Eine alte Spitzfeder auf einem Schreibheft von 1880
Das Schreiben war für Jeanne Berta Semmig eine Alternative zum Lehrerinnendasein Bildrechte: dpa

16. Mai 1867: Jeanne Berta Semmig geboren Die Poetin von Orléans

von Hartmut Schade

Eine alte Spitzfeder auf einem Schreibheft von 1880
Das Schreiben war für Jeanne Berta Semmig eine Alternative zum Lehrerinnendasein Bildrechte: dpa

Wenn die trüben Tage grauen,
Kalt und feindlich blickt die Welt,
Findet scheu sich Dein Vertrauen,
Ganz auf sich allein gestellt.

Aus Hermann Hesse: "Schicksalstage"

1947 schreibt Hermann Hesse das Gedicht "Schicksalstage" und widmet es Jeanne Berta Semmig, einer Lehrerin aus Dresden und Hesse-Verehrerin seit einem Besuch in Gaienhofen 1907.

Wir standen beieinander im Garten, und da ich noch einige Schweizer Fränkli besaß, erklärte ich, die wollten wir gemeinsam drüben am anderen Ufer vertrinken.

Jeanne Berta Semmig
Hermann Hesse
Hermann Hesse widmete Jeanne Berta Semmig eine Gedicht, sie schickte ihm ihre Veröffentlichungen Bildrechte: IMAGO

Jeanne Berta Semmig, die Frau mit dem eigentümlichen Namen, ist die Tochter Hermann Semmigs, eines vertriebenen 1848er-Revolutionärs. Der flieht ins französische Orléans und heiratet dort eine junge Französin. Als der deutsch-französische Krieg von 1871 ausbricht, wird Semmig als Deutscher ausgewiesen und geht nach Leipzig. Mit der Tochter Jeanne Berta, deren Name in beiden Ländern für Irritationen sorgt, wie sie in ihrer Autobiographie schreibt.

'Berta? Das gibt es nicht im Kalender', sagt der Beamte. 'Also schreiben wir Jeanne Berthe.' Vier Jahre später auf deutschem Boden wiederholt sich die Szene bei der Aufnahme in die deutsche Nationalität. 'Jeanne Berthe? Das gibt es nicht, wir schreiben Johanna Berta'.

Jeanne Berta Semmig

Eigensinnig bleibt die Familie bei der deutsch-französischen Mischform Jeanne Bertha. Sie wird Lehrerin und unterrichtet 40 Jahre lang an einer Dresdener Volksschule. Die Ferien sind Wander- und Reisezeit: Italien, Schweiz, immer wieder Frankreich, sie wandert durch Oden- und Schwarzwald. Und sie schreibt: Gedichte, Novellen, historische Skizzen, veröffentlicht sie in Literaturzeitschriften, aber auch bei C.H. Beck.

Lange Zeit wurde sie für eine Französin gehalten, deren Stil zu nachdenklich und deren Geschichten zu wenig sensationell waren.

Manfred Altner in der "Sächsischen Biographie".

Dass sie keine große Schriftstellerin ist, ist Jeanne Berta Semmig bewusst. Gedichte seien aber der "farbige Einschlag" in ihrem Lehrerinnendasein. Regelmäßig schickt sie Hesse ihre Bände.

Freundliche Worte fand er auch für meine Gedichte, meine Novellen, wenn auch wohl der Mensch, der sie schrieb, ihm mehr bedeutete als sein Schaffen.

Jeanne Bertha Semmig

In Dresden ist sie bekannt und gut vernetzt. Sie führt das Leben einer Bildungsbürgerin, ist Mitglied des Wilhelm-Raabe-Kreises und des Literarischen Vereins, der regelmäßig Literaturabende veranstaltet. Wobei Jeanne Berta Semmig auch die "Nachsitzungen" der Lesungen schätzt "… die im Sommer im Großen Garten begannen, sich bis in die Nacht in behaglichen kleinen Bierstuben fortsetzten und uns stets ein frohes künstlerisch-menschliches Erlebnis bedeuteten."

Politik kommt im Leben der Deutsch-Französin kaum vor. Nur ganz am Ende, als auch ihre Wohnung im Dresdner Feuersturm verbrennt, da deutet sie dies in ihrer Autobiographie als Preis für deutsche Schuld: "... die wir nicht den Mut hatten, Kämpfer zu werden."

Ihr letztes Buch, 1958 wenige Monate vor ihrem Tod erschienen, widmet sie einer Kämpferin und Freundin ihres Vaters: Louise Otto-Peters, Gründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins.

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