Lene Voigt
Lene Voigt Bildrechte: Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.

16. Juli 1962: Todestag der Dichterin Lene Voigt So geht sächsisch

von Sven Hecker

Lene Voigt
Lene Voigt Bildrechte: Lene-Voigt-Gesellschaft e.V.

Ich weeß nich, mir isses so gomisch,
Und ärchendwas macht mich verstimmt.

Lene Voigt: "Säk'sche Lorelei"

Die "Säk'sche Lorelei" ist wohl eines der bekanntesten Werke von Lene Voigt, vormals Wagner.

Helene Wagner wurde am 2. Mai 1891 zu Leipzig geboren. Sie ist eine von jenen glücklichen Naturen, die das Leben von der heiteren Seite belauschen und kleine Studien in reizend humorvoller Weise wiederzugeben vermögen.

Anthologie Leipziger Dichterinnen von 1914

Noch heißt sie Wagner. Noch schreibt Helene vor allem hochdeutsch: Rezensionen, Berichte, Gedichte. Anregungen für ihr literarisches Schaffen hat sie vom Vater erhalten, einem Schriftsetzer. Zunächst arbeitet sie allerdings als Kindermädchen, dann als Verlags-Kontoristin. Nebenher aber schreibt sie schon, ab 1922 dann freiberuflich, sächsisch und durchaus erfolgreich. Vor allem die Adaptionen bekannter Klassiker in Mundart werden gern gelesen und rezitiert.

Heite bin ich mal alleene
Un dr Meester iwer Land.
Ei härrjehses, das wärd scheene.

"Der Zauberlehrling"

In Lene Voigts literarisch erfolgsreichste Zeit jedoch fällt mehr als ein privater Schatten: Ihre Ehe, geschlossen im Krieg, scheitert. 1925 stirbt Sohn Alfred, gerade vier Jahre alt. Dann, wenig später, die aufreibende Liebesbeziehung zu einem vagabundierenden Opernsänger. Doch auch er stirbt.

Diese zwei Schicksalsschläge – Tod des Kindes, Tod des Liebsten – schien sie nicht verwinden zu können. Sie ist durch Deutschland gereist, das ist vielleicht ein Ausdruck des Verfolgtseins, der inneren Unruhe zumindest.

Wolfgang U. Schütte, Biograph
Porträt von Lene Voigt
Lene Voigt Bildrechte: Lene-Voigt-Gesellschaft e.V./MDR

1936 ist sie schon das erste Mal in psychiatrischer Behandlung – ist sie manisch-depressiv? Leidet an Paranoia? Lene Voigt hat einigen Grund, sich verfolgt zu fühlen. Die Nationalsozialisten machen ihr das Publizieren unmöglich. Sächsisch ist plötzlich ein Politikum, weil "irgendwie jüdisch".

Da haben die Nazis dann ja die sächsische Mundart verboten. Das ist nur der sächsischen Mundart geschehen, keiner anderen. (…) Nur das Sächsische. Das hing zusammen mit dem dümmsten Gauleiter der Nazis, dem Mutschmann, der hat sich das ausgedacht.

Wolfgang U. Schütte, Biograph

Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt Lene Voigt in ihrer Heimatstadt. Sie erholt sich nicht mehr, lebt bald in der Psychiatrie Leipzig-Dösen; zunächst als Patientin, später als Buchhalterin und Botin. Sie stirbt 1962, kaum beachtet. Auch in der Klinik schreibt Voigt – allerdings nur für Mitpatienten und Personal. Zwei Mundart-Gedichte - das ist alles, was in der DDR zu ihren Lebzeiten erscheint. Auch jetzt wieder ist das Sächsische ein Problem.

Weil alle Leute, die was zu sagen hatten und einen sächsischen Text sahen, sagten: Oh, das können wir nicht drucken, unser Genosse Walter Ulbricht. Es gab kein echtes Verbot in der DDR - aber vorauseilender Gehorsam hat es eben zu einem faktischen Verbot gemacht. Und wir wurden belächelt und beschimpft, als wir 1983 das erste Lene-Voigt-Buch herausgegeben haben.

Wolfgang U. Schütte, Biograph

Erst in den letzten Jahrzehnten wurde Lene Voigts Werk wieder entdeckt - Dank des Forschers Wolfgang U. Schütte, eines Voigt-Vereins oder auch des begnadeten Voigt-Interpreten Tom Pauls. Ein Werk, das in seinen besten Stücken unverwüstlich scheint - anders als seine Autorin, die dennoch immer wieder heitere Zeilen dichtete:

Grabstätte Lene Voigts auf dem Leipziger Südfriedhof
Grabstätte Lene Voigts auf dem Leipziger Südfriedhof Bildrechte: Conrad Weigert

Wie oft geht uns was schief im Lähm.
Doch därf mer das so schwär nich nähm
un jammern laut: 'Wie schade!'
Ärscht rächt schbornt das de Gräfte an,
un frisch befeiert ruft mer dann:
'Nu grade!'

Lene Voigt: "Nu grade" (1928)

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: MDR KULTUR am Morgen | 16.07.2017 | 08:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2017, 11:58 Uhr

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