Das - Parthenon of books - der argentinischen Künstlerin Marta Minujin
Der "Parthenon der Bücher" von Marta Minujín Bildrechte: dpa

Weltkunst-Ausstellung in Kassel Documenta startet und will "Von Athen lernen"

Die Documenta ist die weltweit wichtigste Schau für Gegenwartskunst. Die 14. Ausgabe findet zum ersten Mal an zwei Orten statt: Im April war die Premiere in Athen, nun folgt der zweite Teil, bei der die Documenta an ihren angestammten Ort in Kassel zurückkehrt, wo die Weltkunst-Ausstellung 1955 gegründet wurde. Mit dabei sind diesmal auch zwei Künstler aus Mitteldeutschland.

von Andreas Höll, MDR KULTUR-Kunstredakteur

Das - Parthenon of books - der argentinischen Künstlerin Marta Minujin
Der "Parthenon der Bücher" von Marta Minujín Bildrechte: dpa

"Von Athen lernen" heißt das offizielle Motto der Documenta. Und die Folgen dieses Kulturaustauschs sind nun durchaus in der nordhessischen Stadt augenfällig. Das altehrwürdige Fridericianum, das von jeher das Herzstück einer jeden Documenta ist, wird vom Nationalen Museum für zeitgenössische Kunst (EMST) aus Athen in Beschlag genommen. Es zeigt 300 Arbeiten aus seiner Sammlung, die von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart reicht und auch Künstler umfasst, die unter den Bedingungen der Militärdiktatur 1967 bis 1974 arbeiten mussten.

Installationen zu Zensur, Flucht und Ausbeutung

Gleich gegenüber erhebt sich der "Parthenon der Bücher", den die argentinische Künstlerin Marta Minujín gestaltet hat. Sie hat ein riesiges Metallgerüst in Form des berühmten antiken Tempels aufgebaut, an dem sie Bücher in durchsichtigen Plastiktüten befestigt, die irgendwo auf der Welt einmal verboten waren oder es immer noch sind. Es soll als Mahnmal gegen die Zensur und die kulturelle Barbarei verstanden werden und erstreckt sich über mehr als 2.000 Quadratmeter im historischen Zentrum Kassels.

Ähnlich prominent ist der 16 Meter hohe, aus Beton gegossene "Obelisk" des US-amerikanischen Künstlers Olu Ogibe platziert, der den Königsplatz dominiert. Der in Nigeria geborene Künstler und Kunstprofessor begreift seine Skulptur als Denkmal für die Flüchtlinge in aller Welt und für die Menschen im Exil. So hat er den Obelisken in vier Sprachen mit dem Jesus-Wort aus dem Matthäus-Evangelium versehen: "Ich war ein Flüchtling und ihr habt mich beherbergt".

Der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama wiederum verhüllt die historische Stadtwache in der Innenstadt. Im Unterschied zum legendären Verpackungskünstler Christo, der für seine Aktionen in der Regel auf edle High-Tech-Textilien zurückgreift, verwendet Mahama gebrauchte Jute-Säcke, die in seinem Heimatland für das Verpacken von Kakao oder Kaffee verwendet werden. So interpretiert er seine Arbeit als Chiffre für die Ausbeutung Afrikas durch die reichen Industrieländer und die dunklen Seiten der Globalisierung.

Künstlerische Auseinandersetzung mit Raubkunst

Installation von Maria Eichhorn auf der Documenta 14
Installation von Maria Eichhorn aus illegal beschlagnahmten Büchern aus vormals jüdischen Besitz Bildrechte: dpa

Neben diesen Installationen im öffentlichen Raum, die um Zensur, Flüchtlingsströme oder ökonomische Ungleichgewichte kreisen, liegt ein wichtiger Akzent auf dem Thema Raubkunst. Ursprünglich wollten die Documenta-Macher Werke aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt zeigen. Doch es gab Widerstand – dem Vernehmen nach auch von Kulturministerin Grütters – und so wird dieser Nachlass im November erstmals in Bonn und im schweizerischen Bern gezeigt.

