Geschichten vom Scheitern und Kämpfen Warum Franz Fühmann immer noch zu entdecken ist

Erst Nationalsozialist, dann Stalinist, später Demokrat. Jede Wandlung spiegelt sich in Franz Fühmanns Werk. Es erzählt von Irrtümern, Neu-Anfängen und von Überraschungen. Fühmann zu lesen, ist ein Abenteuer für alle, die Geschichten über das Scheitern und Kämpfen lieben. Simone Unger entdeckt ihn neu.

"Du hättest in Auschwitz vor der Gaskammer genauso funktioniert, wie Du hinter deinem Fernschreiber funktioniert hast." So selbstkritisch wie Franz Fühmann hat wohl kaum ein deutscher Schriftsteller mit der eigenen Verführbarkeit abgerechnet. Die Zeilen stammen aus seinem Ungarn-Tagebuch "22 Tage oder die Hälfte des Lebens". Da ist Fühmann Mitte 40, schwerer Alkoholiker und in einer Schaffenskrise. Er zwingt sich zu einer Entziehungskur. Er weiß, er muss von vorn anfangen, noch einmal. Die Reise nach Budapest kommt ihm unverhofft zu Hilfe - und wird zum Befreiungsschlag.

Erstmals spürt er, wie leicht das Leben sein kann. Er löst sich aus den Ketten des sozialistischen Realismus, mit denen er sich selbst gefesselt hat. Zugleich bricht er mit dem Schuldeingeständnis ein Tabu, kommt er doch aus einem Land, in dem laut Gründungsmythos nur Antifaschisten leben. Das Buch erscheint auch im Westen, bei Suhrkamp, und erregt auf der Frankfurter Buchmesse 1973 großes Aufsehen. Mit der DDR hat Fühmann, der sich einst vom jugendlichen NS-Anhänger zum Schriftsteller des Klassenkampfes läuterte, da schon abgeschlossen.

"Er kam schwitzend vor Eifer, ein neuer Mensch zu werden"

Fühmann, 1922 als Apothekerssohn in Rokytnice im Riesengebirge geboren, hat viele Leben gelebt. Seine Familie gehört zur deutschen Minderheit in Böhmen. Begeistert von Hitler, ersehnt sie den Anschluss an das Deutsche Reich. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, ist Fühmann gerade 17. Zwei Jahre später wird er eingezogen. Er wird als Nachrichten-Soldat in der Ukraine und in Griechenland eingesetzt und schreibt Gedichte für die Wochenzeitung "Das Reich". Allen Niederlagen zum Trotz glaubt er an den deutschen Endsieg.

Im Mai 1945 bricht Fühmanns Weltbild zusammen. In dieser Zeit begegnet er zum ersten Mal den Gedichten des Expressionisten Georg Trakl. Sie begleiten ihn auf dem Weg ins sowjetische Arbeitslager. Fühmann überlebt Hunger und Kälte, trotzt der Agonie mit täglichem Schreiben. Schließlich wird er auf eine antifaschistische Umerziehungsschule geschickt. Seine neue Welt wird die DDR, dem Arbeiter- und Bauernstaat will er dienen.

Es gibt Leute, die sagen: Er kam schwitzend vor Eifer, ein neuer Mensch zu werden, aus der Kriegsgefangenschaft und nicht von sich wissend, dass er das auf die gleiche Weise war, wie er vorher Nazi war.

Gunnar Decker, Biograf

Mit dem Gedicht "Fahrt nach Stalingrad" und der Novelle "Kameraden" wird Fühmann bekannt und schnell zum Nationaldichter der DDR gekürt. Er macht Karriere - auch in der Politik, wird Kulturfunktionär der Nationaldemokratischen Partei. Doch allmählich kommen ihm Zweifel.

Er kam mit der Enge nicht zurecht, die sich aus seiner Sicht in der Kulturpolitik entwickelte.

Hans Modrow, Weggefährte

Fühmann beginnt, schwer zu trinken. Seine Rettung sucht er wieder in der Konfrontation mit einer neuen Wirklichkeit. Er will das Land, dessen Nationaldichter er schon ist, kennenlernen, so wie es ist. Er tritt vom Parteivorstand zurück, wird freier Schriftsteller und beginnt 1959 auf der Warnow-Werft in Rostock zu arbeiten. So Eindrücke zu sammeln und darüber zu schreiben, das erlebt er als "großartige Befreiung". Der entscheidende Bruch mit dem Land, dem er dienen wollte, kommt mit dem Kahlschlag-Plenum 1965.

Szene aus: Lebensläufe | Franz Fühmann - Rebell im Schatten
Gunnar Decker hat eine Biografie über Fühmann geschrieben: "Die Kunst des Scheiterns". Bildrechte: Lebensläufe / MDR FERNSEHEN

Ein dienendes Element für die Gesellschaft zu sein, als Schriftsteller, daran glaubt er überhaupt nicht mehr, das ist vorbei. Er ist in großer Distanz, jetzt nicht nur zur SED, überhaupt zur Existenzform eines Autors in der DDR. 1968 stirbt im Prinzip dieser sozialistische Traum eines besseren, einer gerechteren Gesellschaft für ihn.

