John Irving
Der Schrifsteller John Irving hat noch einige Ideen Bildrechte: IMAGO

John Irving wird 75 "Schreiben ist wie Ringen"

von Tino Dallmann

John Irving
Der Schrifsteller John Irving hat noch einige Ideen Bildrechte: IMAGO

Es soll Leute geben, die eine Strichliste führen, wenn sie einen Roman von John Irving lesen: Kommt ein Zirkus vor? Eine Sportart, Ringen vielleicht? Ein Waisenkind? Wilde Bären? Bei den meisten dieser Dinge lassen sich auf der Liste schnell Haken setzen. Manche haben diesen Hang zur Wiederholung bei seinem jüngsten Roman "Straße der Wunder" bemängelt. Darin erzählt Irving von einem alternden Schriftsteller, der als kleines Kind auf einer Mülldeponie in Mexiko aufwächst und sich später tatsächlich einem Zirkus anschließt. Bären kommen keine vor, ansonsten ist es ein typischer Irving-Roman, der seinem Leser schlau und unterhaltend den Spiegel vorhält und Missstände ankreidet. Das alles hat man so ähnlich schon in anderen Romanen von ihm gelesen, doch Irving ist ein Überzeugungstäter. Er ist ein Meister darin, sich treu zu bleiben und sich dennoch unentwegt neu zu erfinden.

Nach "Garp" wurden alle Bücher Bestseller

Ringen
"Schreiben ist wie Ringen" Bildrechte: dpa

John Irving wurde am 2. März 1942 in Exeter in New Hamshire geboren. Als Kind litt er an einer Lese- und Rechtschreibschwäche, war dafür ein umso begeisterter Sportler. Zum Ende der Schulzeit wusste er, was er in Zukunft tun wollte – Ringen und Romane schreiben. Er studierte englische Literatur an der University of Pittsburgh und für zwei Semester in Wien, wo er in Kaffeehäusern saß und Stoff für seinen ersten Roman sammelte. "Lasst die Bären los!" erschien 1968, konnte aber noch nicht viele Leser für sich begeistern. Der Durchbruch gelang John Irving 1978 mit "Garp und wie er die Welt sah". Es folgten Bücher, die allesamt Bestseller wurden und nicht selten die amerikanische Gesellschaft humorvoll-kritisch unter die Lupe nahmen: "Das Hotel New Hamshire", "Gottes Werk und Teufels Beitrag" und "Owen Meany", um nur einige zu nennen. Irving selbst vergleicht das Schreiben gern mit seinem Lieblingssport und sagt:

Schreiben ist wie Ringen. Man braucht Disziplin und Technik. Und man muss auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner.

John Irving

Lernen von Günter Grass

Jetzt da John Updike und E.L. Doctorow gestorben sind und Philip Roth keine Bücher mehr veröffentlicht, erscheint es fast, als wäre John Irving der letzte große amerikanische Schriftsteller. Er selbst würde das wohl abstreiten. Schließlich hat er sich beim Schreiben immer auch an europäischen Vorbildern orientiert – vor allem an den Gesellschaftsromanen von Charles Dickens. Wie er diese in die Gegenwart übersetzt, hat ihm Günter Grass gezeigt. Denn "Die Blechtrommel", die Irving mit zwanzig las, hatte großen Einfluss auf ihn.

Von meinen Lieblingsautoren des 19. Jahrhunderts lernte ich, dass ich eine bestimmte Art von Romanschriftsteller sein wolle. So wie Dickens und Hardy, Hawthorne und Melville. Von Grass lernte ich, wie man das macht.

Irving zum Tod von Grass 2015

Könnte noch zwei Bücher schreiben

An seine eigene Sterblichkeit verschwendet Irving noch keine Gedanken.

Ich habe zwei Bücher, die ich sofort schreiben könnte, wenn ich nicht mit anderen Dingen beschäftigt wäre.

John Irving

Derzeit arbeitet Irving an einer Fernseh-Adaption zu "Garp und wie er die Welt sah". Danach will sich einem neuen Roman widmen. Ideen habe er mehr als genug, sagt er. Und wohl noch Zeit, um zwei oder drei Romane fertig zu schreiben: "Ich wähle dann wohl besser die richtig guten Ideen aus."

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Kulturnachrichten | 02.03.2017 | 08:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. März 2017, 11:09 Uhr