Jürgen Pfeffer
Jürgen Pfeffer Bildrechte: Astrid Eckert

Was tun gegen Fake News in sozialen Netzwerken? "Sich trauen, mehr zu fordern"

Jürgen Pfeffer ist Professor für Computational Social Science and Big Data an der Hochschule für Politik München. Im Interview mit MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille erklärt er, worin die neue Qualität von Fake News besteht, welche Rolle die Medien spielen und wie die Verbreitung eingeschränkt werden könnte.

Jürgen Pfeffer
Jürgen Pfeffer Bildrechte: Astrid Eckert

Gefahr oder Hysterie? Wie würden Sie die Diskussion um die sogenannten Fake News einschätzen?

Ich glaube eigentlich beides. Ich glaube, generell ist es schon ein Problem, aber ein Problem, das in der Form nicht neu ist. Wir wissen, Gerüchte, Lügen sowieso, gibt es, seit es die Menschen gibt. Aber auch Gerüchte und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Gerüchten und falschen Gerüchten besteht eigentlich auch schon seit dem Zweiten Weltkrieg. Die neue Qualität ist jetzt ganz einfach, dass sich diese Dinge über die Sozialen Medien direkt und schnell verbreiten können, es geht jetzt in Echtzeit und kann sich tausendfach Multiplizieren in wenigen Minuten.

Wenn das reicht, tausendfach … Das kann auch noch größere Zahlen annehmen, zumal, wenn darüber prominent berichtet wird - Was wir ja auch an diesem MDR-Thementag machen. Möglicherweise ein Dilemma. Welche Rolle spielen wir, wenn wir über besonders spektakuläre Fake-News-Fälle berichten?

Ich glaube tatsächlich, dass bei vielen Onlinedynamiken traditionelle Medien für die Verbreitung eine wichtige Rolle spielen. Wir sehen das immer wieder bei Analysen, zum Beispiel von Shitstorms, dass viele dieser Effekte tatsächlich erst dadurch Breitenwirksamkeit erreichen, dass Medien darüber berichten. Auch der Trump-Effekt, glaube ich, ist vor allem im Vorfeld der Wahlen viel auf traditionelle Medien zurückzuführen. Vor allem, wenn man sieht: Donald Trump hatte am Wahlabend ungefähr zwölf oder 14 Millionen Follower auf Twitter. Das ist weltweit, und wir wissen nicht einmal, wie viele davon tatsächliche Menschen sind. Wahrscheinlich sind ihm am Wahltag zwei bis drei Prozent der Amerikaner tatsächlich auf Twitter gefolgt - und der Rest der Bevölkerung hat es über traditionelle Medien erfahren.

Das ist das eine. Und dann gibt es ja noch das Geschäftsmodell Fake News, also irgendwelche völlig absurden, schwachsinnigen oder abstrusen Überschriften oder Geschichten von schwarzen Löwen oder weißen Braunbären … die eigentliche Idee dabei ist, dass es so oft geklickt wird, dass es für Werbekunden interessant ist.

Man darf wirtschaftliche Motivationen in diesem Spiel nicht unterschätzen. Nicht jede Fake-News ist politisch motiviert, im Gegenteil, ich würde sagen, der Großteil von Fake-News und viralen kleinen Videos und kleinen Filmchen von Katzenbildern bis zu, ja, falschen Geschichten, vielleicht über Flüchtlinge, ist oft wirtschaftlich motiviert. Im Internet zählt die Währung Aufmerksamkeit, und wenn Sie es schaffen, dass Tausende, Hunderttausende, Millionen Menschen auf Ihre Seite, auf Ihr Bild klicken, dann führt das dazu, dass Sie von Facebook, von Google und so weiter mehr an Werbeeinnahmen darüber generieren können.

"Eine Milliarde Fliegen können nicht irren", hat man früher gesagt. Und davor war dann: "Fresst Scheiße!" Reden wir über Fake-News und was man dagegen unternehmen kann. Bundesjustizminister Heiko Maas will das Strafrecht bemühen. Hier ginge es um die Straftatbestände Verleumdung und üble Nachrede. Guter Ansatz?

