Debatte über den Umgang mit DDR-Kunst Bilderstreit in Dresden: Happy End im "Schaudepot"?

Sollte man der DDR-Kunst dauerhaft mehr Platz einräumen im Albertinum? Und DDR-Kunst - was ist das überhaupt? Um diese Fragen drehte sich die Debatte bei der großen "Tafelrunde", um die Wogen im Bilderstreit zu glätten. 16 Experten und 600 Dresdner kamen. Schnell war klar, dass es fast auf den Tag genau 28 Jahre nach Wende und Mauerfall auch immer noch um Fragen der Herkunft und Anerkennung geht.

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artour Do 09.11.2017 22:05Uhr 06:01 min

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28 Jahre nach der Wende streitet man um DDR-Kunst, genauer wie viel davon in den Staatlichen Kunstsammlungen, im Albertinum, hängen sollte, was überhaupt "DDR-Kunst" ist und ob sie ausreichend gewürdigt wurde und wird. Die Chefin des Albertinums, Hilke Wagner, musste in den letzten Wochen regelrechte Hasstiraden über sich ergehen lassen - in Mails, Briefen und Anrufen von Dresdnern, die kritisierten, dass Bilder, mit denen sie sich verbunden fühlten, nicht mehr dauerhaft zu sehen sind.

"Wende an den Wänden"?

Den Sturm der Entrüstung entfachte der Kunstwissenschaftler und Mitverfasser des DDR-Bildatlas, Paul Kaiser, mit seinem Beitrag "Wende an den Wänden" Ende September in der "Sächsischen Zeitung". Er monierte darin, dass die Dauerausstellung im Albertinum ständig umgeräumt und die ostdeutsche Kunst aus der Zeit zwischen 1945 und 1989 sukzessive ins Depot "entsorgt" werde. Dies geschehe "brachial" und "ganz ohne Begründung". "Sollte fortan ein Tourist durch die einst der ostdeutschen Kunst vorbehaltenen Räume flanieren, könnte er auf die Idee verfallen, dass es die DDR nie gegeben habe", schrieb Kaiser. Aufgebrachte Dresdner unterstellten der seit 2014 amtierenden Direktorin, Jahrgang 1972 und in Hessen geboren, denn auch die kulturelle Ost-Vergangenheit bewusst zu ignorieren. Vielen fehlen nicht nur die alten Bekannten, Mattheuer mit seinem Sisyphos-Zyklus, Tübke oder Heisig, sondern auch Dresdner "Altmeister" wie Theodor Rosenhauer, Willy Wolff, Cornelia Schleime und Eberhard Göschel.

Paul Kaiser
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Der Mann, der den Dresdner Bilderstreit entfachte: Paul Kaiser, Hilke Wagner vom Albertinum, Alfred Weidinger vom Bildermuseum Leipzig und Thomas Oberender erklären uns ihre Positionen.

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Man hatte hier immer das Gefühl, die ostdeutsche Kunst, selbst die Dresdner Kunst, ist hier nicht wohlgelitten. (...) Wir sprechen hier über die Jahrgänge 1925 bis 1960. Und das deren Kunst nicht mehr reichen würde, um in dieses Haus, dieses sächsische Staatsmuseum, das hat schon viele Dresdner und nicht nur Dresdner empört.

Paul Kaiser, Experte für DDR-Kunst

Auf AfD-Wunsch nachgezählt: 77 Werke

Eine blonde Frau
Hilke Wagner, Direktorin Albertinum, will keine Nostalgie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wagner entgegnete Kaiser und ihren Kritikern, dass nichts ins Depot "entsorgt" worden wäre, sondern "kontinuierlich umgehängt" oder auch verliehen - für große Ausstellungen wie unlängst in Rostock oder derzeit im Potsdamer Museum Barberini. Nach einer Kleinen Anfrage der AfD wurde im Albertinum dann tatsächlich durchgezählt. Wagner kam "beim schnellen Durchschreiten der Ausstellungsräume" auf 77 Werke, die zwischen 1949 und 1989 in Ostdeutschland, vor allem in Dresden, entstanden.

Außerdem verwies sie auf die jüngsten Präsentationen von Dresdner Künstlern wie Karl-Heinz Adler und Hermann Glöckner sowie die Sonderausstellung "Geniale Dilletanten", die Positionen der 80er-Jahre zeige. Zudem würdige die Schau, dass sich mit A. R. Penck und anderen Künstlern im Osten und Dresden eine ganz eigene Subkultur von hoher künstlerischer Qualität entwickelt habe, was "das westliche Verspätungsargument" für die ostdeutsche Kunstproduktion eindrücklich widerlege.

Ich habe in den letzten Wochen ja relativ viele Zuschriften bekommen, regelrechte Wutbriefe. Auch das hat man mir vorgeworfen - ich sei schuld daran, dass man hätte AfD wählen müssen.

