Sexismus im Literaturbetrieb "Frauen müssen immer wieder beweisen, dass sie schreiben können"

MDR KULTUR: Der Literaturbetrieb ist männlich dominiert. Würden Sie sich mehr weibliche Stimmen wünschen?

Jana Hensel: Es gibt einen von Männern dominierten Literaturbetrieb, aber das Problem ist, dass es einen männlich dominierten Literaturbetrieb gibt. Eine Art und Weise auf Werke zu schauen, die den männlichen Blick und Diskurs favorisieren – auch von Frauen.

Was bedeutet das?

Ich hatte immer das Glück, dass meine Bücher viel besprochen werden. Aber ich spüre immer wieder, dass man Frauen nicht zutraut, große Themen zu behandeln oder sehr kritisch betrachtet. Frauen werden gerne reduziert auf Emotionen und leichtere Themen. Weibliche Autorinnen haben es schwerer, sich über eine lange Dauer zu etablieren. Wir nehmen auch den männlichen Werksbegriff als selbstverständlich. Männer können sich über mehrere Bücher ein Werk arbeiten. Frauen müssen mit jedem Buch aufs Neue beweisen, dass sie schreiben, denken können und dazugehören.

Zum Beispiel passiert es Judith Hermann mit jedem Buch, dass einige Kritiker sagen: Eigentlich kann sie nichts. Das wird bei Frauen leichter gesagt und geglaubt. Auch Männer müssen harte polemische Kritiker ertragen, aber Frauen treffen fundamentale Kritiken regelmäßiger. Ich glaube, es gibt einen Zweifel an weiblicher Autorenschaft.

Liegt es daran, dass an den Schlüsselpositionen meist Männer sitzen, wie Sie in einem Zeitungsartikel schrieben?

Ich habe das analysiert und eine private Statistik erstellt: Welche Frauen werden in den Literaturbeigaben der großen Zeitungen zu den Buchmessen Frankfurt und Leipzig besprochen und wie? Die Ergebnisse waren schockierend: Immer wurden mehr Männer besprochen als Frauen. Männer besprachen Männer, Frauen besprachen Männer und ein paar Frauen besprachen Frauen. Es gab sogar Beilagen, in denen keine einzige Frau besprochen wurde. Und das Schockierende war: Es ist den Redakteuren nicht einmal aufgefallen.

Fehlt es generell am Problembewusstsein?

Es kommt sehr selten vor, dass Männer sich intensiv mit weiblichen Texten auseinandersetzen. Schauen Sie sich die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 an: Zwanzig nominierte Bücher, 13 von Männern und sieben von Frauen. Und die männlichen Namen sind um einiges prominenter. Frauen waren beim Buchpreis immer in der Unterzahl. Ja, was mich erschreckt: Es gibt gar kein Problembewusstsein. Denn in der Jury sitzen genauso viele Frauen wie Männer.

Werden denn weniger Bücher von Frauen publiziert?

Nein, es gibt genauso viele von Frauen wie von Männern. Frauen lesen auch viel. Der ganze Markt würde sonst zusammenbrechen.

Es gab auch eine Sexismusdebatte an den Literaturinstituten in Hildesheim und Leipzig, weil schon die Studentinnen davon betroffen sind, dass mehr männliche Texte besprochen werden, es nur männliche Dozenten gibt, etc. Dennoch würden nicht alle der Studentinnen Ihnen zustimmen.

Es gibt immer die Gegenrede: Vielleicht haben die meisten Frauen keine guten Bücher geschrieben. Sie werden auch kaum Männer finden, die sagen: Wir drängen Frauen raus oder ich lese Romane von Frauen ungern. Aber es gibt die Zahlen, die ich nannte. Und die sind eindeutig.

Was würden Sie also empfehlen?

Dass Männer ihren männlichen Blick in Frage stellen. Wissen Männer, dass sie mit einem männlichen Blick lesen? Ich glaube, Frauen wissen das. Und wenn Männer sagen: Ich kann mit dem Thema des Buches nichts anfangen, dann sollten sie eine andere Rezensentin finden,  anstatt zu behaupten, dieses Thema ist nicht wichtig.

Anmerkung Im August 2017 hat die Literaturredaktion bei MDR KULTUR - Das Radio ausschließlich Bücher von Autorinnen vorgestellt.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch in einem Spezial Die Frau zwischen den Zeilen – wieviel Geschlechterkampf steckt im Buchmarkt?

Donnerstag, 31.08.2018, 18:05 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 31. August 2017 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. August 2017, 19:58 Uhr

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