Ferkel in einer Schweinezucht
Ferkel sollen in der Schweinezucht alle gleichzeitig zur Welt kommen Bildrechte: IMAGO

Massentierhaltung in der Kritik Pferdeblut in der Schweinezucht

Auf der Grünen Woche hat Landwirtschaftsminister Christian Schmidt ein Tierwohl-Label vorgestellt. Doch wie weit die Massentierhaltung vom Tierwohl entfernt ist, zeigen Hormone für die Schweinezucht. In Südamerika wird Stuten in großen Mengen Blut entnommen, denn darin ist ein Hormon, dass auch deutsche Bauern in der Schweinezucht verwenden. Tierschützer kritisieren ein Pharmaunternehmen aus Dessau, dass das Hormon angeblich importiert.

von Laura-Nadin Naue

Ferkel in einer Schweinezucht
Ferkel sollen in der Schweinezucht alle gleichzeitig zur Welt kommen Bildrechte: IMAGO

Es ist ein unscheinbarer Stoff, der jeden Monat die EU erreicht. Schon 100 Gramm – also ein schmaler Brief – haben einen Wert von rund 900.000 Dollar. PMSG heißt der Stoff, der im Blut trächtiger Stuten vorhanden ist. Mit dem Pferdehormon bringen Bauern ihre Sauen zur gleichmäßigen Geburt ihrer Ferkel. York Ditfurth, Vorstand der Animal Welfare Foundation, erklärt, was das Hormon bei dem Schwein bewirkt:  

In der Praxis sieht das so aus, dass die Muttersauen möglichst zum gleichen Zeitpunkt den Samen aufnehmen sollen, damit sie zum gleichen Zeitpunkt die Ferkel zur Welt bringen. Dann kann man die Ferkel gemeinsam in Mastbetriebe verbringen. Insofern hat man industriell getaktete Abläufe.

York Ditfurth, Vorstand der Animal Welfare Foundation

30 Prozent der Stuten sterben

Das Schwein als Gebärmaschine. Andreas Palzer vom Bundesverband Praktizierender Tierärzte sagt, das Eintakten habe positive Seiten: Im Stall würden so Rangordnungskämpfe vermieden werden. Pharmaunternehmen importieren das Hormon PMSG nach Deutschland. Auch Bauern in Deutschland setzen es ein. Blutfarmen werden die Orte genannt, an denen das Blut gewonnen wird. Die Farmen sind weit von der EU, Deutschland und dem Tierwohl-Label entfernt.

Dieses PMSG wird in Südamerika gewonnen, vor allem Uruguay und in Argentinien, und auch Chile. Alle Blutstuten müssen tragend sein, sonst kann man PMSG nicht gewinnen. Und grundsätzlich ist es so, dass diese Blutfarmen die Fohlen nur im geringsten Maße brauchen. In der Regel und systematisch wird abgetrieben.

York Ditfurth, Vorstand der Animal Welfare Foundation
Stute mit Fohlen
Das Fohlen der Stuten wird abgetrieben Bildrechte: colourbox.com

Das perfide ist also: Die Stuten werden nur trächtig, damit sie das Hormon produzieren. Bis zu zwei Mal wöchentlich entnehmen die Arbeiter den Tieren zehn Liter Blut, das entspricht einem Viertel ihrer gesamten Blutmenge. Nach Recherchen der Tierschützer sterben dadurch jährlich 30 Prozent der Stuten.

Blutfarmen schotten sich ab

Auch anderthalb Jahre nach den ersten Enthüllungen hat sich das Wohl der Tiere bis heute mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht verbessert, berichtet York Ditfurth. Zuletzt hat er die Farmen im Oktober 2016 besucht:

Es wird in besserem Sichtschutz und Videoüberwachung und Hunde investiert, damit wir nicht weiter recherchieren können. Man schottet sich also ab. Die Verhältnisse hinter den Mauern sind gleich geblieben. Wir haben auch jetzt im Oktober 2016 zuletzt eine Weide kartiert und Kadaver gezählt, es hat sich nichts geändert.

York Ditfurth

Blut in Pulverform gilt als Arznei

Nach Deutschland kommt das Blut bereits aufgearbeitet – in Form von Pulver. Es gilt dann als Arzneimittel und nicht mehr als tierisches Produkt. Eine Pressesprecherin des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft erklärt schriftlich: 

Es ist nicht Aufgabe der Bundesregierung, die legale Anwendung zugelassener Tierarzneimittel zu bewerten, ausgenommen in Fällen, in denen mit weitreichenden und langfristigen Risiken für die öffentliche Gesundheit durch den häufigen Einsatz derartiger Mittel zu rechnen ist.

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Und das treffe nach derzeitiger Kenntnis auf PMSG nicht zu. Eine schnelle politische Lösung ist somit nicht zu erwarten. Von den importierenden Pharmaunternehmen sitzen zwei in Deutschland – MSD mit Sitz bei München sowie IDT mit Sitz in Dessau.

Schweinezucht in Dessau schweigt

Schweine schauen durch Gitterstäbe
Schweine bekomen das Blut als Pulver Bildrechte: Colourbox.de

Nach den Enthüllungen hat MSD den Import der Hormone von Südamerika nach Europa gestoppt. Und IDT in Dessau? MDR KULTUR hat bei dem Unternehmen nachgefragt, ob es das Hormon, wie von den Tierschützern behauptet, auch weiterhin aus Uruguay beziehe. Die Antwort vom 19. Januar 2017:

Als Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Markt können wir keine Details zu unseren Produkten, Partnern und zu unserer Supply Chain veröffentlichen. Schon aus vertraglichen Verpflichtungen ergibt sich, dass wir grundsätzlich weder Angaben zu den Unternehmen, der Lieferbeziehung noch zu einzelnen bezogenen Materialien machen können und wollen.

IDT in Dessau

Nach einem Dementi klingt das nicht.  

Über dieses Thema berichtete MDR KULTUR auch im:
Radio | 23.01.2017 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2017, 13:32 Uhr

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