Hans Zimmer
  • Hans Zimmer schrieb Filmmusiken wie "Gladiator", "Inception" oder "Interstellar"
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Die Zukunft des Hollywood-Sounds Wohin entwickelt sich die Filmmusik?

Anlässlich seines 60. Geburtstages huldigten Hans Zimmer hierzulande viele. Er gilt als einer der erfolgreichsten Filmkomponisten. Und doch scheiden sich an ihm die Geister. Männer wie er ständen nicht für niveauvolle Filmmusik, sondern eher für ihren Verfall, so der Vorwurf. Er spiele eine der Hauptrollen in einem Prozess, bei dem die Filmmusik kontinuierlich an künstlerischem Wert einbüße. Geht die Filmmusik diesen Weg tatsächlich?

von Tom Hartmann, MDR KULTUR

Hans Zimmer
  • Hans Zimmer schrieb Filmmusiken wie "Gladiator", "Inception" oder "Interstellar"
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Hans Zimmer komponierte die Musik für "Dunkirk", den neuen Film von Christopher Nolan. Vielfach wurde der Komponist für diese Arbeit gelobt, vor allem auch, weil sie sich vom klassischen Verständnis der Filmmusik löst: Musik dient hier nicht dem Bild - vielmehr gehen Musik und Bild auf gleichberechtigter Ebene eine Liaison ein, entfalten zusammen ihre Sogwirkung. Diesen Versuch unternahmen die beiden Künstler bereits bei dem Science Fiction-Film "Interstellar" von 2014. Doch tatsächlich positiv aufgenommen, wird dieser Weg erst jetzt.

Hans Zimmer bei einem Konzert in Prag
Mittlerweile tourt Hans Zimmer auch mit seiner Filmmusik, hier ein Konzert in Prag Bildrechte: dpa

Diese Einschätzung des "Dunkirk"-Soundtracks steht ganz bewusst am Anfang dieser Betrachtung. Sie dient sozusagen als Kontrapunkt. Denn es existiert da ein Buchstaben-gewordener Tobsuchtsanfall im Internet, genauer im "Bad Blog Of Musick". Verfasst ist dieser von dem Opernkomponisten Moritz Eggert, nicht eben subtil und gespickt mit allerlei Beleidigungen. Opfer der Eggertschen Anstrengungen ist Zimmer und seine "wummernden Schrunzklänge aus der anonymen Komponistenwerkstatt":

Billiger und abgefuckter, zynischer und talentloser geht es kaum noch. Spannung? Dröhnend aufgedonnerte Mollakkorde (meistens immer derselbe), langsam repetiert. Action? Dröhnend aufgedonnerte Mollakkorde (meistens immer derselbe), schnell repetiert. Das sind die einzigen zwei Einfälle, die Du je in Deinem Leben gehabt hast.

Moritz Eggert zur Musik von Hans Zimmer, in seinem "Bad Blog Of Musick".

Eine Stilfrage

Wie gesagt: Eggerts Stil ist nicht eben fein. Aber es geht ihm nicht darum, sinnlos Dampf abzulassen. Und streng genommen geht es ihm auch nicht um Zimmer als einzelnen Künstler - jedenfalls nicht allein. Eggert geht es um Zimmer als Symbol, als Inbegriff all dessen, was sich im Blockbuster-Milieu Hollywoods auf musikalischer Ebene abspielt.

Denn Du stehst stellvertretend für ein System, dass es geschafft hat, das Genre Filmmusik - einst ein lebendiges und faszinierendes Genre voller großer Künstler wie Morricone - komplett zu veröden, es abzuroden und ihm jeglichen Hauch von Qualität für immer auszutreiben.

Moritz Eggert zur Musik von Hans Zimmer. in seinem "Bad Blog Of Musick"

Eggert steht mit seiner Ansicht durchaus nicht allein da. Der Komponist und Dirigent Nic Raine etwa bedient sich zwar einer anderen Tonlage, klingt aber weit weniger aggressiv. Aber er assistiert Eggert durchaus, wenn er jüngst in einem Interview ausführt, Zimmer und sein Team hätten die Melodie im Film getötet und dass der neue Score eines Komponisten oft so klänge wie der alte.

Quo vadis Filmmusik?

Hauschka, Volker Bertelmann
Die nächste Filmkomponisten-Generation steht schon bereit, zum Beispiel der deutsche Klangästhet Hauschka, der mit "Lion" für den Oscar nominiert war Bildrechte: IMAGO

Es gibt diverse Gründe, weshalb im Blockbusterbereich Soundtrack-technisch oft genug wenig Innovatives passiert. In Zeiten immer teurer werdender Filme stellen musikalische Neuerungen durchaus ein unkalkulierbares Risiko dar - und das mag sich kaum einer leisten. Wenn Zimmer bereits vor dem Dreh mit dem Komponieren beginnt, geschieht das auf Kosten des Verhältnisses zwischen dem dann fertigen Bild und der Musik. Denn die Kreativität des Musikers wird nicht oder nur noch bedingt aus der visuellen Vorlage heraus geboren.

Komponist Harold Faltermeyer wiederum verweist auf die existierenden Musik- und Soundbibliotheken. Sie führen dazu, dass dem Regisseur bereits ein Soundtrack zur Verfügung steht, bevor der eigentliche Filmkomponist überhaupt antritt:

Harold Faltermeyer
Harold Faltermeyer, bekannt u.a. durch das Instrumentalstück "Axel F" aus dem Film "Beverly Hills Cop", das die Charts eroberte Bildrechte: dpa

Der Filmmusikkomponist, der kriegt jetzt einen Film, vollgepackt mit einem fertigen Score, den der Regisseur liebt. Was machen Sie dann? Sie müssen versuchen, ihn irgendwie zu kopieren, ohne dass sie ein Plagiat begehen. Also, es sind einem ziemlich die Hände gebunden.

Harold Faltermeyer, Filmkomponist

All das sind Gründe, die zur Qualitätssteigerung der Filmmusik als Ganzes nicht unbedingt beitragen. Eine unschöne Entwicklung. Man muss deshalb sicherlich nicht gleich zum großen Abgesang ansetzen, wie das Eggert macht; genug interessante Projekte sind nach wie vor vorhanden. Doch natürlich stellt sich die Frage: Was geschieht auf der nächsten Stufe?

Hans Zimmer hat im vergangenen Jahr jedenfalls schon Konsequenzen gezogen. Von Comic-Verfilmungen will er künftig die Finger lassen - dazu fällt ihm nichts mehr ein, und wiederholen mag er sich nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial: 10 Jahre Filmmusiktage Sachsen-Anhalt | 02. November 2017 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2017, 16:42 Uhr

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