Gunnar Decker, Biograf

Geschichten aus dem Krieg, der Industrie - und für Kinder

Szene aus: Lebensläufe | Franz Fühmann - Rebell im Schatten
Als Kind schrieb Joachim Damm einen Brief an Fühmann. Bildrechte: Lebensläufe / MDR FERNSEHEN

Fühmann hat für viele, verschiedene Menschen geschrieben, zurückgezogen in Märkisch-Buchholz, in den Kiefernwäldern bei Berlin, in einer Hütte, die nicht viel mehr als eine Garage und ein Bücherlager ist: Kriegserzählungen, Industrie-Reportagen, Briefe, Essays. Mit seinen Nachdichtungen griechischer Mythen sind viele Kinder in der DDR großgeworden. Für sie schreibt er überhaupt am liebsten.

Der damals 9-jährige Joachim Damm schickt einen Brief an den Autor und wünscht sich ein Stück von ihm, "mit einer dicken Dame, einem Sultan, einem Ritter, einer Prinzessin, einem orientalischen Zauberer und einem Drachen und einem Sklaven". Fühmann antwortet: "Der grüngefleckte Teufel soll Dich holen. Du hast mir einen niedlichen Floh ins Ohrgesetzt."

Szene aus: Lebensläufe | Franz Fühmann - Rebell im Schatten
Auch das Personal gibt das Kind dem Autor schon vor. Bildrechte: Lebensläufe / MDR FERNSEHEN

Und da hat Fühmann dann erzählt, dass ihm das nicht aus dem Kopf geht, dass er mir ein Stück schreiben soll. Und nach zwei Wochen kam ein großes, dickes Paket, und dann hat Herr Fühmann eigens für mich ein Theaterstück geschrieben: 'Der glückliche Ritter von Trinidad oder Wie wird man ein Oberdiskutierer'.

Joachim Damm über seinen Briefwechsel mit Autor Fühmann

Scheitern und Weitermachen

Szene aus: Lebensläufe | Franz Fühmann - Rebell im Schatten
Die Schreibhütte von Fühmann Bildrechte: Lebensläufe / MDR FERNSEHEN

Anfang der 70er-Jahre wird Fühmann in seiner neuen Wandlung kenntlich. Nicht nur, dass er in kurzer Zeit mehr als 20 Kilo abnimmt und fortan fast nur noch Rohkost isst. Auch seine geistige Heimat liegt nun woanders. Er findet sie vor allem in der Kunst, erzählt die griechischen Mythen nach, schreibt Essays über seine großen Vorbilder, die Dichter der Romantik.

Als er 1974 in einen Bergbau-Betrieb bei Sangerhausen eingeladen wird, entdeckt er dort sein neues Schreibprojekt: Das Bergwerk. Es wird ihn bis zu seinem Tod begleiten. Hier begreift er, wie alles zusammenkommt: Mythos und Geschichte, Arbeit und Gestein, romantische Dichtung und sozialistischer Stolz. Fühmann träumt von einem großen Werk, in dem alles enthalten sein soll. Es bleibt Fragment. Doch er wird auch nach diesem Scheitern weitermachen.

Nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 protestiert hat, wird Fühmann zur Unperson. Es wird ihm zunehmend schwergemacht, sich zu artikulieren. In den Großbetrieben soll er nicht mehr frei herumlaufen - wegen des Verdachts auf staatsfeindliche Hetze. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bespitzelt ihn. Er wird zum Rebellen, nutzt aber seinen noch verbliebenen Einfluss, um sich für junge Dichter wie Wolfgang Hilbig und Uwe Kolbe einzusetzen. Aber er träumt nicht mehr von einer besseren Zukunft.

Sein Buch "Saiäns-Fiktschen" zeichnet sich durch tiefen Pessimismus aus, es wird zu einem Geheimtipp. Wahrhaftig will er bleiben bis zum Schluss. Ihm begegnet ein Dichter wieder, der ihn schon durch die Kriegsgefangenschaft begleitet hat: Der Expressionist Georg Trakl, der ihn zu dem Essay "Vor Feuerschlünden“ inspiriert und als Schlüsselwerk gilt. Darin heißt es:

Ich hatte das Werden eines Menschen bislang als ein Nacheinander gesehen, nun begriff ich, dass dies Werden auch ein Zugleich ist: Du verlierst nichts von dem, was du einmal warst, und bist gewesen, was du erst wirst.

Aus: Franz Fühmann - Vor Feuerschlünden"
Szene aus: Lebensläufe | Franz Fühmann - Rebell im Schatten
Journalist Wilfried Schöller Bildrechte: Lebensläufe / MDR FERNSEHEN

Fühmann schreibt bis zuletzt, auch nachdem er Anfang der 80er-Jahre an Krebs erkrankt. Am 8. Juli 1984 stirbt Franz Fühmann in der Charité in Ost-Berlin. Der Autor und Journalist Wilfried Schöller, der sein Schaffen über all die Zeiten beobachtet hat, findet, Fühmann hat uns bis heute viel zu sagen:

Es ist einfach so, dass er für alle Leute etwas geschrieben hat. Jeder kann sich mit diesem Fühmann gut verständigen. Er macht einem Vorschläge mit seinem Werk, das sind Vorschläge der persönlichen Daseinsfreude, aber auch der Trauer, dass man der Schuld nicht entweichen kann.

Wilfried Schöller, Autor und Journalist

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 07. Dezember 2017 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2017, 13:56 Uhr

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