Buchcover - Daniel Schönpflug: Kometenjahre
Buchcover - Daniel Schönpflug: "Kometenjahre" Bildrechte: Fischer Verlag

Sachbuch der Woche "Kometenjahre" - 1918 als Aufbruch in ein Zeitalter voller Licht und Schatten

Vor 100 Jahren war in Russland Revolution, ein Jahr später dann auch in Deutschland: Der erste Weltkrieg war zu Ende und mit ihm ein ganzes Zeitalter. Das Alte und Morsche brach zusammen, und etwas Neues bereitete sich Bahn: In Politik und Alltag, in Kunst und Mode. "Kometenjahre" nennt der Historiker Daniel Schönpflug diese Umbruchsjahre nach dem Ersten Weltkrieg.

von Stefan Nölke, MDR KULTUR-Geschichtsredakteur

Buchcover - Daniel Schönpflug: Kometenjahre
Buchcover - Daniel Schönpflug: "Kometenjahre" Bildrechte: Fischer Verlag

Daniel Schönpflug erzählt in "Kometenjahre" die ersten Jahre nach dem Kriegsende konsequent anhand biografischer Szenen. Damit orientiert er sich an einem Konzept, das der schwedische Historiker und Schriftsteller Peter Englund erfunden hat: Er reihte in dem berühmten Buch über den Ersten Weltkrieg mit dem Titel "Schönheit und Schrecken" die Lebenswege ganz verschiedener Menschen aus mehreren beteiligten Ländern collageartig aneinander.

Der Komponist Arnold Schönberg
Komponist Arnold Schönberg Bildrechte: dpa

Daniel Schönpflug nun hat sich 22 Personen aus verschiedenen Ländern ausgesucht und verfolgt deren Entwicklung in den kritischen Jahren von 1918 bis 1924. Das sind zum Teil sehr berühmte Personen aus dem Bereich Kunst und Kultur wie Käthe Kollwitz, Walter Gropius oder Arnold Schönberg. Oder auch bekannte Politiker wie Mahatma Gandhi, Ho Chi Minh oder der später US-Präsident Harry S. Truman. Aber es tauchen auch eher unbekannte Personen auf wie das Kosakenmädchen Marina Yurlowa, der Seemann und kurzzeitige Freikorps-Soldat Richard Stumpf oder ein armenischer Attentäter namens Soghomon Tehlirian. Schönpflug gelingt es so, ein relativ großes, weltgeschichtliches Panorama aufzuzeigen und dabei Mentalitätsgeschichte, Kulturgeschichte und politische Geschichte miteinander zu verbinden.

Die Menschen, von denen die Rede ist, sind allesamt Seiltänzer. Ihre ganz subjektive Sicht auf das Geschehen ist ihren Selbstdarstellungen in Autobiografien, Memoiren, Tagebüchern und Briefen entnommen. Die Wahrheit dieses Buches ist die Wahrheit dieser Dokumente.

Daniel Schönpflug, Historiker und Buchautor

Alle Personen aus dem Buch sind Seiltänzer

Daniel Schönpflug
Historiker Daniel Schönpflug Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Die Personen aus dem Buch befinden sich in einer Lebenssituation, in der sie entweder abstürzen oder aber etwas völlig Neues erreichen können. Das Sinnbild für diese Lebenssituation ist ein Bild von Paul Klee: "Der Komet von Paris" lautet der Titel. Und die beiden Kometen, die darauf zu sehen sind, stehen für die Hoffnungen auf ein neues Leben; während die dort abgebildete Stadt Paris für die Wirklichkeit steht, an der diese Hoffnungen mehr und mehr zerschellen. Das ist der große Erzählbogen von "Kometenjahre".

