MDR KULTUR-Spezial | Was unsere Stimme über uns verrät "Angela Merkel spricht fast so, als würde sie Nachrichten vorlesen"

Im Bundestagswahlkampf wollen Politiker mit ihrer Stimme unsere gewinnen: Wie die Stimmen der Spitzenkandidaten Angela Merkel und Martin Schulz klingen, wie sie auf uns wirken und sie über ihre Stimmträger verraten – dazu sind wir im Gespräch mit dem Sprechwirkungsforscher Walter Sendlmeier.

MDR KULTUR: Was verrät die Stimme über uns? Was geben wir preis, sobald wir den Mund aufmachen und anfangen zu sprechen?

Walter Sendlmeier: Was wir preisgeben ist vielfältig und das kann man auch gar nicht verhindern. Sobald wir unseren Mund aufmachen und ein paar Silben sprechen, verraten wir ganz viel über uns als Person. Der emotionale Zustand ist enthalten und Hinweise auf die Persönlichkeitsstruktur, also das, was man auch Charakter nennt, ist als Information in der Sprechweise und im Stimmklang enthalten. Der eigentliche Inhalt ist mitunter gar nicht das Wichtigste, was mitgeteilt wird im Alltag, sondern wie man grade drauf ist, ob man es eilig hat, ob man ungeduldig wird. All das wird über die Art und Weise wie wir sprechen klarer und eindeutiger ausgedrückt, als durch die inhaltliche Seite.

Eine Stimme, die wir allgegenwärtig hören, ist Angela Merkels Stimme. Sie haben sich als Sprechwirkungsforscher lange mit ihrer Stimme beschäftigt. Was können sie der Stimme von Frau Merkel ablesen?

Die Stimme von Frau Merkel ist eine recht komplizierte Angelegenheit und sie ist bis heute nie richtig beschrieben worden. Man hat sich bei Frau Merkel viel zu lange an Äußerlichkeiten wie der Frisur, dem Hosenanzug oder der Raute beschäftigt. Das sind alles so oberflächliche, nebensächliche Dinge. Die Art und Weise, wie Frau Merkel spricht ist sehr viel wichtiger für die Wirkung, die sie auf die Menschen hat. Frau Merkel ist bestimmt keine große Rednerin, auch heute noch nicht, früher war sie es noch weniger. Wir haben 2001 angefangen, ihre Reden auf Parteitagen anzuhören. Das war damals tatsächlich nicht sehr toll: Sie hat zu hoch gesprochen, falsch betont, die Pausen waren nicht so gut gesetzt. Das ist alles ein bisschen besser geworden, aber immer noch kann man sagen, dass sie keine gute Rednerin ist, aber trotzdem sollte man nicht unterschätzen, wie positiv sie letztlich auf viele Menschen wirkt.

Das sind insbesondere drei Faktoren, die da zusammenkommen: Frau Merkel spricht inzwischen durchaus tiefer. 2005/2006 etwa war sie in den Wechseljahren und da wird bei Frauen durch die hormonelle Umstellung die mittlere Stimmlage deutlich abgesenkt. Das war bei Frau Thatcher früher ganz ähnlich. Da kann man genau festmachen, dass ihr politischer Durchbruch erst erfolgte, als sich bedingt durch die Wechseljahre ihre mittlere Stimmlage deutlich abgesenkt hat. Frau Merkel hat jetzt mit ihrer Stimmlage mehr Spielraum nach oben zu variieren, aber sie hat durchaus Schwächen, die eine ganz interessante Wirkung haben. Eine ist, dass sie die Betonungen nicht sehr deutlich gegeneinander abgrenzt. Auf Wortebene hat sie nur zwei Betonungsstufen, die zudem noch schwer zu unterscheiden sind. Schwieriger wird es, wenn dann auf Satzebene kaum eine weitere Betonungsstufe hinzukommt. Es müsste auf Satzebene ein Wort deutlich hervorgehoben werden, um den Satzfokus deutlich zu kennzeichnen. Das ist für uns Hörer ganz wichtig, damit wird unsere Aufmerksamkeit gesteuert und man macht es Hörern leichter. Ohne den wirkt es ermüdend, weil man als Zuhörer sich auf die Suche macht durch Rekonstruktionen diesen Satzakzent doch irgendwie zu finden. Das kostet zusätzlich Informationsverarbeitung und belastet die Aufmerksamkeit, denn sie redet ja weiter; man hechelt dann nur noch hinterher und das ermüdet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel
Angela Merkel: Nicht die beste Rednerin, aber immerhin schon besser als früher. Bildrechte: dpa

Es bleiben aber Dinge übrig, die positiv wirken. Nämlich, dass sie insgesamt sehr beruhigend spricht. Sie ist immer unaufgeregt, sie spricht wenig emotional. Sie hat eine sehr sachliche Satzmelodieführung, fast so als würde sie Nachrichten vorlesen. Und dieses Unaufgeregte, wenig Emotionale hat eine beruhigende Wirkung. Selbst die schlimmsten Katastrophen klingen, wenn Frau Merkel darüber spricht gar nicht so dramatisch. Man hat das Gefühl als Hörer: Es ist ja alles gar nicht so schlimm.

