Blick auf Schloss Windsor
Schloss Windsor gab dem britischen Königshaus 1917 seinen neuen Namen. Bildrechte: dpa

17. Juli 1917: Britisches Königshaus benennt sich in "Haus Windsor" um Namenszwist zu Weltkriegszeiten

Es soll Menschen geben, die ein wenig bedauern, dass wir hierzulande keinem Kaiser oder König mehr huldigen dürfen. Dabei haben wir mindestens noch eine richtig bedeutende Königin im Rennen, wenn auch nicht auf einem hiesigen Thron: Queen Elisabeth II. Sie würde heute Elisabeth von Sachsen-Coburg und Gotha heißen, wenn nicht vor 100 Jahren die gekrönte Verwandtschaft Europas mitten im Ersten Weltkrieg gesteckt hätte.

von Sven Hecker

Blick auf Schloss Windsor
Schloss Windsor gab dem britischen Königshaus 1917 seinen neuen Namen. Bildrechte: dpa

"Auf Nimmerwiedersehen!" oder etwas salopper übersetzt: "Und Tschüss!". So steht es unter einer Karikatur, mit der die englische Satire-Zeitschrift "Punch" die Sache kommentiert: Zu sehen ist König George V., wie er scheppernd ein paar Kronen "Made in Germany" aus dem Schloss fegt: Weg mit den deutschen Titeln! Von Juli 1917 an heißt das britische Königshaus nicht mehr "Sachsen-Coburg und Gotha".

Schuld ist der "Opa von Europa", zumindest am ersten Teil der Geschichte: Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha, genannt der Fromme, macht im 17. Jahrhundert Gotha nicht nur zum Zentrum von Kunst und Wissenschaft. Mit vielen Kindern und einer schlauen Heiratspolitik erobert sein kleines Herzogtum auch die europäischen Herrscherhäuser. Knut Kreuch, der geschichtsinteressierte Oberbürgermeister Gothas, erklärt:

Das Blut von Ernst dem Frommen schwebt in allen Königshäusern, besonders natürlich im englischen. Denn Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg, seine Urenkeltochter, ist ja die englische Stamm-Mutter und hat dem britischen Empire den ersten, im Lande geborenen Thronfolger geschenkt, der zum Beispiel nicht aus Hannover kam.

Knut Kreuch, Oberbürgermeister von Gotha
Marmorbüste von Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha
Marmorbüste von Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819-1861) Bildrechte: dpa

Einer der prominentesten Nachfahren des frommen Ernsts: Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Albert heiratet 1840 seine Cousine, die britische Königin Victoria. Er ist interessiert an Kunst und Wissenschaft und beglückt die Briten überdies mit einem besonderen Präsent – berichtet Lutz Schilling, Direktor des Thüringer Staatsarchivs Gotha:

Er hat den Weihnachtsbaum nach Großbritannien gebracht. Das war eine große Tradition schon im Gothaer Land, noch bevor es in Weimar publik war. Und so eine kleine Tradition hat er also auch aus seiner Heimat mit ins große Empire gebracht. Aber das Wichtigste, was er an dieser Stelle geleistet hat, war, dass er für die Nachkommen der englischen Thronfolge gesorgt hat. Mit Victoria zusammen. Das ist sein bleibender Verdienst.

Lutz Schilling, Direktor des Thüringer Staatsarchivs Gotha

Mit vielen Kindern und Hochzeiten sorgen Victoria und Albert für eine weitere Verbandelung der europäischen Throne. Ihr Sohn Edward, genannt Bertie, wird als Nachfolger Victorias der erste britische Herrscher aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha und – er gilt als "Onkel Europas".

Doch Verwandtschaftsbande und Tannenbaum-Bescherung helfen nicht mehr im Sommer 1917. Seit drei Jahren kämpfen Briten und Deutsche im Ersten Weltkrieg gegeneinander. Und nahezu alles, was vom Kriegsgegner kommt, gilt nun vielen als anrüchig, selbst Musik. Die antideutsche Stimmung trifft immer mehr auch das Königshaus. Der Historiker David Camadine erklärt:

George V. war zunehmend besorgt, dass die Monarchie von den Briten als zu europäisch, zu deutsch empfunden werden könnte. Und tatsächlich: George V. wie auch seine Frau waren zu fast 100 Prozent deutsch – 'almost wholly german'.

David Camadine, Historiker

Doch die Sache ist noch diffiziler: Großbritannien wird mit deutschen Flugzeugen angegriffen, die in Gotha hergestellt werden, sogar Gotha im Namen tragen, wie die britische Monarchie! Journalist Andreas Metzmacher:

Und mit diesen Gotha-Bombern wurde dann auch regelmäßig London bombardiert, und da gab es dann einen berühmten Angriff im Juli 1917, wo es auch viele Tote gegeben hat.

Andreas Metzmacher, Journalist
König George V. von England trägt auf einem Foto aus dem Jahr 1923 eine Uniform mit Orden und Auszeichnungen.
König George V. von England (1865-1936) Bildrechte: George Grantham Bain/Library of Congress/dpa

Nun reagiert der König auf den öffentlichen Druck: George V. verzichtet für sich und alle Nachkommen von Königin Victoria auf sämtliche deutschen Namensrechte und Titel. Doch nun muss ein neuer Name für das Königshaus her. Die Idee des königlichen Privatsekretärs setzt sich schließlich durch: "Windsor" – so wie das Schloss vor den Toren Londons, das die britische Monarchie seit Jahrhunderten symbolisiert.

Weniger aufwendig ist die patriotische Umbenennung für den anderen Zweig der königlichen Familie: Die Battenbergs anglisieren einfach ihren deutschen Namen – und firmieren fortan unter "Mountbatten".

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2017, 00:00 Uhr

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