Holzmodell historischer Bierbrauerei
Bildrechte: Staatsbetrieb Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gemeinnützige GmbH/U. Kretzmar

Deutsche Biergeschichte Wem nutzt das Reinheitsgebot?

Das deutsche Reinheitsgebot besteht seit mehr als 500 Jahren und gilt als ältestes Verbraucherschutzgesetz. Dank ihm konnten damals die adligen Landbesitzer und Klosterwirtschaften ihre Monopolstellung sichern. Auch heute haben es die kleinen, regionalen Brauereien schwerer als Großbrauereien. Dabei brauen die experimentierfreudigen kleinen Brauereien oft viel reiner, meint der Magdeburger Bierbrauer Stefan Henning. Ist das Reinheitsgebot inzwischen gar überholt?

von Jan Kubon

Holzmodell historischer Bierbrauerei
Bildrechte: Staatsbetrieb Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gemeinnützige GmbH/U. Kretzmar

Vor fast genau 500 Jahren kam der Bayrische Landständetag unter dem Vorsitz von Herzog Wilhelm IV. in Ingolstadt zusammen. Damals ahnte sicher keiner der Beteiligten, dass die Verordnung zur Darreichung und Herstellung des Bieres, die sie beschließen zu gedachten, später mal eines der wichtigsten Lebensmittelgesetze der Welt werden würde.

Das Reinheitsgebot als Waffe gegen Heimbrauer

Nürnberger Bierbrauer im 14. Jahrhundert
Nürnberger Bierbrauer im 14. Jahrhundert Bildrechte: dpa

Was die Vertreter des Adels, der Kirchen und die Abgesandte der Städte und Märkte - also die Wirtschaftsmächte der damaligen Zeit - aber sicher im Blick hatten, war neben der Reinheit des Bieres und dem Schutz der Verbraucher auch das große Geld. Es ging vor allem auch um die Ausschaltung von lästigen Konkurrenten: den Heimbrauern. Denn jede Maß Bier, die zu Hause gebraut wurde, und das waren viele, war eine verlorene Maß für die Kirche und die städtischen Brauhäuser. Eine Bierverordnung, die die Kleinstbrauer stark reglementierte, schien da eine prima Idee zu sein. 500 Jahre lang hatten so die großen Bierbrauer ihre Ruhe vor lästiger Konkurrenz - bis sich um die Jahrtausendwende eine Biergegenbewegung etablierte: Die sogenannten Craft-Beer Brauer hatten die individuelle, nicht standardisierte und handwerklich im Sinne von sorgsam hergestellten Bieren für sich und ihre Kunden entdeckt. Und fast sieht es so aus, als würde das Reinheitsgebot wieder einmal seine ganze Qualität als wirksame Waffe im Kampf um Märkte und Kunden zeigen können.

Was vor 500 Jahren gut funktioniert hat, passiert ja heute nach ähnlichen Mechanismen. Biere von kleinen Brauereien werden als minder qualitativ eingestuft, weil sie angeblich nicht rein sind. Früher wollten die großen Brauhäuser und die Kirche mit ihren Mönchsbrauereien die kleinen Heimbrauer verdrängen – und das haben sie gemacht, in dem sie sie verunglimpft haben. Die Heimbrauer von heute sind wir, die kleinen Bauereien.

Stefan Henning, Magdeburger Bierbrauer

Bier als gesundes Grundnahrungsmittel

Bierbrauen war vor 500 Jahren hauptsächlich Heimarbeit: Jedes Gehöft, jeder Bauer braute sein eigenes Bier. Bier galt als gesund, als Grundnahrungsmittel. Es war sauberer als das mit Fäkalien verdreckte Flusswasser, es war nahrhaft und sogar Kindern wurde morgens eine Biersuppe zum Frühstück vorgesetzt. In den Heimbrauereien um 1500 braute jeder und vor allem jede nach eigenem Gusto. Statt des teuren Hopfens nahmen viele Heimbrauer zum Würzen andere Kräuter, die sie im Garten hatten zum Beispiel Hanf oder Rosmarin, aber eben auch Pflanzen die Halluzinationen verursachen können wie Stechapfel oder Gagel. Das hatte teils fatale Wirkungen für die Biertrinker.


Das macht man natürlich heute nicht mehr. Aber mit anderen Sachen zu würzen als mit Hopfen ist sehr modern und vor allem von den Kunden gewünscht. Sie wollen kein Biereinerlei mehr – sie sind experimentierfreudiger geworden.

Stefan Henning, Magdeburger Bierbrauer

Hexenverbrennung als Strafe gegen Heimbrauer

Die halluzinierenden "Opfer" der heimischen Bierbraukunst nahm die Kirche sofort zum Anlass, viele Frauen als Hexen zu verbrennen, denn die meisten Biere wurden damals von Frauen in den heimischen Sudkesseln gebraut. Ein zugegeben brutaler, aber sehr effektiver Weg, das Heimbrauen einzuschränken und den Klosterbrauereien weiter neue Märkte zu erschließen.

