Buchcover George Orwell:
Cover des Klassikers "1984" von George Orwell Bildrechte: Ullstein Verlag

"Unheimlich, wie Literatur zu Wirklichkeit wird" Warum George Orwells "1984" die Bestseller-Liste stürmt

Knapp 70 Jahre nach seiner Veröffentlichung führt Orwells Roman "1984" wieder die Bestsellerliste an. Literaturwissenschaftler Elmar Schenkel wundert das nicht, denn das Buch beschreibe einen Vorgang, "mit dem wir jetzt allmählich vertraut gemacht werden".

Buchcover George Orwell:
Cover des Klassikers "1984" von George Orwell Bildrechte: Ullstein Verlag

Was würde wohl Schriftsteller George Orwell dazu sagen? Knapp 70 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung steht sein Dystopie-Roman "1984" auf Platz Eins der Bestsellerliste. Das teilte der Online-Versandhändler Amazon am Mittwoch mit. In "1984" – ein Klassiker der Weltliteratur – beschreibt Orwell einen Überwachungsstaat, in dem Wahrheit das ist, was die Machthaber formulieren. Nun dient das Buch scheinbar als Verständnishilfe zum Agieren des neuen US-Präsidenten Donald Trump und in der Debatte um "alternative Fakten".

Parallelen zur aktuellen Debatte

Elmar Schenkel
Literaturwissenschaftler und Anglist Elmar Schenkel Bildrechte: Anja Rieger/MDR

Dass das Buch gerade ein Revival erlebt, sei nicht ungewöhnlich. "Das kommt immer wieder vor", sagt Anglist und Literaturwissenschaftler Elmar Schenkel von der Universität Leipzig im Gespräch mit MDR KULTUR. So hätte sich beispielsweise die Bürgerrechtsbewegung der USA zu ihrer Zeit intensiv mit Henry David Thoreaus Essay "Ziviler Ungehorsam" auseinandergesetzt und die Hippies hätten Tolkien gelesen. Nun lassen sich mit Orwells "1984", in der Hauptprotagonist Winston Smith im Ministerium für Wahrheit die Nachrichten zusammenbaut, Parallelen zur aktuellen Debatte herstellen.

Es ist unheimlich, wenn man den Roman wieder in die Hand nimmt. […] Das Weltbild wird geschnitten, zensiert, selektiert usw. Fakten werden verändert. Das ist absolut der Vorgang, mit dem wir jetzt allmählich vertraut gemacht werden in der Wirklichkeit. Das ist unheimlich, wie Literatur zu Wirklichkeit wird.

Elmar Schenkel, Literaturwissenschaftler

Zudem sei der Roman "auch erzählerisch großartig" und lasse sich Schenkel zufolge sehr gut lesen:

… weil er auch die menschlichen Urängste aufgreift, nämlich Verfolgungsangst, Geheimnisverrat – das sind alles archetypische Situationen.

Elmar Schenkel, Literaturwissenschaftler
George Orwell
Schriftsteller George Orwell (1903-1950) Bildrechte: dpa

Neben Orwells "1984" sind derzeit auch die Romane "Brave New World" ("Schöne neue Welt") von Aldous Huxley sowie "Das ist bei uns nicht möglich" des US-amerikanischen Schriftstellers Sinclair Lewis oder "Die Insel des Dr. Moreau" von H. G. Wells gefragt.

Literaturwissenschaftler Schenkel führte an, dass Orwells Klassiker inzwischen vielleicht sogar von Dave Eggers Roman "The Circle", in dem ein Internetunternehmen die Realität bestimmt und auf Transparenz drängt, übertroffen worden sei:

Und wir alle sind willig, wir wollen das. Das ist der Unterschied zu Orwell, dass wir nicht gezwungen werden, sondern wir wollen uns mitteilen über Facebook, über Fotos, unsere Lebensläufe. Wir wollen gesehen werden. Das ist auch freiwilliges Aufgehen in diesem Totalstaat.

Elmar Schenkel

Über dieses Thema berichtete MDR KULTUR auch im: Radio | 26.01.2017 | 7:10 Uhr
Radio | Kultur Kompakt | 25.01.2017 | 11:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2017, 11:24 Uhr

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