Stephanie Johnson als Erste Frau aus Dircés Gefolge, Julia Neumann als Dircé und Ewa Zakrzewska als Zweite Frau aus Dircés Gefolge
Stephanie Johnson (l.) als Erste Frau aus Dircés Gefolge, Julia Neumann (m.) als Dircé und Ewa Zakrzewska (r.) als Zweite Frau aus Dircés Gefolge Bildrechte: Theater Erfurt/Lutz Edelhoff

Cherubinis "Medea" am Theater Erfurt Düstere Geschichte ins Großraumbüro verlegt

Es geht in "Medea" um einen Mord, ein Mord an den eigenen Kindern. Aus Rache. In Erfurt hat es Guy Montavon geschafft, diese archaische Geschichte in die heutige Zeit zu versetzen. Und das funktioniert erschreckend gut.

von Dieter David Scholz, MDR KULTUR

Stephanie Johnson als Erste Frau aus Dircés Gefolge, Julia Neumann als Dircé und Ewa Zakrzewska als Zweite Frau aus Dircés Gefolge
Stephanie Johnson (l.) als Erste Frau aus Dircés Gefolge, Julia Neumann (m.) als Dircé und Ewa Zakrzewska (r.) als Zweite Frau aus Dircés Gefolge Bildrechte: Theater Erfurt/Lutz Edelhoff

Am ausgrabungsfreudigen Theater Erfurt ist gestern Abend eine Oper ausgegraben worden, die seinerzeit selbst Beethoven in höchsten Tönen pries, die dann allerdings für lange Zeit in Vergessenheit geriet. Bis Maria Callas das Werk dem Vergessen entriss, eine der erfolgreichsten Opern Luigi Cherubinis: "Medea". 1797 wurde sie in Paris uraufgeführt. Nun kommt das Werk auch nach Erfurt in einer Inszenierung des Hausherrn Guy Montavon. Es handelt sich um eine Koproduktion mit Nizza und Linz.

Archaischer Racheakt - ein Kindsmord

Medea ist die kindermordende Mutter der griechischen Antike. Es handelt sich um einen archaischen Konflikt. Medea ist eine starke Frau, die für ihren Geliebten, Jason alles getan hat, ihr Land verraten, ihren Bruder getötet und das goldene Vlies gestohlen. In dem Augenblick, als Jason sie um einer anderen Frau wegen verlässt, sieht sie rot und sinnt auf Rache. Es ist die denkbar grausamste, die man sich vorstellen kann, sie ermordet ihre und Jasons gemeinsame Kinder. Das ist natürlich ein atavististischer, ein gewissermaßen vorzivilisatorischer Akt von Grausamkeit, der sich nur schwer vermitteln lässt ins Hier und Heute.

In Erfurt ist der Tatort ein Großraumbüro

Eduard Martynyuk als Jason mit Chor
Eduard Martynyuk als Jason mit Chor Bildrechte: Theater Erfurt/Lutz Edelhoff

Guy Montavon ist auf den Einfall gekommen, diesen archaischen Konflikt als Exempel einer mütterlichen Revolte gegen die an Mütter herangetragenen Erwartungen, als Exempel auch des uralten und immer aktuellen Geschlechterkampfs zu inszenieren. Deshalb verlegt er die Handlung vom antiken Griechenland in ein modernes Großraumbüro, vielleicht ist es eine Börse, die Wall Street, er verlegt sie also ins Zentrum einer Welt, in der es nur um Geld und Macht und Big Business geht.

Und gerade dort entfaltet das Abscheu und zugleich auch mitleiderregende Fanal des Flammentodes der Kindermörderin, der Frau, die sich ihrer vom Mann diktierten Rolle demonstrativ grauenhaft entzieht, natürlich eine gesteigerte Theatralik und Wirkung, weil diese antike Grausamkeit in der modernen Welt umso unfassbarer ist.

In Erfurt wird Urfassung der Oper gezeigt

Siyabulela Ntlale als Créon
Siyabulela Ntlale als Créon Bildrechte: Theater Erfurt/Lutz Edelhoff

Die Oper existiert in mehreren Fassungen. Ursprünglich ist das dreiaktige Stück als Opéra comique auf die Bühne gekommen, also mit gesprochenen Dialogen, dann hat Franz Lach­mann in Deutschland die Sprechtexte in Rezitative umgewandelt, in dieser Rezitativfassung ist das Werk dann mehrfach gespielt worden. Es gab dann eine Übersetzungen ins Italie­nische, Luigi Arditi hat für diese Fassung die Rezitative eingerichtet. Das war die Fassung, die Maria Callas sang und damit das Stück quasi wiederentdeckte für das 20. Jahrhundert.

In Erfurt ist man jetzt allerdings wieder zur Urfassung mit gesprochenen Dialogen zurückge­kehrt, die ist ja 2008 in einer mustergültigen, kritischen Neuausgabe erschienen. Das ist ehrenwert, aber ein internationales Sängerensemble tut sich natürlich sehr schwer, ins Deutsche übersetzte Dialoge glaubwürdig und verständlich zu sprechen. Das hat sich leider auch in Erfurt bestätigt.

Fulminante Darstellung der Medea

Maria Callas war es, die das Stück in den 1950er-Jahren wiederentdeckte und in Florenz, Rom, Venedig und London modellhaft verkörperte. Ilja Papandreu ist zwar keine Callas, wie auch, aber sie ist dennoch ein Glücksfall für diese Produktion. Sie hat lange dem Ensemble des Theaters Erfurt angehört und ist als Medea zurückgekehrt an diese Bühne, auf der sie schon früher starke Eindrücke hinterliess.

Ihre Medea ist fulminant, sängerisch und darstellerisch. Auch die Sprechtexte bewältigt sie als einzige tadellos und anrührend. Sängerisch ist das Ensemble insgesamt rollendeckend, der ukrainische Tenor Eduard Martynyuk ist allerdings Geschmackssache, er setzt vor allem auf Kraft. Das ist aber meines Erachtens zu wenig für diese Partie.

Verstörende Oper

Musikalisch ist Cherubinis "Medea" ein Werk des Noch nicht und des Nicht mehr, eine monumentale, zukunftsweisende, aber in ihrer quer zur Zeit stehenden Machart auch verstörende Oper. Samuel Bächli hat sie in Erfurt einstudiert. Er ist ja in Erfurt seit Langem der Mann fürs Schwierige. Auch in diesem Fall bestätigt er seine außergewöhnlichen kapellmeisterlichen Qualitäten. Mit großer stilistischer Einfühlung, mit Temperament und Sinn für große Wirkung einer doch weitgehend ungehörten Musik bewältigt er dieses unvergleichliche Werk, das ja schon den Zeitgenossen Cherubinis ungeheuerlich war.

Klangsprache verweist schon auf die Romantik

Von heute aus betrachtet ist das ja eine Musik zwischen Mozart, Gluck und Beethoven, aber Cherubini geht weit darüber hinaus. Er stößt bereits das Tor zur Romantik auf. Eine für unsere Ohren ungewohnte, starke Musik, die einen starken Dirigenten verlangt.

Den hat man in Samuel Bächli. Bächli gelingt mit dem Philharmonischen Orchester Erfurt eine geradezu elektrisierende Reanimierung dieser Musik der französischen Revolutionszeit, die allerdings weit entfernt ist vom vorherrschenden Optimismus der meisten Revolutionsopern, sondern Untergang predigt, und eben dadurch so modern ist.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2017 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2017, 15:58 Uhr