Archivfoto vom Januar 1965 des Revolutionärs Ernesto Che Guevara
Che Guevara im Januar 1965 Bildrechte: dpa

50. Todestag am 9. Oktober Che Guevara: Großer Revolutionär und kläglicher Verlierer

Fidel Castro, Máximo Líder der kubanischen Revolution, und der Argentinier Che Guevara waren Kampfgefährten. Aber sie waren auch Konkurrenten. Castro bemühte sich um Einvernehmen mit der Sowjetunion, Che Guevara verachtete die neue, nachgiebigere Nomenklatura der UdSSR unter Chruschtschow. Er verehrte den verstorbenen Diktator Stalin und setzte auf kompromisslosen Kampf und Unnachgiebigkeit. Wie passt das zu seinem Image vom edelmütigen Kämpfer für die Unterdrückten?

von Bernd Schekauski, MDR KULTUR-Politikredakteur

Archivfoto vom Januar 1965 des Revolutionärs Ernesto Che Guevara
Che Guevara im Januar 1965 Bildrechte: dpa

In den ersten Jahren nach der Revolution war die Welt für die meisten Kubaner noch in Ordnung: Der Imperialismus, so sahen sie es, war besiegt, die Ausbeutung beseitigt, ein großes Aufbau-Werk konnte beginnen. Die Karibikinsel ertrank beinahe in Verehrung für die Führer der Revolution – und diese Euphorie griff auch über auf noch sehr kleine Kubaner. Einer von ihnen: Boris Luis Santa Coloma. Sein Vater war beim Sturm auf die Moncada gefallen, seine Tante Haydée Santamaría gehörte zum Freundeskreis Che Guevaras. Als Boris Luis sieben Jahre alt war, durfte er mit der Tante, heute würde man sagen: zu einer Audienz beim Comandante – ein Privileg und somit unvergessliches Erlebnis.

Die Nachricht vom Tode des Comandante Jahre später traf Kuba wie ein Schock, erinnert sich Coloma. Seine Tante, damals noch eine moralische Instanz der Revolution, schrieb einen Brief an den Toten. Der Brief, so Coloma, erschien auf dem Cover der "Granma", dem Zentralorgan der kubanischen KP. Ein Brief von tiefer Trauer:

"Seit 14 Jahren sehe ich nun schon unendlich geliebte Menschen sterben. Heute fühle ich mich des Lebens müde. Ich glaube, ich habe zu viel erlebt. Die Sonne scheint mir nicht mehr so schön wie einst, die Königspalme weckt keine Lebensfreude mehr in mir."
Haydée Santamaría in einem Brief an den toten Che Guevara

Zugleich zeigt der Brief, wie bald schon ein posthumes Bild entstand von Che Guevara – das Bild des reinen Revolutionärs, des hell leuchtenden Vorbilds:

"Alles, was Du erschaffen hast, war perfekt. Eine Kreation allerdings war einzigartig: die Deiner selbst. Du hast gezeigt, dass der Neue Mensch möglich ist. Alle haben wir gesehen, dass der Neue Mensch Wirklichkeit ist, dass er existiert – in Dir."

Guevaras Vision vom "Neuen Menschen"

Der "Neue Mensch" – das war eine der Lieblingsvisionen Che Guevaras. Dieser Vision zufolge würde der Mensch nach der Erneuerung seiner selbst nicht mehr streben nach Vorteil zum eigenen, sondern zum kollektiven Nutzen. Er würde zum kommunistischen Menschen, einem wahrhaft sozialen Wesen, befreit von der Sucht nach materiellen Werten, befreit somit auch von der Ware Geld.

Dumm freilich für manche Kubaner, denen das Konzept vom Neuen Menschen zu abstrakt, zu weltfremd war – deren Ansichten mit diesem Konzept sogar kollidierten, so dass sie von Che als Abtrünnige, wenn nicht gar als Gegner gesehen wurden. Che Guevara war Industrieminister und Chef der Zentralbank – eine Zeit lang war er aber auch revolutionärer Ankläger. So betrieb er Prozesse gegen zahlreiche Männer und Frauen, die in dem Verdacht standen – zu Recht oder auch nicht – Kollaborateure der Batista-Diktatur gewesen zu sein, oder Saboteure und Spione.

Ließ Guevara Abtrünnige hinrichten?

