Eine nackte Frau liegt auf dem Bauch.
Nackte Haut führt heute nur noch in seltenen Fällen zu Skandalen. Bildrechte: colourbox.com

MDR KULTUR Spezial: Skandale Zwischen Aufregung und Aufklärung

Skandale waren schon immer faszinierend. Ob Sex-Skandal, Drogen-Skandal oder Skandal um Rosi – die Medien stürzen sich genauso darauf wie die Künstler. Anlässlich des "Summer of Scandals" auf arte schauen wir auf Schaden und Nutzen von all der Aufregung. Und zeigen, warum Skandale auch vor dem Essen nicht Halt machen.

Eine nackte Frau liegt auf dem Bauch.
Nackte Haut führt heute nur noch in seltenen Fällen zu Skandalen. Bildrechte: colourbox.com

Was ist so faszinierend an Skandalen? Ein Skandal zeichnet sich dadurch aus, dass sich Menschen darüber aufregen, empören oder ärgern. Manchmal wird er zu Werbezwecken benutzt, um zum Beispiel einen neuen "Skandal-Roman" anzukündigen. Meistens aber lösen Skandale eine Debatte aus, bei der die Öffentlichkeit über allgemeine Werte diskutiert. In dieser Wertedebatte zeigt sich dann, inwieweit eine Gesellschaft konsensfähig und in der Lage ist, sich zu verständigen.

Das Wort Skandal existiert im Deutschen seit dem 16. Jahrhundert. Aber das Phänomen des Skandals gibt es wahrscheinlich schon viel länger – seit Menschen in Gesellschaften zusammenleben.

Skandale erzählen von den Werten ihrer Zeit

Denn schon die Antike war eine Zeit voller Skandale. Die griechische Mythologie ist voll von Sex und Gewalt. Ihre explizite Darstellung verunsicherte auch im 19. Jahrhundert noch die Bürger, wie den Lehrer Gustav Schwab, der die Erzählungen für seine beliebte dreibändige Sammlung "Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ umformulierte und kürzte, um die skandalösen Beschreibungen zu entschärfen.

Der Sachbuchautor Cornelius Hartz schreibt in seinem Buch "Skandalon!“, das sich mit Skandalen und Aufregern rund um die Antike befasst:

Eine Erkenntnis, die unser christlich geprägtes Abendland immer wieder erstaunt hat, ist, dass man in der Antike scheinbar so tolerant gegenüber von der angeblichen Norm abweichendem Sexualverhalten war.

Cornelius Hartz, Autor Buch "Skandalon! - Skandale und Aufreger rund um die Antike“

Auch das 20. Jahrhundert war da längst nicht so weit wie die alten Griechen. Filme wie Fellinis "Satyricon" und Tinto Brass' "Caligula" gerieten noch in den 60er- und 70er-Jahren zum Skandal.

Skandalisieren – als Mittel zum Zweck?

Denn die Kunst will Vorreiter sein und produziert Skandale oft ganz bewusst, um Aufsehen zu erregen – mit neuen Ideen, Bildern, Skulpturen, Installationen, Inszenierungen, Bühnenbildern Ausstellungen, die für Empörung sorgen. Natürlich stellt sich dabei auch immer die Frage, wie kalkuliert ist der Skandal, der Aufschrei, die öffentliche Erregung.

Die Tabuzonen in der Geschichte der Kunst spiegeln immer die jeweilige Zeit wider. War es im 19. Jahrhundert etwa noch ein Skandal, wenn Francisco Goyas 'Nackte Maja' in der Öffentlichkeit auftauchte, so stört sich heutzutage kaum jemand mehr in der westlichen Welt an solchen Aktbildern. Es sei denn, es geht um die Darstellung von nackten Kindern, wie bei der Fotografin Nan Goldin, wo die Kinderschützer auf den Plan treten. Oder ein Investor aus den Vereinigten Arabischen Emiraten besucht Italien – und der italienische Präsident lässt in vorauseilendem Gehorsam einen nackten Jüngling von Jeff Koons verhüllen, aus vermeintlichem Respekt vor dem islamischen Glauben.