Nach dem Neuanfang schwinden die Hoffnungen

Die französische Journalistin, Schriftstellerin und Politikerin Louise Weiss am 20.2.1975 bei der Fertigstellung eines ihrer Filme in einem Schneideraum in Paris.
Die französische Journalistin, Schriftstellerin und Politikerin Louise Weiss 1975 bei der Fertigstellung einer ihrer Filme in einem Schneideraum in Paris Bildrechte: dpa

Nehmen wir etwa die französische Journalistin Louise Weiss, eine von Schönpflugs Lieblingsfiguren. Sie streitet aus Liebe für den tschechischen Freiheitshelden Milan Stefanik und für die Freiheit und Unabhängigkeit der neuen Staaten in Ostmitteleuropa, erlebt dann aber, wie dieser Teil Europas nach 1919 mehr und mehr in Nationalismus und Unfreiheit versinkt. Bezeichnend ist auch ein Besuch von Louise Weiss in Moskau, von wo sie für ihre Zeitschrift "La Nouvelle Europe" berichten soll. Dabei wird sie von der Geheimpolizei, der von den Bolschewiki neugegründeten Tscheka, unter Druck gesetzt und bedroht. Für sie ist das das Ende einer Illusion. Ähnlich rasant schwinden auch die Hoffnungen von Käthe Kollwitz oder des österreichischen Komponisten Arnold Schönberg auf einen politischen Neuanfang im Zeichen der Freiheit und der Verständigung.

Am Ende steht ein düsteres Bild - mit Lichtblicken

Walter Gropius, Architekt
Architekt Walter Gropius Bildrechte: dpa

Am Ende ist es zwar ein düsteres, ein pessimistisches Bild, das Schönpflug von dieser Nachkriegszeit zeichnet, aber nicht durchweg. Da ist Walter Gropius, der erfolgreich das Bauhaus gründet – trotz aller Probleme, die ihm nicht zuletzt seine Ehefrau Alma Mahler aufbürdet. Da ist die Schriftstellerin Virginia Woolf, die trotz ihrer psychischen Labilität eine neue Art zu Schreiben kreiert. Und da ist Arnold Schönberg, der in dieser Zeit seine Zwölftonmusik erfindet, trotz aller Desillusionierung und antisemitischen Anfeindungen, die er damals in Österreich erleben muss.

Am Ende des Buches steht ein dunkler Moment: Ein Mord, den der spätere Auschwitzkommandant Rudolf Höß verübt. Höß ist zu Beginn der 20er-Jahre der Anführer einer rechtsextremistischen Untergrundgruppe, die in einem Waldstück in Mecklenburg einen Fememord begeht. Dieser Mord weist als Menetekel sozusagen in eine düstere Zukunft, die noch einen weiteren Weltkrieg und einen nie dagewesenen Völkermord mit sich bringt.

Internationales Multimedia-Projekt mit ARTE und ARD

Virginia Woolf
Schriftstellerin Virginia Woolf Bildrechte: IMAGO

"Kometenjahre" eignet sich auch für Laien als Einstieg, um sich mit dieser spannenden Umbruchszeit vertraut zu machen. Tatsächlich ist das Buch auch der Auftakt eines groß angelegten internationalen Multimedia-Projektes. ARTE und die ARD haben sich zusammengetan mit acht großen Museen. Darunter ist auch das Militärhistorische Museum Dresden, das in der zweiten Jahreshälfte 2018 eine große Ausstellung zum Thema zeigen wird. ARTE und ARD zeigen im Frühjahr dann wahrscheinlich den Mehrteiler mit dem Titel "18 – Krieg der Träume". Zusammengebunden wird das Projekt auch im Internet unter dem Titel "18 - Clash of Futures". Das Projekt ist eine ähnlich verdienstvolle, internationale Initiative wie schon vor vier Jahren das Vorläuferprojekt "14 Tagebücher des Ersten Weltkrieges".

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 08. November 2017 | 07:40 Uhr

Buchcover - Daniel Schönpflug: Kometenjahre
Bildrechte: Fischer Verlag

Informationen zum Buch

Informationen zum Buch

Daniel Schönpflug:
"Kometenjahre - 1918: Die Welt im Aufbruch"
Erschienen im Fischer Verlag
Hardcover, 320 Seiten
ISBN: 978-3-10-002439-8
20,00 Euro

Noch mehr Sachbuchempfehlungen

Cover zum Buch 'Die Angstmacher - 1968 und die neuen Rechten' von Thomas Wagner
Bildrechte: Aufbau Verlag

Was die linken 68er mit den Neuen Rechten zu tun haben? Dass man sich gegenseitig leidenschaftlich hasst? Jede Menge Gemeinsamkeiten sieht Thomas Wagner.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 13.11.2017 12:10Uhr 04:07 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Das Jahr 1917