Der Theologe Friedrich Schorlemmer steht am 28.09.2015 in seinem Arbeitszimmer in Lutherstadt Wittenberg.
Theologe Friedrich Schorlemmer hat mit seiner Streitschrift eine Debatte um die Rolle der Kirche in der heutigen Gesellschaft ausgelöst Bildrechte: dpa

Nach Kritik an Reformationsfeierlichkeiten Friedrich Schorlemmer beklagt "geistliche Verödung"

Der Theologe Friedrich Schorlemmer steht am 28.09.2015 in seinem Arbeitszimmer in Lutherstadt Wittenberg.
Theologe Friedrich Schorlemmer hat mit seiner Streitschrift eine Debatte um die Rolle der Kirche in der heutigen Gesellschaft ausgelöst Bildrechte: dpa

Zwei Monate vor dem Abschluss der Feierlichkeiten zum 500. Jubiläum der Reformation haben die Theologen Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff eine Debatte um die Reformationsfeste angestoßen. Am Dienstag hatten sie eine 16-seitige Streitschrift "Reformation in der Krise - Wider die Selbsttäuschung" veröffentlicht und damit unter anderem Kritik an den "Kirchentagen auf dem Weg" geübt. Die Kirche habe den Städten damit ein "Mammutprogramm" aufgebürdet, das "zum Fanal einer grandiosen Selbsttäuschung" geraten sei, heißt es darin. Zudem sei es versäumt worden, die "Krise der Kirche in der säkularen Gesellschaft offen anzusprechen".

Traditionsabbruch und Akzeptanzkrise

Die "Kirchentage auf dem Weg" fanden im Mai in Dessau-Roßlau, Erfurt, Halle/Eisleben, Jena/Weimar, Magdeburg und Leipzig statt – zusätzlich zum Kirchentag in Berlin und dem Festwochenende in Wittenberg. Sie wurden von insgesamt 50.000 Menschen besucht. Vor allem in Leipzig blieb die Zahl von 15.000 Besuchern hinter den Erwartungen zurück.

Im Gespräch mit MDR KULTUR erklärte Schorlemmer seine Streitschrift. Es gehe ihm und Wolff, dem ehemaligen Pfarrer der Thomaskirche, nicht um Zahlen, "sondern die Selbsttäuschung, die dahinter steht". Er habe sich eine stärkere gedankliche und gestalterische Konsistenz bei den Reformationsfesten gewünscht. Außerdem gebe es einen "Traditionsabbruch" der Kirchen zu beklagen, und es sei nicht gelungen, "genug Geist in die Kirchen zu bringen", so Schorlemmer weiter. Er beobachte eine "geistliche Verödung".

Und dass die Kirchen eine solche Akzeptanzkrise haben, nachdem sie nach 1989 so eine hohe Zustimmung hatten, hängt wohl auch damit zusammen, dass wir zu wenig Menschennähe praktizieren, vor allem, wenn Pfarrer und andere Mitarbeiter in einem riesigen Radius Kirchengemeinden nur noch verwalten, statt Seelsorge betreiben zu können, statt Gemeinschaft stiften zu können.

Friedrich Schorlemmer, Theologe und ehemaliger DDR-Bürgerrechtler

Trotz aller Kritik fand Schorlemmer aber auch lobende Worte für die Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum. Es habe in diesem Sommer in Wittenberg auch "ermutigende, festliche Gottesdienste" gegeben und die "Weltklasseausstellung 'Luther und die Avantgarde'", jedoch fehle ihm die "Tiefendimension".

Friedrich Schorlemmer
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Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff haben ein Memorandum zum Reformationsfest verfasst. Darin wird auch Kritik an den Kirchentagen des Jahres laut. Was lief falsch? Erläuterungen dazu von Friedrich Schorlemmer.

MDR KULTUR - Das Radio Di 05.09.2017 17:40Uhr 06:33 min

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Gemischte Reaktionen

Kirchenvertreter haben auf die Kritik von Schorlemmer und Wolff unterschiedlich reagiert. Die Sprecherin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Sirkka Jendis, erklärte, die Kritik werde zur Kenntnis genommen; von Vertretern der teilnehmenden Gemeinden und Kirchen habe es "vielfach andere und differenzierte Rückmeldungen" gegeben. Reformationsbotschafterin Margot Käßmann reagierte zurückhaltend und sagte bei MDR AKTUELL: "Die Kritik höre ich". Nach dem Reformationstag am 31.10. werde die 500-Jahr-Feier ausgewertet, auch das Memorandum der beiden Pfarrer werde darin einfließen. Sie sehe aber keine tiefe strukturelle oder inhaltliche Krise der Kirche, so Käßmann weiter.

Ilse Junkermann, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, räumte ein, sie könne die Enttäuschung mit Blick auf die zahlenorientierten Erwartungen verstehen. Junkermann betonte jedoch, dass bei den "Kirchentagen auf dem Weg" viele Menschen sehr intensiv über Glaubens- und Alltagsfragen ins Gespräch gekommen seien. Groß geplante Diskussionsformate hätten zwar nur kleine Menschengruppen angezogen, diese hätten aber intensive Gespräche auf Augenhöhe geführt.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. September 2017 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2017, 11:35 Uhr

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