Andreas Höll, MDR KULTUR Kunstredakteur

Medien machen publik und befeuern die Debatte 

In der Anfangsphase eines Skandals spielen die Medien eine sehr wichtige Rolle, denn sie machen das, was die Gemüter erhitzt, öffentlich. Sie drucken es auf ihre Titelblätter, bringen es ins Fernsehen, stellen es ins Netz. Woraufhin die Wertedebatte beginnt.

Die Herstellung von Öffentlichkeit bei Missständen ist schließlich ein Zeichen einer funktionierenden Demokratie. Skandale besitzen eine erhebliche Anziehungskraft. Emotionen werden geschürt. Es erfolgt eine klare Einteilung in Gut und Böse, beziehungsweise Opfer und Täter. Schließlich geht es stets darum, die knappe Ressource der öffentlichen Aufmerksamkeit zu erreichen. Was nicht wahrgenommen wird, existiert nicht. Zudem kann davon ausgegangen werden, dass Skandale mediale Anschlussdiskurse zur Folge haben.

Christian Schicha, Medienwissenschaftler

Durch die sogenannten sozialen Medien hat sich die Gesellschaft und die Debatte erneut verändert. Jeder kann heute seine Meinung veröffentlichen, Fotos ins Netz stellen oder ein Video für alle sichtbar hochladen. Informationen verbreiten sich über Twitter, Facebook und Co. in Windeseile – unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt und ohne Recherche und Faktencheck, getrieben vom Ehrgeiz, schneller als die anderen zu sein.

Menschen, Gefühle, Sensationen

Skandale werden immer von Menschen gemacht. Die Regenbogenpresse lebt von vermeintlichen Peinlichkeiten, reißerischen Überschriften und opfert  nicht selten ihre Protagonisten. Promis sind dabei besonders gefährdet. Ihr Leben steht sowieso in der Öffentlichkeit – erst recht, wenn es zum Skandal kommt – und wird gerne ausgeschlachtet, wenn sich die Gelegenheit bietet

Elizabeth Taylor
Bildrechte: IMAGO

Wer deine wahren Freunde sind, zeigt sich, wenn du in einen Skandal verwickelt bist.

Elizabeth Taylor, Schauspielerin

Wenn Essen zum Skandal wird

Doch auch jenseits der Glamour-Welt verbreiten sich Skandale schnell. Wenn angeblich Leib und Seele in Gefahr sind, ist die Aufregung groß: Es geht um unser Essen. Ob Keime in Sprossen, Pferdefleisch in der Lasagne, BSE-Viren im Steak, Frostschutzmittel im Wein. Zu Recht sind die Verbraucher entsetzt.

Wir haben unser Gefühl für die Lebensmittel verloren. Wir haben letztlich die Expertise verloren und das macht uns unsicher. Deshalb springen wir so stark an auf diese Lebensmittelskandale. Wir haben Angst vor dem Essen, wir haben Angst vor unserer Umwelt und vielleicht auch vor einer untergehenden Welt. Das spiegeln wir sozusagen im Essen. Wir reduzieren es darauf und merken es gar nicht.

Gunther Hirschfelder, Anthropologe
Hackfleisch
Kann Spuren von Pferdefleisch erhalten Bildrechte: colourbox

Doch nach einer kurzen Aufregung gehen die Verbraucher wieder zur Tagesordnung über. Daher zeigen Lebensmittelskandale beispielhaft den typischen Verlauf eines Skandals, der dem Aufbau eines antiken Dramas gleicht: Ein Missstand wird aufgedeckt und die Protagonisten werden vorgestellt. Durch ein Schlüsselereignis eskaliert der Konflikt und erreicht seinen Höhepunkt, auf dem über Schuld und Unschuld des Protagonisten gerichtet wird. Konsequenzen werden gefordert, der Protagonist knickt ein und durch das abnehmende Medieninteresse kehrt die Normalität zurück.

Skandal - Wortherkunft Das deutsche Wort "Skandal" wurde vom griechischen Wort "skándalon" abgeleitet. Es bezeichnet den hölzernen Teil einer Tierfalle, der dafür sorgt, dass diese zuschnappt, um das Opfer gefangen zu nehmen. Später war mit dem Wort generell der Sinn und Zweck einer Falle gemeint – und im übertragenden Sinne wurde daraus schnell ein Ärgernis, etwas, das Anstoß erregt.

Zuletzt aktualisiert: 01. August 2016, 09:51 Uhr

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