Hermann Kant gestorben Ein Schriftsteller im Zwiespalt

"Schuft magst du ja wohl sein, aber schreiben kannst du ganz ordentlich!" - Der das über den Schriftsteller Hermann Kant sagte, war Hermann Kant selber, und in diesem Selbsturteil deutet sich die ganze Zerrissenheit seiner Existenz an. Kant, 1926 in Hamburg geboren, war politischer Erfüllungsgehilfe der Honecker-Führung, aber er war auch ein elegant und hintersinnig formulierender Erzähler.

von Jörg Schieke

Seit den 60er-Jahren viel diskutierter Autor

Hermann Kant
Hermann Kant (2010) Bildrechte: IMAGO

Über fünfzig Jahre lang, von 1962 bis 2015, veröffentlichte Hermann Kant Romane und Erzählungen. Vor allem in den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren gehörten seine Texte zu den meistdiskutierten in DDR und BRD gleichermaßen. Nun ist er gestorben. Der sozialistische Realismus des Hermann Kant war bunt und komisch, manchmal auch hemdsärmelig – und immer zutiefst siegesgewiss.

Was wüssten wir ohne Kants Bücher etwa über jene große Utopie, die die ostdeutschen Arbeiterkinder von der Werkbank an die Universitäten ziehen ließ, auf dass sie Ärzte, Lehrer oder Ingenieure werden sollten.

Buchcover Hermann Kant: Die Aula
Der Roman "Die Aula" war 1965 Kants literarischer Durchbruch. Bildrechte: Aufbau Verlag

Oft begann dieser Weg an der Arbeiter- und Bauernfakultät, und das war auch der Schauplatz des erfolgreichsten Romans von Hermann Kant. Der Arbeiter, so die Idee, würde höhere Mathematik betreiben und die Weltliteratur verstehen, aber seine proletarische Ironie würde ihn zugleich davor schützen, ein verpimperter Kleinbürger zu werden. 1965 erschien "Die Aula" und wurde in der DDR zur Schullektüre. Auch im Westen wurde das Buch gelesen und heftig diskutiert.

Nach 1990 eher gemieden

Die einflussreichen bundesdeutschen Kritiker Marcel Reich-Ranicki oder Karl Corino warfen Kant vor, ein falsches, ideologisch gefärbtes Bild der DDR zu vermitteln - und Corino legte nach der Wende auch Dokumente vor, die Kants enge Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit bewiesen haben. Als langjähriger Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes verurteilte Kant natürlich Autoren wie Biermann oder Kunze, und bei den Schriftsteller-Kongressen war er zuständig für die großen ideologischen Attacken.

Hermann Kant am Rednerpult des X. DDR-Schriftstellerkongresses am 24.11.1987
Hermann Kant am Rednerpult des X. DDR-Schriftstellerkongresses am 24.11.1987 Bildrechte: dpa

Und dennoch: Ein so klar und nüchtern urteilender Autor wie der Dramatiker Heiner Müller bezeichnete Kants 1986 publizierte Erzählung "Bronzezeit" einmal als eine der schärfsten DDR-Satiren, die er je gelesen habe. Wie auch andere, mit der DDR-Politik verwobene Autoren wurde Kant nach der Wende zu einem eher gemiedenen Autor, wenngleich er beim Aufbau-Verlag immerhin noch Bücher veröffentlichen konnte. Es sind Bücher, in denen er vor allem seine eigene Biografie erklären und rechtfertigen wollte.

Lesenswerte Romane

Letztlich ist es genau jener Zwiespalt, in dem sich so mancher deutsche Schriftsteller im 20. Jahrhundert verloren hat: Hier die künstlerische Begabung, dort der Wille oder der Leichtsinn, sich politisch einspannen zu lassen. Trotzdem: Spricht man von der Literatur der DDR, so wird man Romane wie "Die Aula" oder "Der Aufenthalt", Romane von Hermann Kant, lesen und verstehen müssen.

Ausgewählte Bücher Hermann Kant: Die Aula
Roman, 448 Seiten, Broschur, Aufbau Taschenbuch,
ISBN 978-3-7466-1190-7
12,99 Euro

Erinnerungen an die Arbeiter- und Bauernfakultät 1949-62, Klassiker der DDR-Literatur, Erstveröffentlichung 1965, in 15 Sprachen übersetzt.

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Hermann Kant: Das Impressum
Roman, 458 Seiten
Broschur, Aufbau Taschenbuch
ISBN 978-3-7466-1195-2
9,95 Euro

Aufstieg vom Laufburschen zum Chefredakteur einer DDR-Illustrierten Erstveröffentlichung 1972.

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Hermann Kant: Der Aufenthalt
Roman, 600 Seiten
Broschur, Aufbau Taschenbuch
ISBN 978-3-7466-1196-9
9,95 Euro

Schuld und Unschuld in Zeiten des (Zweiten Welt-)Krieges, Erstveröffentlichung 1977. DEFA-Film 1983, Regie: Frank Beyer, Hauptrolle: Sylvester Groth.

Hermann Kant - biografische Daten

  • 1926 in Hamburg geboren
  • Elektrikerlehre
  • 1945-49 Kriegsgefangenschaft in Polen, dort Mitbegründer des Antifa-Komitees
  • 1949 Arbeiter- und Bauern-Fakultät Greifswald
  • 1952-56 Germanistikstudium in Berlin
  • Wissenschaftlicher Assistent und Redakteur der "Neuen Deutschen Literatur"
  • Ab 1962 freier Schriftsteller
  • 1964 Mitglied im PEN-Zentrum Ost und West
  • 1969-92 Mitglied der Akademie der Künste
  • 1978-90 Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes als Nachfolger von Anna Seghers
  • 1986-89 Mitglied des SED-Zentralkomitees
  • gestorben am 14. August 2016

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2016, 12:34 Uhr