Enrico Lübbe
Der Intendant des Schauspiel Leipzig, Enrico Lübbe Bildrechte: dpa

Das Schauspiel Leipzig beim Theatertreffen "Das ist ihr einmalig gelungen"

Das Schauspiel Leipzig ist zum Berliner Theatertreffen im Mai eingeladen. Mit der Romanadaption "89/90" in der Regie von Claudia Bauer. Ein Gespräch mit dem Intendanten Enrico Lübbe.

Enrico Lübbe
Der Intendant des Schauspiel Leipzig, Enrico Lübbe Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Hatten Sie mit einer Einladung schon gerechnet?

Enrico Lübbe: Rechnen kann man mit sowas nie. Wir hatten sehr darauf gehofft, aber dass es am Ende klappt, konnten wir nicht planen und wir freuen uns natürlich deswegen umso mehr darüber.

Die Regisseurin, Claudia Bauer, ist bei Ihnen als Hausregisseurin angestellt, und sie ist die einzige Regie-Frau neben neun Männern, die hier eingeladen wurde. Braucht das Theatertreffen eine Frauenquote?

Ich glaube, dass die Jury am Ende über einzelne Produktionen abstimmt. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob man darauf schaut, welches Geschlecht der Regisseur oder die Regisseurin hat. Ich bin eigentlich auch eher dafür, zu sagen: Es geht um Qualität, es geht um Inszenierung und wenn die Jury danach entscheidet, ist es ihr gutes Recht. Ich finde die Auswahl ist ja auch sehr interessant, nicht nur, weil das Schauspiel Leipzig eingeladen wurde.

Es wurde Ihnen in den letzten Jahren immer mal wieder unterstellt, dass Sie mehr auf ein volles Haus schielen als auf die Kunst. Diese Sicht auf die Dinge hat auch was mit Ihrem Vorgänger im Amt zu tun: Sebastian Hartmann, der sehr exponiertes Kunsttheater gemacht hatte, aber auf der anderen Seite für dieses Theater zu wenig Publikum ins Theater holen konnte. Was bedeutet die Einladung zum Theatertreffen vor diesem Hintergrund: Genugtuung?

Nein und ich würde das auch gar nicht so stehen lassen wollen. Diese Einladung zum Berliner Theatertreffen ist ja nicht unsere erste Festivaleinladung. Also wir haben in den letzten drei Jahren zwei Mal den Mühlheimer Dramatiker-Preis gewonnen, was ja auch nicht nichts ist. Wir waren mehrfach bei den Ruhrfestspielen, wir waren beim Berliner Theatertreffen der Jugend und Genugtuung empfinde ich da gar nicht. Ich freu mich sehr für Claudia Bauer, die – wie ich finde – es seit langem verdient hat, zum Theatertreffen zu fahren. Ich freue mich sehr für das Haus, für das Ensemble, aber auch für die Stadt Leipzig und natürlich für das Bundesland Sachsen und ganz Ostdeutschland. Weil "89/90" ist ja auch die einzige Produktion, die aus den neuen Bundesländern kommt.

Am Freitag, 17. Februar steht das Stück "89/90" wieder auf dem Spielplan. Können Sie uns kurz erzählen um was es da geht, und was die Inszenierung so bemerkenswert für Sie macht?

Das ist kein klassischer Roman mit einer durchgehenden Geschichte, die sich dann über den ganzen Roman ausbreitet, sondern das ist wie ein kleines Wimmelspiel, wie ein Puzzle aus Einzelteilen aus genau dieser Zeit, Sommer 1989 bis Sommer 1990. Und was ich überhaupt an dem Roman so spannend fand – deswegen habe ich auch damals zum Dramaturgen gesagt: Wir müssen das unbedingt machen, weil ich mich bei Peter Richters Roman so wiedererkannt habe. Ich bin gebürtiger Schweriner, komme nicht aus Sachsen, aber ich bin Jahrgang 75 und ich habe das in Schwerin ähnlich erlebt, wie er das beschreibt. Also wie schnell dort politische Verhaltensweisen geschwenkt sind – heute links, morgen rechts – und was vor allem an Gewalt dort in dieser Zeit Gang und Gebe war. Es gibt ja nicht wenige, die sagen, dass das, was in den letzten Monaten hier in Sachsen passiert, viel mit dieser Geschichte von 1989/1990 zu tun habe. Und das war der Grund, es auch anzusetzen, und ich finde Claudia Bauer hat sich dieser Herausforderung, die dieser Roman ist, hervorragend gestellt. Es gibt keine Geschichte, sondern es gibt eigentlich nur Momentaufnahmen und das in Bilder umzuwandeln, in Choreografien, in Musik, das ist ihr einmalig gelungen, das muss man wirklich sagen.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 07.02.2017 | 17:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2017, 17:18 Uhr