Ich glaube, es ist auf jeden Fall ein guter Ansatz, über bestehende Gesetze nachzudenken, anstelle nach neuen Gesetzen zu schreien. Und ich glaube, wo tatsächlich der Fall der üblen Nachrede nachweisbar ist: Warum nicht das Strafgesetz anwenden? Es zählt im Internet genauso wie im richtigen Leben.

Und was halten Sie von einem Abwehrzentrum gegen Desinformation? Ein Vorschlag von Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Also grundsätzlich glaube ich, dass jede Art von Wahrheitsministerium vielleicht nicht der ganz richtige Zugang ist. Eine offizielle Instanz einzusetzen, die über Wahr und Falsch im Internet entscheidet, halte ich für falsch. Aber: Zwischen falschen Informationen und strafrechtlich relevanten Informationen ist ja nochmal ein Unterschied!

Der Gigant Facebook wird ja langsam aber sicher wachgerüttelt. Lernt, was der Begriff "unternehmerische Verantwortung" heißen könnte. Ein Ergebnis dieses Nachdenkens ist das Recherchezentrum Correktiv, das Fake-News-Fällen nachspüren soll, damit entsprechende Löschungen vorgenommen werden können. Ist das für uns was Nettes oder wirklich was Wirksames?

Ob es wirksam ist, wird man sehen. Ich glaube, man muss dem wirklich entgegentreten. Die Frage wird aber dann sein: Wird Facebook die Erkenntnisse auch umsetzen? Also, man weiß traditionell auch aus Medien, dass Widerrufe in Zeitungen niemand liest. Also, die Frage ist: Kann man durch Echtzeitkontrolle und Gegenchecken vielleicht schon verhindern, dass sich falsche Nachrichten verbreiten? Das ist eigentlich die Kernfrage. Weil, in dem Moment, wo es verbreitet ist, hat man nur ganz wenige Chancen, dies einzufangen.

Gibts da schon Ideen bei Facebook und Twitter? Haben Sie was gehört? Stelle ich mir sehr schwer vor, in Echtzeit.

Ja, das stimmt. Wobei, man muss dazu sagen: Ich glaube zum einen, Facebook macht Milliarden Gewinne und Umsätze. Es ist auch ihre Aufgabe, für Informationen, die sie bereitstellen, auch die Verantwortung zu tragen. Man hat früher bei anderen Konzernen auch von "Social Corporate Responsibility" gesprochen. Das heißt, ich glaube, Konzerne wie Facebook, die mit den Daten der Menschheit Services für die ganze Menschheit anbieten, müssen in die Verantwortung gezogen werden. Und es muss auch Teil der Aufgabe von Facebook sein, für die Sekurität auf ihrer Plattform zu sorgen. Wie sie das dann technisch machen, ist schwer zu sagen. Wobei ich sagen muss, Facebook ist ein gutes Beispiel. Facebook hat erst vor einigen Monaten sämtliche Journalisten entlassen und verlässt sich in der redaktionellen Arbeit ausschließlich auf Algorithmen.

Und die Verantwortung der Politik, wo sehen Sie die? Den Rahmen setzen, in dem sich die Unternehmen dann bitteschön zu bewegen haben und nicht darüber hinaus?

Ich glaube, dass man sich als Politik durchaus mehr zu fordern getrauen dürfte. Ich sage Ihnen ein einfaches anderes Beispiel: Wenn ich hier und heute von diesem Interview einen Mitschnitt mache und das auf Youtube hochlade, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich da gegen ein paar Urheberrechte verstoße und das relativ schnell von Youtube entfernt wird. Das heißt, hier stehen wirtschaftliche Interessen dahinter, und da geht es dann oft recht schnell. Auch wenn Millionen Youtube-Videos pro Tag hochgeladen werden. Das heißt, ich glaube, wenn die Politik Facebook klar macht, dass das ein Thema ist, das wichtig ist, dann wird es Lösungen geben. Auch wenn diese nicht perfekt sind, aber ich glaube, jeder Schritt in eine Richtung, die Verbreitung von bewussten und aggressiven Falschnachrichten zu verhindern, die vor allem vielleicht auch politisch motiviert sind, ist vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: MDR KULTUR am Morgen | 07.02.2017 | 08:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2017, 13:59 Uhr