Kultur

Religion und Gesellschaft | Thema der Woche : Rechtsextremismus

Kann man rechtsextremen Jugendlichen eine Brücke bauen, sie immer wieder zum Gespräch einladen, um sie wieder zu integrieren? Der Sozialarbeiter Thomas Grund hat dies in Jena versucht, Tina Murzik-Kaufmann hat ihn getroffen. Von zwei jungen Rechten, die den Ausstieg tatsächlich wagten, erzählt die "Nah dran"-Reportage.

Rechtsradikaler, der später Aussteiger wurde, hat eine Gasmaske auf, hat ein Hitlerbild in der Hand und macht den Hitlergruß.

Wie umgehen mit rechtsextremen Jugendlichen? Diese Frage beschäftigt Deutschland - nicht erst seit bekannt wurde, dass eine Gruppe Rechtsextremer für den Mord an mindestens acht Türken und einem Griechen verantwortlich ist. Beinahe täglich kommen neue Informationen über die so genannte "Zwickauer Terrorzelle" ans Licht.

Ins Gespräch kommen und Raum bieten - ein Trugschluss

Aufgewachsen sind Uwe B., Uwe M. und Beate Z. in Jena. Thomas Grund ist Sozialarbeiter im Jugendclub "Hugo" in Jena-Winzerla, dem Nachfolger des mittlerweile verwaisten "Winzerclubs". Hier sind Uwe B., Uwe M. und Beate Z. Anfang der 1990er-Jahre eine Zeit lang ein- und ausgegangen. Damals hatten Thomas Grund und seine Kollegen noch die Hoffnung, die Jugendlichen integrieren zu können. Sie wollten mit ihnen ins Gespräch kommen, ihnen einen Raum bieten, hier und da mal ein Bier spendieren oder eine Zigarette. Damit hatte Grund bisher gute Erfahrung gemacht, zum Beispiel als eine Gruppe gewaltbereiter Punks Mitte der 1980er-Jahre immer wieder Veranstaltungen sabotierte. 

"Und ich habe dann gegen viele Widerstände durchgedrückt, dass die Punks einen Raum kriegen bei diesen Veranstaltungen und zuallererst ihre Musik machen dürfen. Und das hat dazu geführt, dass die dann plötzlich ganz relaxt waren, weil sie hatten was für sich. Und dann haben die sich auch auf die anderen Sachen eingelassen, sind halt rauchen oder Bier trinken gegangen oder haben sich das auch mal angehört, und haben dann auch Kontakt gekriegt zu anderen. Und das war für mich auch das Erlebnis, was mich dazu gebracht hat, zu glauben, ich könnte so ähnlich mit diesen rechten Gruppen umgehen."

Thomas Grund, Sozialarbeiter in Jena

Ein Jahr später jedoch mussten sich Thomas Grund und seine Mitstreiter eingestehen, dass das ein Trugschluss war. In der Konsequenz wurden die Gespräche mit den rechtsextremen Jugendlichen eingestellt, vor allem die mit ihren Kadern.

"Was sagt man denn zu einem, der dir sagt: 'Auschwitz ist doch gelogen. Das haben doch die Russen erfunden nach 45.' Was habe ich denn für ein Argument? Und ich habe dann zu denen gesagt: 'So eine Diskussion führe ich nicht mehr'."

Thomas Grund, Sozialarbeiter in Jena

Von da an galt Thomas Grunds Aufmerksamkeit denjenigen Jugendlichen, die noch nicht rechtsextrem, durchaus aber gefährdet waren. Einige von diesen konnte er zum Ausstieg bewegen.

"Ich bin raus!" - die "Nah dran"-Reportage

"Ich bin raus" | Dokumentation
Aussteiger gelten als Verräter ...

Aus der rechtsextremen Szene auszusteigen, kann gefährlich sein. Aussteiger gelten als Verräter. Viele von ihnen müssen deshalb ihren Wohnort wechseln, ihre Telefonnummer, in Extremfällen sogar ihre Identität. Zwei ehemalige Neonazis, die der rechten Szene den Rücken gekehrt haben, stellt die "Nah dran"- Reportage in dieser Woche vor. In "Ich bin raus!" erzählen sie ihre ganz persönliche Geschichte, berichten, wie sie in den Strudel von Hass, Verblendung und Gewalt  geraten sind. Dank einer Organisation, die sich um Aussteiger aus der rechten Szene kümmert, haben beide irgendwann den Absprung geschafft. Heute gehen sie in Schulen und erzählen den Jugendlichen von ihrem früheren Leben - um aufzuklären und um ihren Schuldgefühlen Rechnung zu tragen.

Schuldgefühle hat Thomas Grund nicht. Er würde seine Entscheidung von damals heute nicht anders fällen. Das heißt, er würde wieder versuchen, rechtsextremen Jugendlichen eine Brücke zu bauen. Er würde es zumindest versuchen ...

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2012, 12:55 Uhr

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