Stephen A. Smith in "Revolution in Russland"

Träume vom eigenen Land und von einer selbstverwalteten, demokratischen Dorfgemeinschaft. Die Bauern vertreiben Ortsvorsteher und Dorfpolizisten, plündern Adelssitze, verweigern Abgaben und verteilen das Land. Der Provisorischen Regierung fehlt die Macht, die Bauern zu stoppen, und bei einer Bodenreform fürchtet sie die massenhafte Desertion der Bauern-Soldaten von der Front. So destabilisieren die Bauern die Machtverhältnisse und, da sie Abgaben verweigern, hungern sie die Städte aus. Damit heizen sie dort die revolutionäre Stimmung an. Die Oktoberrevolution – sie war auch ein Hungeraufstand meint der Berliner Osteuropahistoriker Jörg Baberowski.

Wäre dieser Umsturz nicht getragen worden von den Verbitterten, von den Unzufriedenen, von den Hungernden, und von den Frustrierten und von den Gewalttätigen, dann hätte dieser Umsturz überhaupt kein Erfolg gehabt. (…) Die Bolschewiki hatten gerade die Unterstützung der besonders Unzufriedenen und Frustrierten.

Jörg Barberowski

Nationale Revolutionen wirken als Hebel

Demonstration im Vorfeld der Oktoberrevolution in Petrograd (Sankt Petersburg) 1917
Demonstration im Vorfeld der Oktoberrevolution in Petrograd (Sankt Petersburg) 1917 Bildrechte: IMAGO

Überlagert, manchmal überschnitten wird die Revolution auf dem Lande durch nationale Revolutionen. Ukrainer, Finnen, Polen wollen einen eigenen Staat, auch in den baltischen Ländern und im Kaukasus gibt es starke Unabhängigkeitsbestrebungen. Bei den muslimischen Völkern Mittelasiens vermengen nationale und religiöse Bewegungen. Alexander Fjodorowitsch Kerenskis Übergangsregierung will das Russische Reich um jeden Preis zusammenhalten. Zugeständnisse an Unabhängigkeitsbewegungen sind ein Tabu.

In dem Bestreben der Georgier, Armenier und Ukrainer erkennt Lenin rasch einen Hebel, die Regierung vollends zu destabilisieren.

Ich glaube, dass das nationale Projekt noch viel zu wenig berücksichtigt worden ist, um den Erfolg der Bolschewiki zu erklären.

Jörg Baberowski

Die Oktoberrevolution – sie wird erst dadurch zur großen Revolution, weil sich in Wahrheit hinter ihr gleiche mehrere soziale und nationale Revolutionen verbergen.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Spezial | 18.10.2017 | 18:05 Uhr

Mit folgenden Themen:

Tatsächlich gab es nicht eine, sondern viele Revolutionen, und die der Bolschewiki war eigentlich ein Putsch. Hartmut Schade fasst neue Forschungen zusammen.

Unter dem Titel "Umsturz. 1917.Revolution. Russland und Europa" zeigt das Deutsche Historische Museum eine großangelegte Ausstellung. Stefan Nölke berichtet.

Wie aus der Lenin'schen Kaderpartei eine neue, privilegierte Klasse hervorging, zeigt MDR Kultur-Autor Hartmut Schade.

Der Historiker Gerd Koenen zur Frage, ob der Terror Stalins in irgendeiner Form erklärbar ist.

Zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2017, 15:12 Uhr

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Nikolai II. umwehen viele Mythen und Legenden. Der ungarische Historiker György Dalos ist in die Archive getaucht, um ein realistisches Bild vom letzten Zaren zu zeichnen. Bettina Baltschev stellt das Buch vor.

MDR KULTUR - Das Radio Do 12.10.2017 18:05Uhr 05:36 min

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