Hilke Wagner, Direktorin Albertinum

Gegen "DDR-Räume": "Was zählt, ist die Kunst"

Was zählt, ist die Kunst, sagt Hilke Wagner, die Sicht darauf dürfe nicht von "nostalgischem" oder "rein soziologisch geprägte Interessen" sein. Auch wenn der DDR-Bestand - "die Heroen inbegriffen" - ein Alleinstellungsmerkmal der Sammlung sei, wehre sie sich so gegen "DDR-Räume" oder eine Dauerausstellung, denn "divergente künstlerische Positionen" ließen sich nicht "pauschal verschubladen". Der Blick auf die Kunst in der DDR gehöre "entstaubt und aufgefrischt". Dazu setzt Wagner auf die Reihe "Focus Albertinum", die im "steten Wechsel" Sammlungen oder Künstler im Hinblick "auf ihre Relevanz für das Heute" beleuchtet. Im nächsten Jahr soll das zum Beispiel die DDR-Mail-Art-Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt sein oder eben Penck - in einer großen Retrospektive im Sommer. Dass das alles nicht anerkannt werde, habe sie schon enttäuscht, sagte sie im Gespräch mit MDR KULTUR.

Ich hätte so eine emotionale Debatte nicht mehr für möglich gehalten, ich dachte, das sei längst vorbei.

Alfred Weidinger, Direktor Leipziger Museum der bildenden Künste und Österreicher

Große "Tafelrunde" im Albertinum

Trak Wendisch: Seiltänzer, 1984
Künstlerische Gratwanderungen einst und heute: Trak Wendischs Seiltänzer, 1984, derzeit zu sehen im Museum Barberini in der Schau "Hinter der Maske" Bildrechte: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Photo: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders, © VG BILD-KUNST, Bonn 2017

Allerdings beließ es Wagner nicht bei ihrer Klarstellung in der "Sächsischen Zeitung", sondern versuchte, mit ihren Kritikern ins Gespräch zu kommen. Sie stellte fest, dass sich die Wogen im persönlichen Austausch glätten ließen. Vielleicht ermutigt von dieser Erfahrung, lud das Albertinum nun am Montag zum Forum. Aus dem über Artikel, Leserbriefe, Mails oder Anrufe ausgetragenen Schlagabtausch wurde eine mit großer Ernsthaftigkeit geführte Diskussion. Immerhin 16 Experten - Museumsleute, Kritiker, Politiker bis hin zu Kunstministerin Eva-Maria Stange - und rund 600 Dresdner kamen zur "Tafelrunde" ins Albertinum.

Über drei Stunden währte die emotionale Debatte, die diesmal ohne Beschimpfungen oder Beleidigungen auskam. Gefragt wurde, warum man bis Potsdam fahren müsse, um die eigenen Bilder zu sehen, die einem so viel bedeuteten. Überhaupt wurde das Museum Barberini, das derzeit in der Schau "Hinter der Maske" 100 Werke von 80 Künstlerinnen und Künstlern aus der Zeit zwischen 1945 und 1989 zeigt, zum leuchtenden Beispiel und der Wert einer Daueraustellung betont. Dagegen wurde von Seiten des Hauses auch der Mangel an Platz und Kuratoren ins Feld geführt. Lediglich ein Zehntel des Gesamtbestandes des 19. bis 21. Jahrhunderts könne man zeigen.

Wer hier nach Dresden kommt, der kommt nicht nach Hinterposemuckel und nicht nach Würselen. Dresden ist was Besonderes, und hier nach Dresden zu kommen, das erfordert einen gewissen Respekt, Ehrfurcht und Hochachtung.

Wortmeldung im Albertinum an die Adresse von Hilke Wagner
Ein Mann im schwarzen Hemd
Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, sieht ein "Integrationsproblem". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Ende war klar, dass sich der heftige, neue-alte Bilderstreit 28 Jahre nach der Wende nicht allein darum dreht, ob "Peter im Tierpark" noch am vertrauten Platz hängt, sondern sich speist aus einem generellen Kränkungsgefühl; aus dem Empfinden im Osten "kulturell kolonialisiert" worden zu sein. Egal, ob es um Ost-Kunst, Erhalt oder Abriss der architektonischen Ost-Moderne oder die DDR-Avantgarde-Musik geht, die - wie unlängst Dirigent Ekkehard Klemm beklagte - völlig aus den Konzertprogrammen verschwunden sei.

Marion Ackermann, die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, meinte zur Tafelrunde, sie könne sich ein "Schaudepot" für DDR-Kunst vorstellen. Um die Nostalgiker in einer Traditionsecke zu befrieden? Darüber kann bei einer neue Auflage der Tafelrunde diskutiert werden.

Ich glaube, dass wir im Moment weniger über Kunst diskutieren als über Herkunft, und die ist undiskutierbar.

Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 09. November 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2017, 11:44 Uhr