Portal der Stadtbibliothek Berlin mit 117 Buchstaben von Fritz Kühn
Das Portal der Stadtbibliothek Berlin zieren 117 Metallplatten, die den Buchstaben A in den verschiedensten Stilen und Zeichen zeigt. Bildrechte: dpa

31. Juli 1967: Bildhauer, Kunstschmied und Fotograf Fritz Kühn gestorben Der Mann, der Metall zum Leben erweckte

Ob Stahl und Eisen leben? Ja, meinte der Metallbildhauer Fritz Kühn. Zu seinen Werken gehören unter anderem die einstige Metallfassade am Centrum Warenhaus in Suhl, der Fischbrunnen in Magdeburg und das "A-Portal" der Berliner Stadtbibliothek. Fritz Kühn brachte das Innenleben seines Werkstoffes an die Oberfläche. Vor 50 Jahren starb er in Berlin.

von Sven Hecker

Portal der Stadtbibliothek Berlin mit 117 Buchstaben von Fritz Kühn
Das Portal der Stadtbibliothek Berlin zieren 117 Metallplatten, die den Buchstaben A in den verschiedensten Stilen und Zeichen zeigt. Bildrechte: dpa

Das ist ein Problem, das mich lange schon beschäftigt: Die großen Formen, die ich jetzt schaffe, oder Flächen, bei Wänden – also die Oberfläche muss gestaltet werden. Ja, wie? Ich kann nicht meinen Stahl mit Figuren irgendwie beleben. Das entspricht nicht dem Material Stahl. So rang ich immer wieder danach, eine dem Stahl entsprechende Oberflächenbelebung zu finden.

Fritz Kühn, Metallbildhauer

Fritz Kühn – Kunstschmied, Metallbildhauer und Fotograf. Alles, was man mit Metall machen kann, hat Kühn gemacht: Schmieden, Treiben, Ätzen, Vergolden, chemisch Bearbeiten. Alles, um die "innere Landschaft" seines Werkstoffes "an die Oberfläche zu heben".

Schon in Kühns Kindheit fällt das metallische Klirren. Der Vater ist Kunstschlosser und Schmied. Sohn Fritz macht mit 27 Jahren, 1937, seinen Meister als Kunstschmied, baut einen alten Vierseithof im Südosten Berlins zur Atelier-Werkstatt um. Zweimal wird sie ihm im Krieg zerbombt, zweimal baut er sie wieder auf. Nach 1945 stürzt er sich mit seinen Gesellen und Lehrlingen in die Arbeit: Viele Restaurierungsaufträge erhalten sie zunächst, an zerstörten historischen Gebäuden; in Berlin etwa die repräsentativen Treppengeländer im Zeughaus, an der Staatsoper die Innen-und Außengitter. Zu seinen Schülern gehört auch sein 1942 geborener Sohn Achim. Der erinnert sich später:

Ich war fünf oder sechs und das Atelier mein Spielplatz, als der Vater sich radikal von althergebrachten Schmiedetechniken löste. Es war ein großes Experimentieren.

Achim Kühn, Sohn des Metallbildhauers Fritz Kühn

Bei einem Besuch im Düsseldorfer Max-Planck-Institut hatte Fritz Kühn 1952 mit einem Elektronen-Mikroskop dem Metall sozusagen unter die Haut gesehen.

Diese Welt, die viele Menschen ja noch nicht kennen, will ich nun an die Oberfläche heben, um auch aufklärend zu wirken, wie schön und wunderbar es im Inneren des Materials aussieht. Natürlich nicht naturalistisch, sondern wieder gestaltet und in meinen Techniken, jetzt zum Teil sogar durch chemische Behandlung geschaffen. Diese Arbeiten sind für mein Dafürhalten sehr real und realistisch.

Fritz Kühn, Metallbildhauer

Ein trickreicher Nachsatz, der in der jungen DDR, in Zeiten der ideologischen Formalismus- und Naturalismus-Debatten nicht ganz unwichtig ist. Kühn traktiert sein Metall jenseits der Dogmen. Und er schreibt Kunstgeschichte mit einem innovativen Verfahren der Oberflächenbearbeitung, ohne dabei das Handwerk zu vergessen.

Heute heißt es ja oft, Kühn schafft nur noch chemisch seine Arbeiten. Das ist natürlich falsch. Wenn ich auch immer wieder nach neuen Wegen suche. Ich selbst wende immer wieder die Schmiedetechnik an. Beispiel jetzt: Das große Eingangsgitter an der Stadtbibliothek in Berlin. Da bring ich doch in 117 Platten das Anfangszeichen unseres Alphabets, das A, in der ganzen Entwicklung über alle Stile, sogar fremdländische Zeichen.

Fritz Kühn
Brunnen von Fritz Kühn auf dem Strausberger Platz in Berlin
Brunnen von Fritz Kühn auf dem Strausberger Platz in Berlin Bildrechte: IMAGO

So vielfältig Kühn sein Material bearbeitet, so facettenreich ist sein Schaffen: In Berlin stammt außerdem der Brunnen auf dem Strausberger Platz von ihm, die Kupferfassade und Eingangstüren an der Komischen Oper, Arbeiten in der Parochialkirche oder der St. Hedwigs-Kathedrale. Doch weit über seine Heimatstadt hinaus macht Kühn sich ebenfalls einen Namen: Mit dem Fischbrunnen in Magdeburg, der Wasserharfe in Dessau oder mit der Bekrönung für den Glockenturm der Gedenkstätte Buchenwald. Seine Werke stehen in rund 50 Städten der alten Bundesrepublik. Und ebenso in der Kathedrale von Coventry oder auf dem Soldatenfriedhof am Futa-Pass in Italien.

1967 stirbt Fritz Kühn überraschend, mit gerade 57 Jahren. Der Pariser Louvre ehrt ihn 1969 mit einer Retrospektive. Die DDR erklärt 1983 Kühns Werk zum Nationalen Kulturgut. Doch hierzulande weiß man das nicht überall zu ehren. In Suhl wird seine Fassade am einstigen Centrum Warenhaus beim Umbau einfach entsorgt. In Berlin rostet und zerfällt der tonnenschwere Nachlass: Skulpturen, Entwürfe, Projektpapiere. Ein Museumsvorhaben auf dem Werkstattgelände scheitert. Ein Gericht überträgt das Grundstück, auf dem Kühn seit 1937 arbeitete und dass er 1958 kaufte, nach jahrelangem Rechtsstreit an eine Wohnungsgenossenschaft zurück.

Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2017, 00:00 Uhr

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