Kritiker sagen, die Verfahren hätten keinesfalls rechtsstaatlichen Mindeststandards entsprochen. Viele Kubaner seien zu Unrecht zu langjährigen Haftstrafen oder gar zum Tode verurteilt worden. Guevara habe zahlreiche Exekutionen persönlich angeordnet. Mindestens 216 seien namentlich belegt. Aus dem Ausland hagelte es Proteste. In einer vielbeachteten Rede vor den Vereinten Nationen 1964 ging der kompromisslose Revolutionär darauf ein mit dem Hinweis, Kuba stecke nun mal in einem Kampf auf Leben und Tod.

Revolutionärer Kampf war für Che Guevara immer ein Kampf auf Leben und Tod. Stalin war ihm darin Vorbild – so wie ihm auch Maos und Kim Il Sungs Radikalität imponierte. Ausgerechnet die mörderischsten Despoten der kommunistischen Welt waren dem Argentinier Quelle der Inspiration. Die nach-stalinsche Sowjetführung hielt er für Weicheierei. Als Chruschtschow in der Kuba-Krise 1962 im letzten Augenblick einlenkte, ließ Guevara Redakteure vom US-amerikanischen "Daily Worker" wissen, er, der Che, hätte Atomraketen auf die USA gefeuert, wenn die Russen es zugelassen hätten.

Der Historiker Gerd Koenen sagt dem Revolutionär folgerichtig - Zitat: "phantastische Weltbrandstiftungs-Szenarien" nach, "die noch aus der 'atomaren Asche' den Neuen Menschen entstehen sahen". So rigoros Guevara sich gab im Kampf gegen Feinde, so erfolglos war er jedoch als Minister. Die Zuckerproduktion ging zu seiner Zeit um ein Drittel zurück, die Getreideproduktion gar um die Hälfte. Rigorosität und Ahnungslosigkeit sowie Geringschätzung für die UdSSR – das war selbst der kubanischen Nomenklatura zu viel.

Guevara versucht sich als Welt-Revolutionär - und scheitert

Und dem Argentinier wiederum ging der revolutionäre Eifer der Kubaner offenbar nicht weit genug. Nach der Rückkehr von einer Reise nach Algerien trat Che Guevara unverhofft von allen politischen Ämtern auf der Insel zurück und suchte nichts Geringeres als die Rolle des Welt-Revolutionärs. Zunächst im Kongo. Dann auf dem südamerikanischen Subkontinent. Jedes Mal lief er ins Leere. Jedes Mal ließen die Ausgebeuteten und Geschundenen den Revolutionär im Stich.

Als Che Guevara dem bolivianischen Militär vor 50 Jahren bei La Higuera schließlich in die Falle ging, zählte sein kleines und ausgemergeltes Häuflein gerade noch 17 Mann. Doch so klein und demütigend Che Guevaras Ende war, so gewaltig war seine Wirkung: denn obwohl die Geschundenen der Welt sich ihm nicht angeschlossen hatten, sahen sie ihn doch als einen der ihren, als ein leuchtendes Symbol der Befreiung.

Ein großer Revolutionär und ein kläglicher Verlierer

Und in dieser Symbolhaftigkeit leistete er seinen kubanischen companeros posthum den allergrößten Dienst. Solange zumindest, wie die kubanische Führung Märtyrer brauchte – und immer noch braucht – in Abgrenzung zu den USA. Doch was wäre aus Che Guevara geworden, hätte ihn ein bolivianischer Henker nicht zum Märtyrer gemacht?

Che Guevara war so widersprüchlich, wie ein Mensch seiner Zeit wohl nur sein konnte: menschenbefreiend, aber auch menschenverachtend. Hingebungsvoll, aber auch despotisch. Ein großer Revolutionär, aber schließlich auch ein kläglicher Verlierer, der wiederum zu einer großen Legende wurde. An einer angemessenen Würdigung haben sich die Historiker längst noch nicht abgearbeitet.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Spezial | 06.10.2017 | 18:05 Uhr

Weitere Themen in der Sendung:

- Spurensuche in Bolivien: Was ist geblieben vom Kult um Che?

- Der Revolutionär als Messias: die Karriere eines Fotos

- Linke Szene Mitteldeutschland: Ein Erbe Che Guevaras

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2017, 18:35 Uhr

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