Regisseur Andreas Dresen über "Timm Thaler oder das verkaufte Lachen" "Man kann Kindern mehr zumuten"

Am Donnerstag kommt "Timm Thaler oder das verkaufte Lachen" von Andreas Dresen in die Kinos. Im Interview mit MDR KULTUR-Redakteurin Julia Hemmerling erklärt er, warum er dieses Mal die Handkamera zu Hause gelassen hat und was er an vielen Kinderfilmen nicht mag.

MDR KULTUR: Es ist ein Film über den Verlust des Kinderlachens. Haben Sie das Gefühl, das ist ein aktuelles Thema?

Andreas Dresen: Wenn man über den großen Teich schaut, geht einiges anderes verloren, auch die Kindheit. Das ist schon ein bisschen beängstigend, insofern passt der Film auch in die Zeit. Das war gar nicht so beabsichtigt. Dass der Film ein politisches Thema hat, das war mir schon klar. Dass wir dann plötzlich so eine Aktualität bekommen, überrascht mich selbst ein bisschen. Wenn ich das jetzt so sehe, finde ich es total faszinierend, dass Justus (Justus von Dohnányi spielt im Film den Baron Lefuet, Anm. d. Red.) ein paar Sachen spielt, die man jetzt in der Realität sehen kann, die er damals noch gar nicht wissen konnte, als wir den Film gemacht haben.

Warum haben Sie für das Setting die Zeit der 20er-Jahre gewählt?

Das kam vor allen Dingen aus dem Roman von James Krüss, der seine Geschichte auch in dieser Zeit spielen lässt. Und das hat vor allen Dingen den Grund, dass die 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts ja eine Zeit sehr großer sozialer Kontraste war. Und ich glaube, dass das für diese Geschichte ganz wichtig ist. Der Timm kommt aus sehr ärmlichen Verhältnissen, aus einer kleinen Gasse. Letztendlich kann die Stiefmutter nichtmal den Grabstein für den Vater bezahlen, der da stirbt. Das ist ein entscheidender Ansatz für die Erpressbarkeit des Jungen, indem ihm der Reichtum versprochen wird und der schnelle Gewinn.

Zum anderen wollten wir nicht diese Geschichte jetzt auf eine platte Art aktualisieren, weil wir ja alle wissen: Über das Handy von heute lacht man morgen schon. Der Film altert sehr schnell, wenn man ihn in die Gegenwart zieht. Viel schneller als ein historischer Märchenfilm. Der dritte Grund für die Wahl dieser Zeit war für mich natürlich auch, dass ich gerne einen wirklichen Märchenfilm erzählen wollte. Ich fand es schön, hier mal eine Geschichte zu haben, wo man die Zuschauer wirklich entführen kann in eine ganz andere Welt.

Sie sind bekannt für Improvisatorisches, für Handkamera-Aufnahmen und freies Spiel  unter den Darstellern. Timm Thaler ist dagegen recht durchgestylt. Ist von der Improvisations-Idee noch etwas übrig geblieben?

Nein, das ist eine ganz andere Art von Erzählung und eine ganz andere Art von Handwerk bei so einem Film. Das ist ein klassischer, traditionell erzählter, großer Familien-Märchenfilm. Ich habe durchaus schon immer mal Filme gemacht, die schon in diese Richtung gingen. Wenn man sich "Willenbrock" anguckt, was eine große, klassisch erzählte Geschichte ist, oder ein Film wie "Whisky mit Wodka", der zum Teil auch Ausflüge in den Kostümfilm der 20er-Jahre hat, zuletzt "Als wir träumten", hat zwar einen anderen Gestus, ist aber auch ein großer, historischer, aufwändig gedrehter Film.

Das Improvisieren und die Handkamera passt halt nicht bei jeder Geschichte. Das würde ich gern wieder machen. Mir muss die richtige Geschichte über den Weg laufen, dann bin ich sofort wieder dabei. Aber für diesen Film wäre es definitiv das Falsche gewesen. Und dann ist es natürlich auch so, dass man sich selber als Regisseur und auch als Mensch übrigens anders ausprobieren möchte. Ich möchte nicht immer dasselbe machen. Mich interessiert unerobertes Terrain, mich interessiert, neue Dinge zu entdecken für mich selber. Und hier gab es ganz andere Herausforderungen als Regisseur: Animationsfilm, 3D-Effekte, ein großer Orchester-Score – das waren alles Dinge, die für mich neu waren und handwerklich auch sehr spannend.

In dem Film steckt viel Wirtschaftskritik. Für wen ist der Film gemacht, ist das wirklich ein Kinderfilm?

Das ist ein Film für Kinder und ihre Eltern. Ich glaube, dass man Kindern heutzutage eine ganze Menge mehr zumuten kann, als man das gemeinhin tut. Häufig werden insbesondere in Kinderfilmen Kinder mit Albernheiten und Banalitäten grell-bunter Art überschüttet. Und ich finde, dass auch Märchen, wenn sie denn gute Märchen sind, meist eine Moral haben. Und eine moralische Geschichte zu erzählen, wenn das nicht in den Vordergrund tritt, finde ich sehr hilfreich, weil man Kindern damit auch ein bisschen was darüber erzählt, wie diese Welt funktioniert, in die sie nun mal reinwachsen nach und nach.

Insofern können sie ruhig ein bisschen was über diese Regeln, die da stattfinden, erfahren - in dem Fall, dass das ja dann leider doch häufig die Regeln des Teufels sind, nach denen diese Welt, in der wir leben, gemacht ist. Und wenn sie dann eine Haltung dazu entwickeln, können sie vielleicht später mal eine besser Welt machen. Das ist ja immer der Wunsch, den die ältere Generation der jüngeren Generation gegenüber hat: dass die das irgendwie besser hinkriegen. Insofern war mir wichtig, diese auch moralischen Aspekte des Romans hineinzubringen.

Dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, dass das Wirtschaftssystem Fehler hat und dass Reichwerden nicht alles ist - diese Nachricht ist doch eigentlich schon alt, oder nicht?

Die ist alt und immer noch aktuell. Das ist eigentlich das Erschreckende, dass auch über 50 Jahre nach Erscheinen dieses Romans wir immer noch vor dem gleichen Problemfeld stehen. In gewisser Weise ist es sogar noch viel brutaler geworden. James Krüss bemüht damals in seinem Roman die afghanischen Scherenschleifer, die ausgenutzt werden, lässt Timm Thaler Margarine-Reklame machen.

Wir konnten da schon mit ganz anderen Beispielen arbeiten: Mit den aktuellen Religionskriegen, die wir erleben, oder eben mit dem, was internationale Firmen in Afrika anrichten. Das kommt bei uns nur in symbolischer Form zum Tragen. Aber die erwachsenen Zuschauer werden sofort wissen, was da gemeint ist. Und die Kinder, für die ist das wahrscheinlich eine Art Parabel. Die sehen, wie der Teufel andere Leute ausnutzt und ausbeutet. Und das wird ihnen vielleicht nicht ganz fremd sein, wenn sie in diese Welt hineinwachsen.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | MDR KULTUR-Café | 05.02.2017 | 12:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2017, 10:41 Uhr

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