Zwei Gläser Bier, daneben ein Sack mit Hopfen
Hopfen - wie links im Bild zu sehen - gehörte neben Gerste und Wasser zu den drei Zutaten, die das Reinheitsgebot 1516 zuließ. Bildrechte: colourbox

Und mit dem Reinheitsgebot von 1516 wurden diese Bestrebungen zusätzlich abgesichert. Hopfen statt heimischer Gartenkräuter und Gerste als Grundlage für das Malz. Alternativen ausgeschlossen! "Mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser sollen nicht verwendet und gebraucht werden", so steht es geschrieben im Reinheitsgebot (die Wirkung von Hefe war damals nicht wirklich bekannt.) Nicht absprechen indes kann man dem Reinheitsgebot, dass es der vorherrschenden Weizenknappheit entgegenwirken wollte. Ein Ansatz, der für die heutige Zeit allerdings keine Gültigkeit mehr hat.

Reinheitsgebot als Mittel zur Preistreiberei

Eine der Folgen dieses Verdikts war das Entstehen erster großen Hopfenlandwirtschaften, die schon bald regionale Monopolstellungen innehatten. Und wer betrieb die? Natürlich die adligen Landbesitzer und die Klosterwirtschaften. Die Folge der Reglementierung: Der Preis für Hopfen stieg erheblich, genau wie der Preis für die bis dahin als minderwertig geltende Gerste. Gesetzlich verordnete Güterverknappung und Preistreiberei nennt man das. Ein Albtraum für jeden Wirtschaftstheoretiker heutiger Tage.  

Diese Profitoptimierungs- und Absatzmarktüberlegungen der Unterzeichner von 1516 spielen natürlich auch heute noch eine Rolle in der Diskussion um das Reinheitsgebot. Nur unter anderen Vorzeichen. "Gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot" ist für viele Biertrinker ein Kaufargument - eingebrannt über die Jahrhunderte in das nationale Biertrinkergedächtnis und immer wieder durch die Bierindustriellen befeuert, ist dieses Siegel wertvoller als je zuvor.

Ist das Reinheitsgebot überholt?

Teaserbild LexiTV Video "Bier 2"
Ein Braukessel ist in der industriellen Bierherstellung das, was früher die Sudpfanne zu Hause war. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was ist ein rein gebrautes Bier? Was darf überhaupt den prestigeträchtigen Namen "Bier" führen? Wer diktiert die Preise der Zutaten, wer reguliert damit die Abgabepreise der Brauereiprodukte in bestimmten Segmenten? Darüber entscheiden alleine die Großhersteller. Der Kunde wird jedoch nie gefragt und berufen tun sich die Großen der Branche immer noch auf eine Verordnung die 500 Jahre alt ist. Wo gibt es das heute eigentlich noch in der Wirtschaft?

Zwar wird heute niemand mehr als Hexe verbrannt, aber von den großen Bierherstellern werden die Biere der kleinen experimentierfreudigen Manufakturen oft als nicht genormt und damit als unrein hingestellt, vor denen man die Verbraucher mittels Reinheitsgebot schützen muss. Hexenverbrennung 2.0, die Scheiterhaufen werden mit den Seiten des Reinheitsgebotes angezündet.

Natürlich hat das Reinheitsgebot damals seine Berechtigung gehabt, da wurde auch echt viel schlimmes Zeug zusammengepanscht. Aber heute kann sich gar keine Brauerei es mehr leisten, zu panschen. Die Kunden würden das schmecken und die Biere einfach nicht mehr kaufen. Viele der kleinen Brauereien brauen viel sorgsamer, viel handwerklicher im Sinne eines guten Bieres mit regionalen, nicht genmanipulierten Zutaten zum Beispiel und vor allem mit der Zeit, die ein Bier braucht, um zu reifen. Das tun die Großen definitiv nicht. Im Gegenteil es werden sogar zusätzlich noch Braubeschleuniger und fossile Kieselalgen eingesetzt um Zeit im Produktionsprozess zu sparen. Und trotzdem dürfen sie ihren Bieren das Premiumsiegel: 'Gebraut nach deutschem Reinheitsgebot' verpassen. Das ist nicht fair! Das Reinheitsgebot ist nicht mehr zeitgemäß. Es ist nur noch ein Schutzschild für die großen Brauereien uns gegenüber. Der Verbraucherschutz spielt eher eine untergeordnete Rolle.

Stefan Henning, Magdeburger Bierbrauer

Bierbrauer Stefan Henning ist nicht per se gegen das Reinheitsgebot: Verbraucherschutz sei wichtig, auch beim Bier. Aber er ist sich auch sicher: Ein Bier kann auch ein Getränk sein, das aus mehr als nur den vier Zutaten Hopfen, Gerstenmalz, Wasser und Hefe entsteht.

500 Jahre Reinheitsgebot Zehn Fakten zum Bier

Wie alt ist es wirklich? Wer trinkt am meisten? Ist "alkoholfrei" wirklich alkoholfrei und warum macht es zunehmend Igel betrunken? Wir haben zehn Fakten zum Bier zusammengestellt.

