Das Aquarell 'Abstieg' von Wassily Kandinsky aus dem Jahre 1925 wird im Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Sachsen-Anhalt) präsentiert.
"Abstieg" von Wassily Kandinsky (1925) ist in der neuen Dauerausstellung im Kunstmuseum Moritzburg zu sehen. Während der NS-Zeit galt es als "entartete Kunst". Bildrechte: dpa

Kunst und Geschichte im Museum Wie umgehen mit der Kunst aus der Nazizeit?

Neben Sonderschauen mit Nazi-Kunst versuchen immer mehr Museen, ihre Sammlungsgeschichte aufzuarbeiten und stellen auch die NS-Kunst ihres Hauses aus. Auch das Kunstmuseum Moritzburg in Halle hat sich jetzt dazu entschieden, nachdem der Abzug der wertvollen Gerlinger-Sammlung eine Neuordnung und komplette Neugestaltung mit sich brachte. Ulrike Thielmann hat jenen Teil, der die Kunst zwischen 1933 und 1945 zum Thema hat, schon mal angeschaut.

von Ulrike Thielmann

Das Aquarell 'Abstieg' von Wassily Kandinsky aus dem Jahre 1925 wird im Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Sachsen-Anhalt) präsentiert.
"Abstieg" von Wassily Kandinsky (1925) ist in der neuen Dauerausstellung im Kunstmuseum Moritzburg zu sehen. Während der NS-Zeit galt es als "entartete Kunst". Bildrechte: dpa

Man ist auf der Hut in der Moritzburg vor jener Kunst, die nun aus den tiefsten Depots geholt wurde, um als Teil der Sammlungsgeschichte präsentiert zu werden. Betritt man die Schau vom Eingang her, muss man an Edvard Munchs berühmten " Dr. Linde" vorbei, ein Bild das auf den falschen Kunst-Transport der Nazis geraten war und eine lange Odyssee erlebte. Seine exemplarische Kehrseite bildet dann in der Schau ein Bild des Nazi-Künstlers Karl Leipold, tatsächlich ein Werk von minderer Qualität. Von Karl Leipold besitzt die Moritzburg mit 158 Werken gar einen größeren Bestand. Der Maler, für naturalistische Impressionen maritimer Landschaften bekannt, lieferte vor allem aufgeräumte deutsche Bodenstücke, das sieht man im Bild nicht und das ist auch so gewollt.

NS-Kunst, angepasste Kunst - nebeneinander und gegenüber

Gerhard Marcks: Alcina, 1935, Steinguss, 114 cm, Dauerleihgabe an das Kunstmuseum Moritzburg Halle
In der neuen Dauerausstellung zu sehen: "Alcina" von Gerhard Marcks, 1935, Steinguss, 114 cm, Bildrechte: Wieland Krause/VG BILD-KUNST, Bonn 2017

Den Vorwurf, Propagandamaterialien für Rechtsradikale zu liefern oder gar Neonazis Huldigungsbesuche einer Heldenstatue Brekers zu gestatten - wie das in letzter Zeit bei Nazi-Kunst-Ausstellungen geschehen ist - versucht die Moritzburg mit ihrer Präsentation von Kunst der NS-Zeit zu umgehen. So trifft man in der Schau keine heroischen Krieger oder Athleten, keine Propagandabilder und auch keine deutsche Familie oder Mutter. Stattdessen zeigt das Museum scheinbar unverfänglichere Landschaften, mit denen sich die "deutsche Scholle" idealisieren ließ. Neben einer kleinen Landschaft von Nazigroßmeister und Professor für Monumentalmalerei Werner Peiner hängt der Expressionist Otto Dix, der in der Nazizeit angepasst malte. Gegenüber befinden sich zwei großartige Bilder des "Modernen" Ernst Wilhelm Nay; vom Ende des Gangs grüßt eine "Cassandra" des Expressionisten Karl Hofer.

Olympiastadion Berlin mit Osttor
Bildrechte: IMAGO

Wie hoch ist der Erkenntnisgewinn und welche Fallstricke drohen bei der Präsentation dieser Werke? Im Gespräch dazu ist Christoph Stölzl, früherer Gründungdirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 08.09.2017 18:05Uhr 07:27 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Blick über die Staatliche Galerie Moritzburg in Halle (Saale).
Blick über das Kunstmuseum Moritzburg in Halle Bildrechte: dpa

Nach gleichem Prinzip verfährt man in der kleinen Abteilung nebenan, zum Thema "weiblicher Akt". Hier steht eine straffe 30er-Jahre-Schönheit mit dem neckischen Titel " In Wind und Sonne" von Fritz Klimsch, der Künstler wurde wie Werner Peiner in der "Gottbegnadeten-Liste" der Nazis geführt. Der Plastik kommt die Aufgabe zu, das Akt-Ideal der damaligen Zeit zu demonstrieren, ohne auch nur einen Funken Erotik.

Unter den wenigen Bildern, die den Besuchern nun in der neuen Ständigen Ausstellung Nazi-Kunst zeigen, ist auch ein Machwerk des Portraitmalers Paul Mathias Padua, berühmt für sein Bild "Der Führer spricht". Die Schau zeigt indessen einen Trommler und stellt Padua und Klimsch - letzterer war immerhin, gemeinsam mit Liebermann, ein Gründervater der "Berliner Secession" - weltanschaulich und auch künstlerisch auf eine Stufe.

Fazit

Die Präsentation von Nazis-Kunst in der Moritzburg ist in der Argumentation streng geführt, zeigt mehr Gegen- als Nazibilder. "Das ist auch gut so!", werden die einen rufen. Die anderen werden sich an der augenscheinlichen Angst vorm eigenen Gedanken ihrer doch meist aufgeklärten Besucher reiben.

Angermuseum Erfurt
Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Viele mitteldeutsche Museen haben Werke der Zeit von 1933-1945 in ihren Depots. Siegfried Stadler mit einer Recherche, welche Stücke sich in den Archiven befinden und wie man sich generell zu dieser Epoche positioniert.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 08.09.2017 18:05Uhr 03:45 min

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Der Direktor des Kunstmuseums Moritzburg in Halle, Thomas Bauer-Friedrich, spricht am 10.04.2015 auf einer Pressekonferenz in der Moritzburg in Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt).
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Es ist ein aufsehenerregendes Konzept, zum ersten Mal in Deutschland der NS-Zeit einen festen Platz in einer Dauerausstellung zu widmen. Was bezweckt Thomas Bauer-Friedrich, Chef des Kunstmuseums Moritzburg Halle damit?

MDR KULTUR - Das Radio Fr 08.09.2017 18:05Uhr 07:32 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: ► Spezial "Wie umgehen mit Kunst aus der NS-Zeit?"
08.09.2017 | 18:05-19:00 Uhr

Geplante Themen:

● Kunstwerke aus der NS-Zeit – Was wird in der neuen Dauerausstellung im Kunstmuseum Moritzburg in Halle gezeigt? Ein Beitrag von Ulrike Thielmann

● Was bezweckt der Moritzburg-Direktor mit der neuen Präsentation? Thomas Bauer-Friedrich im Gespräch

● Wie gehen mitteldeutsche Museen mit Kunst aus der NS-Zeit um? Eine Recherche von Siegfried Stadler

● Darf man Kunst aus der NS-Zeit schön finden? Gespräch mit Christoph Stölzl, Rektor an der Weimarer Musikhochschule und früherer Gründungdirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2017, 21:02 Uhr

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