Studenten sitzen bei einer Vorlesung im Felix-Klein-Hörsaal im neuen Paulinum der Universität Leipzig vor einem gotischen Rosettenfenster,
Studieren: für die einen ganz normal, für die anderen ein Privileg. Bildrechte: dpa

Wie ungerecht geht's zu in Deutschland? "Es ist ein Privileg zu promovieren"

Bis heute haben Kinder aus sozial benachteiligten Familien und Einwandererkinder schlechtere Chancen im deutschen Bildungssystem, als Kinder aus Akademikerfamilien. Letztere erhalten aus dem Elternhaus in der Regel sehr viel größere Unterstützung. Dennoch gelingt es hin und wieder, diesen Kreis zu durchbrechen. Constanze Gräsche aus Leipzig hat es geschafft. Sie kommt aus einer "Arbeiterfamilie", hat studiert und arbeitet an ihrer Promotion. Doch sie ist sich noch nicht im Klaren darüber, ob sie damit auch glücklich wird. Karoline Knappe hat sie getroffen.

Studenten sitzen bei einer Vorlesung im Felix-Klein-Hörsaal im neuen Paulinum der Universität Leipzig vor einem gotischen Rosettenfenster,
Studieren: für die einen ganz normal, für die anderen ein Privileg. Bildrechte: dpa

Das geisteswissenschaftliche Zentrum der Universität Leipzig, Institut für angewandte Linguistik und Translatologie: Hier arbeitet Constanze Gräsche an ihrer Promotion, eine junge Frau Ende 20 mit großer knallroter Achtziger-Jahre-Brille und hippem Undercut, die sich auf den ersten Blick nicht von den anderen Studierenden und Promoventen unterscheidet. Seit einem knappen Jahr ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin – und "Arbeiterkind", denn in ihrer Familie haben alle eine Ausbildung gemacht.

Ich muss oft erklären, weshalb ich studiere, was ich da mache.

Constanze Gräsche

Besonders jetzt, bei der Promotion. Constanze hat Übersetzungswissenschaften studiert, wenn sie damals gesagt hat, sie studiert, um  Übersetzerin zu werden, war das etwas Anschauliches. Und dabei haben ihre Eltern sie immer unterstützt, ihr immer den Weg an die Uni offen gehalten – etwas, wofür Constanze Gräsche ihnen sehr dankbar ist. Und doch schwingen unausgesprochene Erwartungen immer mit, wenn sie ihre Familie besucht.

Constanze Gräsche
Doktorantin Constanze Gräsche Bildrechte: Christine Paasch-Kaiser

Mein jüngerer Bruder hat mit 17 seine Ausbildung angefangen, mit 20 war er fertig und hat im Unternehmen gearbeitet, hatte sein erstes Auto mit 20. Ich bin jetzt Ende 20, habe kein eigenes Auto, habe auch noch keine Familie. Ich hab eine Cousine, die ist ein Jahr jünger als ich, die erwartet jetzt ihr drittes Kind. Das kann ich alles nicht vorweisen.

Constanze Gräsche
Rentnerin zählt ihr Kleingeld
Bildrechte: IMAGO

Deutschland leistet sich ein üppiges Sozialsystem, von der Rentenversicherung bis zum Wohngeld. Trotzdem beklagen Sozialverbände, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Woran liegt das?

MDR KULTUR - Das Radio Mi 17.05.2017 18:05Uhr 04:19 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Studenten verfolgen an der TU Ilmenau eine Vorlesung
Bildrechte: dpa

Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben in der Regel schlechtere Bildungschancen als Akademikerkinder. Einem "Arbeiterkind" ist es gelungen, diesen Kreis zu durchbrechen - nun hadert es mit der neuen Rolle.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 17.05.2017 18:05Uhr 04:13 min

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Besondere Hürden

Es ist eine ambivalente Situation. Aber damit ist Constanze nicht allein. Die klassischen Hürden betreffen vor allem die Studienfinanzierung und Studienorganisation. Aber auch andere Gründe bringen Nicht-Akademiker-Eltern dazu, ihren Kindern eher vom Studium abzuraten.

Viele Eltern glauben dann, dass das Kind sich abwendet von der Familie und etwas Besseres ist, weil es hat ja studiert und einen akademischen Abschluss erworben, und dann haben die Eltern auch Angst, dass das Kind dann nicht mehr zurückgeht zur Familie und die Eltern gar nicht mehr als das akzeptiert, was sie sind.

Daniela Keil von der Initiative Arbeiterkind.de

Auch für Constanze Gräsche ist das akademische Leben noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Ich promoviere jetzt, und ich frag mich: was bringt das überhaupt? Ist das überhaupt gerecht, dass ich mich auf so viel Prozent der Gesellschaft quasi ausruhe? Es ist ein Privileg zu promovieren für mich – und für viele um mich herum ist es das nicht. Für die ist das völlig natürlich.

Constanze Gräsche

Im Zwiespalt

Doch nicht nur sie selbst fühlt sich manchmal merkwürdig fremd in der Uni-Welt. Vor allem erscheint ihr diese Welt oft wie eine einzige große akademische Blase, weit weg von jeder Realität.

Ich bin weiterhin zwischen diesen Welten. Und ich kann nicht mehr in diese Arbeiterwelt meiner Familie zurück, ich hab aber auch den Eindruck, ich find nie richtig den Zugang zu dieser akademischen Welt. Und weiß auch gar nicht, ob ich das wirklich will.

Constanze Gräsche
Konstanze Senge
Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky
Vor dem Abendhimmel über einem Feld hebt eine Mutter ihr Baby in die Luft.
Bildrechte: dpa

Wie es einer alleinerziehenden Krankenschwester aus Leipzig mit zwei Kindern gelingt, mit Unterstützung ihres Arbeitgebers den Alltag zu organisieren.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 17.05.2017 18:05Uhr 04:10 min

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Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im ... Radio | 17.05.2017 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2017, 07:14 Uhr

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