Interview mit Rolf Erdorf "Übersetzer sind nicht nur halbe Schriftsteller"

Stehen Übersetzer immer in der zweiten Reihe? Rolf Erdorf erzählt im Interview, was daran gut sein kann, wie seine Stimme metaphorisch Arien singt und dass sich während seiner ersten Arbeit der Autor umbrachte.

MDR KULTUR: Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Rolf Erdorf: Wie die Jungfrau zum Kinde. Heute kann man dafür eine Ausbildung machen und Übersetzer als Beruf anstreben, aber als ich angefangen habe, war das nicht so. Es beginnt mit der Sprache. Ich habe Niederländisch studiert – und abgesehen vom Lehramt gab es da jetzt nicht wirklich eine Berufsperspektive. Früher dachen ja die meisten Leute, das sei ein deutscher Dialekt. "Ach, das kann man auch studieren?" Inzwischen ist Niederländisch auch eine Literatursprache.

Braucht man ein bestimmtes Talent fürs Übersetzen?

Viele denken immer, Übersetzer seien keine richtigen Schriftsteller, nur so halbe. So als fahren sie Tretroller, weil sie noch nicht Fahrradfahren können. Aber so ist es nicht. Übersetzen ist eine eigene Art zu schreiben und ein spezifisches Talent. Ich habe all die Sachen aber nicht nach einem bestimmten Lebensplan gemacht, sondern weil sie mir Spaß gemacht hat.

Was war Ihr erstes Buch?

Jan de Zanger - Warum haben wir nichts gesagt
Bildrechte: Verlagsgruppe BELTZ

Jan de Zanger: "Warum haben wir nichts gesagt?" Das hat gleich reingehauen. Das Buch handelt von einem Jungen, der sich während des Abiturs umbringt, weil er in der Klasse gehänselt wurde. 25 Jahre später gibt es ein Klassentreffen und einer der Mitschüler rollt da die Geschichte wieder auf. Während ich dieses Buch geschrieben habe, hat sich der Autor umgebracht. Das war wirklich absurd. Ich habe ihn vorher auch auf einer Lesung gesehen, kannte ihn flüchtig. Ich war blutjung und unerfahren, aber damals ist mir aufgegangen: Es geht um was. Manche sagen "Ach, nur Kinderbücher". Aber letztlich geht es immer darum: Gelingt ein Leben oder gelingt ein Leben nicht? Und kann ich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass den Kindern ihr Leben gelingt, oder dazu beitragen? Das ist die Kernfrage für mich.

Als Übersetzer steht man in der zweiten Reihe hinter dem Autor des Buches. Wie gehen Sie damit um?

Ja, das hat Vor- und Nachteile. Ein Nachteil ist: Man wird nicht wahrgenommen. Man ist "ersetzbar", das heißt, das Buchcover würde genauso aussehen, wenn jemand anderes das Buch übersetzt hätte, obwohl vielleicht ein anderes Buch drin ist. Es hat aber auch Vorteile: Wenn Sie und ich beide Schriftsteller wären und alle kennen Sie und keiner kennt mich und die Signierschlange bei Ihnen ist viel länger als bei mir, dann kratzt mich das als Autor, denn als Autor muss ich bekannt sein. Das muss ich als Übersetzer nicht. Da genügt es, wenn mich die Leute in den Verlagen wissen, wer ich bin. Das finde ich sehr angenehm. Und es gibt auch den Fall, dass man sich hinter dem Autor wegducken will. Die Verantwortung ist geteilt. Dass die Figur lebt oder stirbt, habe nicht ich, sondern der Autor verbrochen. Ich erfinde zwar nicht den Plot, aber ich muss schon dafür sorgen, dass alles funktioniert, also die Verantwortung für eine Szene übernehmen. Steht die jetzt wirklich so da, wie sie muss? Ich will mich auch nicht beim Leseerlebnis dazwischendrängen und sagen "Huhu, ich habe das übersetzt". Das ist ja furchtbar.  Aber dennoch ist es meine Stimme, die die Arie singt. Ich darf nicht denken, der Autor ist alles und ich bin nichts, denn ohne meine Stimme kommt da kein Ton.

Am 30. September wird der Tag der Übersetzer gefeiert. Denn im Jahre 420 starb Hieronymus, der das Alte Testament aus dem Hebräischen ins gesprochene Latein übersetzte. Der Feiertag wurde von der Fédération internationale des traducteurs (FIT) 1954 in Paris ins Leben gerufen und 1991 zu einem offiziellen "Internationalen Übersetzertag" erklärt. Ziel ist es, Solidarität innerhalb der weltweiten Übersetzergemeinschaft zu zeigen und um den Beruf des Übersetzers, der in Zeiten der Globalisierung zunehmend an Bedeutung gewinnt, in verschiedenen Ländern zu fördern.

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2016, 14:54 Uhr

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