Feature Das Flüchtlingsheim bei mir um die Ecke

Im Herbst 2015 kommen Ströme von Menschen über das Meer oder die Balkanroute nach Europa. Ihre Heimat ist zum Kriegs- und Krisengebiet geworden. Einige von ihnen kommen auch nach Leipzig und ziehen in ein Gebäude ein, das nur 50 Meter entfernt vom Haus der Feature-Autorin Judith Burger liegt. Wie viele andere will auch sie helfen. Aber wie hilft man richtig?

von Judith Burger

Grundschule in Leipzigs Süden, die als Flüchtlingsunterkunft diente.
Bildrechte: MDR/Judith Burger

Eigentlich ist es eine ganz normale Grundschule, mit Turnhalle und Schulhof; im Treppenhaus hängt noch eine Wandzeitung. Doch plötzlich fällt auf, dass auf den Fluren die ganze Nacht über das Licht brennen bleibt. "Aus Sicherheitsgründen", sagen die Wachleute. Über Nacht werden in diesem ehemaligen Leipziger Schulgebäude, das eigentlich saniert werden sollte, 200 Menschen untergebracht. Die meisten von ihnen stammen aus Syrien.

Was bedeutet "helfen" eigentlich?

"Wie kann ich helfen?", fragen sich viele Nachbarn auch Judith Burger, die nur wenige Meter entfernt von der Schule wohnt. Die Bewohner der Notunterkunft können sich kaum retten vor Hilfsangeboten. Es gibt Sachspenden, eine Hausaufgabenhilfe und Deutschkurse. Doch wie helfen wir richtig? Was geschieht, wenn die Dankbarkeit ausbleibt? Und ist die Hilfe immer selbstlos?

Der Schriftsteller und Psychologe Rainer Merkel
Rainer Merkel Bildrechte: dpa

Schriftsteller und Psychologe Rainer Merkel sieht genau das kritisch. Er reist er immer wieder in Länder, die von Krieg gezeichnet sind und schreibt darüber ("Das Unglück der anderen"). Es sind Reportagen aus dem Kosovo, Afghanistan und Liberia. Für seine Bücher hat er viele Auszeichnungen erhalten und es sogar schon einmal auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Rainer Merkel gibt zu bedenken, dass Helfen auch eine Machtäußerung ist und er mit der Euphorie, mit der Flüchtlinge empfangen wurden, ein Problem hatte, weil ...

... das gar nichts mit einer Willkommenskultur und Gastfreundschaft zu tun hat, sondern meiner Ansicht nach im Gegenteil, ein großes Fest war, wo die Deutschen sich selbst gefeiert haben.

Rainer Merkel, Schriftsteller

Ein Lernprozess für beide Seiten

Über ein Jahr lang gehört Judith Burger zu den engagierten Helfern, erlebt Höhen und Tiefen, Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Und manchmal scheint es, als stehe eine Nebelwand über der Kommunikation zwischen den Deutschen und den Syrern. Auf manche Fragen bekommen die Helfer gar keine Antwort, andere Reaktionen fallen anders aus als erwartet.

Wenn ich mit Landsleuten rede, kann ich in ihren Gesichtern vieles ablesen, ob sie sich gerade wohlfühlen oder nicht, ob sie einen Witz machen, ob sie mir glauben, ob sie das gut finden, was ich erzähle. Zwischen Ibrahim und mir funktioniert das nicht.

Judith Burger, Feature-Autorin und ehrenamtliche Flüchtlingshelferin

Wissen, wer man selbst ist

Schriftstellerin und Sozialarbeiterin Mehrnousch Zaeri-Esfahani.
Mehrnousch Zaeri-Esfahani Bildrechte: MDR/Judith Burger

Mehrnousch Zaeri-Esfahani kennt diese Situation. Als sie zehn Jahre alt war, flüchtete sie selbst mit ihrer Familie aus dem Iran. Heute ist sie Schriftstellerin ("33 Bogen und ein Teehaus"), Sozialarbeiterin und betreut ehrenamtliche Flüchtlingshelfer. Sie sagt, das Wichtigste ist: Man muss wissen, wer man selbst ist. Und sie weiß, was es braucht, damit Integration gelingt. Dazu müssten sich beide Seiten unglaubliche Mühe geben.

Um Integration zu wollen, muss man einen Begriff von Zukunft haben. […] Das ist etwas, was keinem geflüchteten Menschen gelingt, am Anfang. Sie erlauben sich nicht, an eine Zukunft zu denken, weil es die Umstände hier gar nicht zulassen. […] Und man muss aushalten, dass derjenige auch einen Teil seiner mitgebrachten Kultur behält, dass er diesen Anteil behalten darf. Das ist nämlich eine Voraussetzung für eine echte Integration.

Mehrnousch Zaeri-Esfahani, Schriftstellerin und Sozialarbeiterin
Mehrnousch Zaeri-Esfahani
Bildrechte: Bilderlaube

Diskurs: Mehrnousch Zaeri-Esfahani im Gespräch Kleine Blasen - Große Blasen

Diskurs: Mehrnousch Zaeri-Esfahani im Gespräch

Als Kind floh sie mit ihrer Familie aus dem Iran. Seither sieht sie ganz genau hin, wenn es um Integration geht. Judith Burger hat die heute in Karlsruhe lebende Kinderbuchautorin und Sozialarbeiterin getroffen.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 11.03.2017 19:05Uhr 24:26 min

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Über die Autorin

Judith Burger wurde in Halberstadt geboren und studierte Kultur- und Theaterwissenschaften in Leipzig. Sie ist freie Mitarbeiterin bei MDR KULTUR. Beim MDR entstanden die Radio-Feature "Industrieruinen: Faszination und Wehmut" (2014)", "Adolf-Südknecht-Straße - Leipzigs Geschichte im Wandel einer Straße" (2015) und "Schicksal Ü40?" (2016). 2014 lief im Bayrischen Rundfunk ihr Kinderhörspiel "Weltverbesserer". Für das Feature "Industrieruinen: Faszination und Wehmut" wurde Judith Burger 2015 mit dem Journalistenpreis des Deutschen Preises für Denkmalschutz ausgezeichnet.

Angaben zum Feature "Das Flüchtlingsheim bei mir um die Ecke" Autorin: Judith Burger
Sprecherin: Anja Schneider
Regie: Sabine Ranzinger
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Regieassistenz: Matthias Seymer
Produktion: MDR 2017 (Ursendung)

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Feature | 15.03.2017 | 22:00-23:00 Uhr
Feature | 19.03.2017 | 18:00-19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2017, 08:09 Uhr