Hopfen
Doch nicht so alt: Das Reinheitsgebot Brauordnungen gab es in der deutschen Geschichte schon im Mittelalter. So wurde in Weimar 1348 festgelegt, dass ein Bier nur Malz und Hopfen enthalten solle. In manchen Städten wurde Hopfen sogar verboten. Der Begriff "Reinheitgebot" wurde allerdings erstmals 1918 im bayrischen Landtag belegt. Bildrechte: Colourbox.de
Hopfen
Doch nicht so alt: Das Reinheitsgebot Brauordnungen gab es in der deutschen Geschichte schon im Mittelalter. So wurde in Weimar 1348 festgelegt, dass ein Bier nur Malz und Hopfen enthalten solle. In manchen Städten wurde Hopfen sogar verboten. Der Begriff "Reinheitgebot" wurde allerdings erstmals 1918 im bayrischen Landtag belegt. Bildrechte: Colourbox.de
Eine Terracotta-Arbeit aus Mesopotamien aus dem frühen zweiten Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung zeigt ein Paar beim Geschlechtsverkehr, das sich gleichzeitig an Weizengebräu berauscht.
Uraltes Kulturgetränk Vermutlich tranken die Menschen schon vor etwa 10.000 Jahren Bier. Erstmals wurde es in China sowie in dem Gebiet zwischen Ägypten und Persien getrunken. Vorausgegangen war die Entdeckung, dass Getreide, wenn es länger stehen bleibt, zu gären anfängt - und dass das entstehende Getränk wohlschmeckend und berauschend ist.

Auf dem Bild ist ein Paar aus Mesopotamien zu sehen, dass sich nicht nur am Bier berauscht.
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Ein Gebäude der Brauerei Pilsner Urquell in Pilsen.
Trinkfreudige Tschechen Nein, nicht die Deutschen haben den höchsten Bierkonsum weltweit. Es sind die Tschechen. Im Jahr 2009 tranken sie pro Kopf im Durchschnitt 159,3 Liter. Erst darauf folgen die Deutschen mit durchschnittlich 109,6 Litern pro Kopf. Frankreich und Italien liegen mit ca. 30 Litern weit abgeschlagen, auf hinteren Plätzen.

Auf dem Bild: Die Brauerei von Pilsner Urquell in Pilsen
Bildrechte: IMAGO
Bier
Alkoholfreie Biere Biere, die wirklich absolut keinen Alkohol enthalten, gibt es erst seit etwa zehn Jahren. Zumeist liegt der Alkoholgehalt von alkoholfreien Bieren bei bis zu 0,5 Prozent. Diese Alkoholmenge ist übrigens für trockene Alkoholiker nicht gefährlich, jedoch ist der Biergeschmack potentiell so verführerisch, dass eine erneute Suchtgefährdung auftritt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Betrunkener Einheimischer, am Biertisch schlafend, bei den Gamsjagatagen 2011 in Bad Goisern
Starke Sache Das stärkste Bier der Welt kommt aus Deutschland. Satte 57,5 Prozent Alkohol enthält die Sorte "Schorschbock", die im mittelfränkischen Gunzenhausen gebraut wird. Das ist etwa der zehnfache Alkoholgehalt eines üblichen Bieres. Bildrechte: IMAGO
Zwei Mönche verkosten ein Bier.
Bierfreudige Mönche Im Mittelalter war während der Fastenzeit eine strenge Speiseordnung vorgesehen, unter anderem mit Verzicht auf Fleisch. Die Mönche fanden einen nahrhaften Weg, diese Tage nicht zu hungrig zu verbringen: das Bierbrauen. Bier ist sehr nahrhaft - und es darf während der Fastenzeit genossen werden. Bildrechte: IMAGO
Zwei Igel liegen schlafend im Herbstlaub
Besoffene Igel Es klingt amüsant, ist aber zunehmend ein Problem. Da Hobbygärtner häufig sogenannte "Bierfallen" gegen Schneckenbefall in ihren Gärten aufstellen, geraten auch die Stacheltiere in Versuchung. Sie trinken von dem Bier, torkeln herum und schlafen laut schnarchend ihren Rausch aus. Da sie dabei häufig vergessen, sich in ihren schützenden Stachelpanzer einzurollen, werden sie leichte Beute von Räubern. Bildrechte: IMAGO
Bierbauch
Pfui Bierbauch? Manche Frauen mögen ihn gerade bei Männern, andere stößt er ab: der Bierbauch. Dabei ist der Zusammenhang zwischen zu viel Biergenuss und der Unmöglichkeit, die eigenen Füße noch zu sehen bei Männern gar nicht nachgewiesen. Aber Achtung: Zu viel Bier soll wohl auch bei Frauen die Hüfte befüllen. Bildrechte: Colourbox.de
Pferdeäpfel
Mist! Die ersten Bierbrauversuche haben mit den heutigen Biersorten sehr wenig gemein. So mischte man in uralter Zeit manchmal sogar Tierdung in den Gerstensaft, um ihm eine besondere aromatische Note zu verleihen. Todesmutige Altertumsforscher haben heute einen Selbstversuch nach alten Braurezepten gestartet und waren überrascht: Es schmeckte überraschend gut, von Fäkaliengeschmack keine Spur. Bildrechte: Colourbox.de
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