Aus diesem Grund beschäftigten sich nun drei Künstler auf sehr unterschiedliche Art und Weise mit dem Fall Gurlitt, wobei die Recherchen der Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn am historisch präzisesten diesen Komplex ausleuchten. Sie hat die alten Versteigerungsprotokolle aus der Nazi-Zeit gesichtet, die bei den sogenannten Judenauktionen angelegt wurden, und aus diesen vielen Tausend Blatt Papier eine zwölfstündige Projektion angefertigt. Maria Eichhorn gehört zu den mehr als 160 Künstlern, welche mit ihren Arbeiten in Athen und Kassel vertreten sind.

Zwei Künstler aus Mitteldeutschland

Der Künstler Olaf Holzapfel steht am 19.11.2014 in Altenburg (Thüringen) vor der Außenraumskulptur
Künstler Olaf Holzapfel Bildrechte: dpa

Darunter sind dieses Mal auch zwei Künstler, die aus Mitteldeutschland kommen. Der 1967 in Dresden geborene Olaf Holzapfel hat in Kassel an zwei Orten einen großen Auftritt. In der idyllischen Karlsaue präsentiert er die große Fachwerk-Skulptur "Trassen". Für deren Realisierung hat er nicht nur mit der hessischen Forstverwaltung zusammengearbeitet, um die über 50 Meter hohen Bäume zu fällen, sondern auch mit örtlichen Zimmerleuten, welche die modernistische Skulptur fachgerecht aufschlugen. Die Arbeit untersucht grundlegende Aspekte wie das Verhältnis von Architektur und Raum, Innen und Außen, Grenze und Territorium sowie die Traditionen des lokalen Wissens, das nicht nur die regionale Identität, sondern auch die technologischen Innovationen in den vergangenen Jahrhunderten geprägt hat.

Diese Fragen klingen auch im Palais Bellevue an, wo Olaf Holzapfel in sechs Räumen eine Ausstellung in der Ausstellung kuratiert. Neben eigenen Arbeiten verfolgt er eine kulturgeschichtliche Recherche, die Fachwerkmodelle aus der Bergakademie in Freiberg, konstruktivistische Arbeiten des großen Dresdner Avantgardisten Hermann Glöckner, aber auch Stickereien von sorbischen Frauen umfasst, die in diesem Kontext mit ihrer abstrakten Bildsprache auf einmal unheimlich modern wirken.

Der Klang des Protests

Zwei Männer sitzen nebeneinander
Künstler Olaf Nicolai (links) mit Kunstredakteur Andreas Höll Bildrechte: Anne-Kathrin Szabó

Der zweite im Bunde ist der 1962 in Halle/Saale geborene Künstler Olaf Nicolai, der vor genau zwei Jahrzehnten bei der Documenta 10 seinen Durchbruch hatte. Bei seiner zweiten Teilnahme – einem Adelsschlag, der nur wenigen Künstlern zuteil wird – legt er nun eine Mischung aus Klangkunstwerk und Collage aus Archivmaterial vor, welche Geräusche und Atmosphären von politischen Demonstrationen aus aller Welt versammelt und so einen universalen Klang des Protests evoziert. "In the woods there is a bird" heißt diese Arbeit, die durch ein Künstlerbuch und eine Schallplatte flankiert wird und sowohl in einem Hör-Raum als auch im Radio zu erleben ist.

Der emeritierte Professor für Ästhetik und Philosophie, Bazon Brock, sitzt am 10.05.2016 in Wuppertal in seinem Wohnzimmer.
Bildrechte: dpa

Informationen zur Documenta 14 Documenta 14 in Kassel
10. Juni bis 17. September 2017

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Gespräch | 09.06.2017 | 08:10 Uhr
"Was lernt Kassel von Athen?"
MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll über die mit Spannung erwartete Schau in der Documenta-Stadt und den Vergleich zu Athen.

Beitrag | 10.06.2017 | 07:40 Uhr
"Lob und Tadel - Der Documenta-Erklärer Bazon Brock"
MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll über den Schaudenker und Kunstphilosophen Bazon Brock, der in den 1960er-Jahren mit seiner Documenta-Besucherschule bekannt wurde und heute zu den schärfsten Kritikern der aktuellen Documenta zählt.

Diskurs | 10.06.2017 | 19:05 Uhr
"Schaudenker Bazon Brock"
MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll über den Kunstphilosophen Bazon Brock, der zu den originellsten Denkern hierzulande zählt.

Zuletzt aktualisiert: 10. Juni 2017, 16:50 Uhr

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Bildrechte: Anne-Kathrin Szabó

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