Stichwort Bejubelt und beschimpft: "Leipziger Schule"

Gründerväter Heisig, Mattheuer, Tübke

Der Begriff wurde in den frühen 1970er-Jahren geprägt. Zu den bedeutendsten Vertretern der bejubelten wie beschimpften "Leipziger Schule" zählen Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Alle drei studierten an der Leipziger Kunstakademie, der heutigen Hochschule für Grafik und Buchkunst. Dort wirkten sie seit den 1960er-Jahren als Lehrer und prägten eine ganze Generation von Malern und Grafikern. Neben der von Bernhard Heisig 1961 gegründeten Malklasse etablierte sich in dieser Zeit ein Kreis freischaffender Künstler. Erst durch die "Leipziger Schule" wird die traditionsreiche Buch- und Musikstadt auch zum wichtigen Zentrum der Malerei.

Kunstanspruch, Gesellschaftsanalyse, Handwerk

Der Begriff "Leipziger Schule" hat sich durchgesetzt, obwohl ihn viele Künstler der Stadt nicht besonders mögen, denn er negiert die beträchtlichen Unterschiede zwischen ihnen. Doch stil- und generationsübergreifend steht er für einen hohen künstlerischen Anspruch, verbunden mit bewusster Gesellschaftsanalyse, vorgetragen mit bemerkenswertem handwerklichen Können. Seit Anfang der 60er Jahre, ganz deutlich aber in den 1970ern, machte sich das als prägender, schulbildender Unterschied zu anderen deutschen und auch europäischen Kunstentwicklungen bemerkbar. Werner Tübke brachte die Besonderheit von Leipzig auf einen einfachen Nenner: "Hier gab es das Primat des Zeichnerischen, also nicht Berliner Vereinfachung, nicht Dresdner Halbexpressives".

Zwei Strömungen: "Expressive" und "Sachliche"

Der Kunsthistoriker Lothar Lang unterscheidet zwei Hauptströmungen: Die "expressiv-leidenschaftliche" und die "formstrenge, dingpräzise, nüchtern-sachliche (zuweilen leicht unterkühlte) Wirklichkeitsauffassung". Bernhard Heisig ist das Haupt der erstgenannten Gruppe, deren Werke sich durch leidenschaftliche Farbbehandlung auszeichnen. Zu ihnen rechnet Lang u. a. Hartwig Ebersbach, Gudrun Brüne, Sighard Gille und Frank Ruddigkeit, aber auch den Grafiker Peter Schnürpel.

Sehr inhomogen ist die zweite "sachliche" Strömung, für die der Begriff "Leipziger Schule" ursprünglich gefunden wurde. Während Wolfgang Mattheuer in seinen Bildern dialektische Metaphern und Allegorien entwickelt, stilistisch mit der neuen Sachlichkeit verbunden, aber auch mit den deutschen Romantikern, ist Werner Tübkes Markenzeichen seine artistisch hoch kultivierte Malweise, geschult an den großen Malern der Renaissance. Zu dieser zweiten Gruppe gehören u. a. Maler wie Heinz Zander, Volker Stelzmann, Ulrich Hachulla, Arno Rink, Petra Flemming und Wolfgang Peuker, aber auch die "neoveristischen Stadtlandschafter", wie Lang sie nennt: Kurt Dornis, Günter Thiele und der surreal verfremdende Romantiker Günter Richter.

Gegenstandsbetont und ausdrucksstark

Der Leipziger Kunsthistoriker Günter Meißner, ein hervorragender Kenner und früher Fürsprecher der "Leipziger Schule", nannte 1974 als deren wesentliche Kennzeichen: "Es sind dies der Drang zur gedanken- und phantasiereichen, tiefgründigen Deutung von den Themen der Geschichte bis zu intimen Bereichen unserer Umwelt sowie die Neigung zu einer gegenstandsbetonten, aber ausdrucksstarken Auffassung zwischen den Polen zeichnerisch-klarer Detailgebung und malerischer Bewegtheit".

Zuletzt aktualisiert: 10. Juni 2011, 12:51 Uhr