Richard David Precht
Richard David Precht Bildrechte: IMAGO

Nach der Bundestagswahl Richard David Precht: "Quittung für unpolitischen Wahlkampf"

Richard David Precht
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Der Publizist und Philosoph Richard David Precht betrachtet den Ausgang der Bundestagswahl als "Quittung für einen unpolitischen Wahlkampf". Er sagte in Köln, dieser Vorwurf richte sich an die beiden großen Parteien, aber auch an die kleineren. Die großen Themen, die die Menschen beschäftigten, seien nicht wirklich Wahlkampfthemen gewesen: Zuwanderung, die ökologischen Folgen des Wirtschaftsmodells und die gewaltigen Umbrüche durch die Digitalisierung. "Wenn sich die anderen Parteien weiterhin darum drücken, Utopien für eine zukünftige Gesellschaft zu entwerfen, dann wird das den rechtspopulistischen Parteien - insbesondere der AfD - weiterhin großen Auftrieb geben", so Precht.

Der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, erklärte, viele Menschen hätten die AfD aus Protest gewählt und nicht, weil sie überzeugte Rechtsextremisten seien. Dennoch sagte er: "Der Schock sitzt tief." Die AfD-Wähler müsse man nun durch kluge Argumentation zurückholen: "Die AfD ist keine bürgerliche Partei, sondern eine rassistische, homophobe und in vielen Fällen auch frauenverachtende Partei", so Ostermeier. Man müsse den Wählern klar machen, dass sich die AfD nicht um ihre Ängste kümmere, die vor allem Ängste vor einem weiteren Sozialabbau seien.

Politiker, Intellektuelle und Theaterleute haben versagt

Matthias Lilienthal
Matthias Lilienthal Bildrechte: dpa

Der Intendant der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, sieht in dem Wahlausgang ein kollektives, krachendes Versagen der meinungsbildenden Schicht. Er will nach dem Wahlerfolg der AfD das Gespräch mit den Wählern suchen. "Es hilft nichts anderes, als den Diskurs über die Unzufriedenheit zu suchen", so Lilienthal am Montag zur dpa. Im Gespräch solle aufgedeckt werden, dass die AfD keine konkrete Politik anbiete. Auch die Theater sieht Lilienthal in der Pflicht. So will er bei seinem Haus das Programm kritisch überprüfen: "Wir werden auf jeden Fall unser Programm der Kammerspiele nach dem Wahlabend noch mal neu denken.", erklärte Intendant Lilienthal. Nach dem Wahlergebnis der CDU wäre seiner Meinung nach ein Rücktritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel passend gewesen. "Wenn man fast zehn Prozent bei einer Wahl verliert, denkt jeder normale Parteivorsitzende oder Bundeskanzler darüber nach, ob er nicht was falsch gemacht hat.",so Lilienthal.

Deutscher Kulturrat hofft auf Kulturministerium

Der Deutsche Kulturrat sieht nach der Wahl gute Chancen für die Einrichtung eines Bundeskulturministeriums. Geschäftsführer Olaf Zimmermann sagte, in einer Jamaika-Koalition aus drei Parteien bräuchten auch mehr Politiker einen eigenen Gestaltungsbereich. Die Kulturpolitik im Bund sei seit fast 20 Jahren ein Provisorium. Es sei höchste Zeit, diesen Zustand zu beenden und dem Thema ein größeres Gewicht einzuräumen. Bisher war für den Bereich Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zuständig, die im Kanzleramt im Rang einer Staatssekretärin angesiedelt ist.

Für den Kulturrat ist auch ein gemeinsames Ministerium für Kultur und Digitalisierung vorstellbar. Zimmermann erklärte, dann dürfe es aber nicht ausschließlich um Breitbandkommunikation und Internet gehen. Im Vordergrund müsse die kulturelle Dimension der digitalen Entwicklung stehen. Der Deutsche Kulturrat ist die Spitzenorganisation von rund 250 Bundeskulturverbänden. Er setzt sich schon seit langem für ein Kulturministerium ein.

Sorgt die AfD für eine "Repolitisierung"?

Unterdessen hat das Ergebnis der Bundestagswahl auch unter anderen Kulturschaffenden Diskussionen ausgelöst. Schriftsteller Moritz Rinke sprach mit Blick auf den Erfolg der AfD von einem "hässlichen Tag für die parlamentarische Demokratie". Nun könnten Rassisten und Rechtsextreme Mitarbeiter einstellen und mit Geld Themen besetzen. Den etablierten Parteien sei es nicht gelungen, ein neues gesellschaftliches Leitbild zu formulieren, das nicht Angst vor der Flüchtlingspolitik erzeuge, sondern Verständnis und Empathie. Der Ton im Parlament werde sich verschärfen, die Konturen würden wieder deutlicher. Insofern äußerte Rinke auch Zuversicht: "Vielleicht erleben wir eine Repolitisierung nach Jahren der großen Koalition."

Alice Schwarzer sieht "Die Stunde der Frauen"

Alice Schwarzer steht am 18.01.2017 in Köln in der Redaktion der Zeitschrift 'Emma'.
Alice Schwarzer Bildrechte: dpa

Die Feministin Alice Schwarzer sieht nach der Wahl die "Stunde der Frauen" gekommen. Sie erklärte in Köln, der Erfolg der AfD gehe vor allem auf Männer zurück: "Die haben nicht nur im Osten, sondern auch im Westen fast doppelt so häufig die AfD gewählt wie die Frauen. Jetzt, wo der Karren im Dreck steckt, schlägt die Stunde der Frauen. Die müssen jetzt gegenhalten gegen die Verhetzung und Vermachoisierung der Republik."

Über diese Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Spezial: "Wie weiter nach der Bundestagswahl?"

Montag, 25.09.2017, 18:05 Uhr

Geplante Themen:

- Der Tag nach der Wahl in Berlin
- Reaktionen auf den Wahlsieg der AfD in Sachsen
- Wie blickt das Ausland auf die Bundestagswahl? ARD-Korrespondenten berichten
- Wie kompliziert werden die Sondierungen für eine Jamaika-Koalition? Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Everhard Holtmann

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2017, 21:17 Uhr

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