Aber genau das ist doch eine Gefahr? Immer die gleichen Melodiebögen – was macht das möglicherweise mit den Inhalten?

Das kann in echten Krisenzeiten auch umschlagen. Bei einigen ist es ja bereits umgeschlagen und sie hat manche Wutbürger vielleicht dadurch erst erzeugt, dass sie das Gefühl haben, sie erkennt diese Gefahr nicht oder will sie nicht wahr haben oder macht uns vor, dass es die gar nicht gibt. Aber im Augenblick hat sie noch die Wirkung, die ich gerade beschrieben habe. Es ist ein bisschen verringert worden, als sie im Spätsommer 2015 durch die Vorgabe der unkontrollierten Zuwanderung in ihren Beliebtheitswerten einen deutlichen Einbruch erlitten hat, aber den hat sie inzwischen weitgehend schon wieder überwunden und wenn nicht neue Krisen dazukommen, könnte es sein, dass diese Wirkung weiterhin greift.

Stellen wir mal Martin Schulz daneben den politischen Herausforderer von Angela Merkel. Wie steht er stimmlich neben der Kanzlerin da, wie ist es um seine Stimmkompetenz bestellt?

Ich würde Schulz wegen der unterschiedlichen Geschlechter nicht mit Angela Merkel vergleichen, sondern mit anderen männlichen Sprechern im politischen Geschehen. Da kann man sagen, dass Schulz nicht so glücklich auftritt. Er ist zwar kein schlechter Redner, er macht jetzt nicht alles falsch, aber zählt nicht zu den sehr begabten Rhetorikern. Er ist eher im Mittelmaß einzuordnen.

Der SPD-Kandidat für Kanzleramt und Parteivorsitz, Martin Schulz, spricht am 19.03.2017 in Berlin beim SPD-Sonderparteitag.
Aber auch Kanzlerkandidat Martin Schulz hat sprecherisch noch Luft nach oben. Bildrechte: dpa

Interessant ist, was sich in den letzten Monaten an Veränderungen ergeben hat. Seit der Wahlniederlage im Saarland ist die Stimme von Herrn Schulz deutlich angespannter geworden. Auch die mittlere Stimmlage ist nach oben gerutscht. Er hat im Augenblick bei öffentlichen Auftritten im Moment ungefähr eine mittlere Stimmlage von 155 Hz, auch in Interviews, wo die Stimme eigentlich tiefer ist als bei großen Reden. Wenn ich vor 4.000 bis 5.000 Menschen in einem großen Saal spreche, dann spricht man trotz der Mikrofone lauter und dann rutscht die Stimme nach oben. Aber wenn jemand in Interviews, mit jemandem, der zwei Meter vor einem steht auch diese fast schon Falsettstimme bekommt, dann ist das ein deutlicher Indikator dafür, dass der Sprecher sehr angespannt ist. Und diese Anspannung überträgt sich auch auf die Hörer und das wirkt nach einer gewissen Zeit auch recht unangenehm.

Ansonsten hat er ein paar Auffälligkeiten, er hat leicht rheinische Anklänge, die in seiner Aussprache durchkommen. Was im Rheinland vielleicht durchaus positiv aufgenommen, außerhalb solcher Regionen kommen solche dialektalen Varianten meist nicht so gut an. Überregional ist es immer von Vorteil, möglichst dialektfrei zu sprechen. Er hat eine Satzmelodie, die oft sehr reihend wirkt. Also er hat Phrasen, die er aneinanderreiht, als wäre er bei einer Aufzählung. Das erschwert den Hörern die Gliederung. Er bleibt mit der Stimme oft oben an Phrasenenden, wo er eigentlich runtergehen müsste.

Herr Schulz ist sprechtechnisch nicht ein Fehlgriff, aber er ist auch kein charismatischer Typ. Wenn wir ihn mit Gabriel vergleichen, kann man sagen: Sprechtechnisch hat die SPD sich da keine Vorteile durch diesen Wechsel erkauft.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im ... Radio | 16.05.2017 | 18:05 Uhr

Die Themen der Sendung:

  • Wir sind im Gespräch mit dem bundesweit führenden Sprechwirkungsforscher Walter Sendlmeier.
  • Wir treffen Michael Fuchs, der am Uniklinikum Leipzig zu tiefer werdenden Frauenstimmen forscht.
  • Die Studierenden der Sprechwissenschaft lassen uns mit dabei sein, wenn sie beim Lippenflattern und Blumenpflücken im Seminarraum in Halle ihren optimalen Stimmsitz anpeilen.

Aus der Sendung:

Frau mit Sodbrennen
Bildrechte: IMAGO

Menschen werden auch aufgrund ihrer Stimme beurteilt. Profis schulen ihre Stimmen entsprechend. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen sprechen Frauen zudem heute tiefer als noch vor Jahrzehnten.

MDR KULTUR - Das Radio Di 16.05.2017 18:05Uhr 04:50 min

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Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2017, 14:42 Uhr

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