Büste vom Gründer der Kunstsprache Esperanto, Ludwig Zamenhof.
Büste des Esperanto-Gründers Ludwig Zamenhof (1859-1917) Bildrechte: dpa

14. April 1917: "Esperanto"-Erfinder Ludwig Zamenhof stirbt Sprache als Kunst

Sie ist die erfolgreichste Kunstsprache aller Zeiten: Esperanto. Eine knappe Million Menschen sollen sie sprechen. Erfunden wurde sie von dem polnischen Arzt Ludwig Lazarus Zamenhof. Vor 100 Jahren ist er gestorben.

von Hartmut Schade

Büste vom Gründer der Kunstsprache Esperanto, Ludwig Zamenhof.
Büste des Esperanto-Gründers Ludwig Zamenhof (1859-1917) Bildrechte: dpa

Sprachliche Missverständnisse sind der Anfang allen Übels. Davon ist Ludwig Zamenhof überzeugt. Schließlich erlebt er im multiethnischen Städtchen Białystok regelmäßig die Auseinandersetzungen zwischen Polen, Russen, Weißrussen und Juden.

Die Verschiedenheit der Sprachen ist der Hauptgrund der Feindschaft der Völker. Denn die Sprache ist der erste Stein des Anstoßes zwischen zwei Fremden. Da sie sich nicht verständigen können, gehen sie mit Groll auseinander.

Ludwig Zamenhof, Arzt

Für Zamenhof selbst ist die Verständigung kein Problem. Er spricht Jiddisch, Russisch, Polnisch, Deutsch und Französisch. In der Schule hat er noch Latein, Griechisch und Hebräisch gelernt. Mit 18 soll er einen ersten Entwurf einer "Lingwe Uniwersala" fertighaben, den sein Vater verbrennt. Der Junge soll schließlich was Ordentliches lernen.

Zamenhof studiert Medizin, praktiziert als Augenarzt und widmet sich weiter den Sprachen, genauer: einer Universalsprache. 1891 erscheint sein Buch "Internationale Sprache. Vorrede und vollständiges Lehrbuch", veröffentlicht unter dem Pseudonym "Doktoro Esperanto". Was in der neuen Sprache "ein Hoffender" bedeutet und alsbald zum Synonym der neuen Kunstsprache wird.

Auf einem Atlas, der Europa und einen Teil Afrikas zeigt, sind mehrere Zettel mit -Esperanto -Wörtern und deren bildlicher Darstellung zu sehen.
Tiere und Früchte in der Kunstsprache Esperanto Bildrechte: dpa

Wer die 16 grammatikalischen Grundregeln gepaukt und die 900 Wörter auswendig gelernt hat, kann im Anhang des Werkes das Vaterunser und einige Heine-Gedichte in Esperanto lesen. Übersetzungen des Buches ins Deutsche, Hebräische, Polnische und Russische folgen – und Übersetzungen von Shakespeare, Goethe, Heine, Gogol sowie Dickens ins Esperanto.

Die Sprache floss bereits von selbst, flexibel, elegant und völlig frei, wie die lebendige Muttersprache.

Ludwig Zamenhof

Esperanto ist nicht die erste am Reißbrett entworfene Sprache, aber sie wird die erfolgreichste. Bücher, Zeitschriften, sogar Werbung erscheint auf Esperanto. 1905 treffen sich einige hundert Zamenhof-Jünger aus 20 Ländern zum ersten Esperanto-Weltkongress. Der Wiener Geologieprofessor Theodor Fuchs ist einer von ihnen – ein tief Ergriffener:

Eine Gnade widerfuhr der Menschheit, das Pfingstwunder hat sich erneuert. Alle fühlten sich als Brüder, vereint unter dem grünen Hoffnungsbanner des Esperanto [...] Tränen kamen aus den Augen von alten und ernsten Männern, ein katholischer Priester umarmte einen protestantischen, und der Schöpfer der neuen Sprache, Zamenhof, ging wie im Traum herum, zitterte am ganzen Körper und hatte Mühe, seine Ruhe wiederzufinden.

Theodor Fuchs, Geologieprofessor

Ludwig Zamenhof belässt es nicht bei der Vereinigung der Menschheit unter einer Sprache. Sein nächstes Projekt: Eine gemeinsame Religion, "Homaranismo" genannt, und wie Esperanto mit einfachen und einleuchtenden Regeln.

Wir fühlen und anerkennen die Existenz der höchsten Macht, die die Welt beherrscht und die wir Gott nennen. Gott legte seine Gesetze in das Herz jeden Menschens in Gestalt des Gewissens. Gehorche deshalb immer der Stimme deines Gewissens, da dies die nie verstummende Stimme Gottes ist. [...] Liebe deinen Nächsten und handle im Umgang mit anderen so, wie du wolltest, dass sie mit dir umgehen.

So sprach Ludwig Zamenhof, der Arzt, der hoffte, die Menschen mit gemeinsamer Sprache und Glauben vom Virus der Feindschaft heilen zu können, mitten im nationalistischen Taumel des Ersten Weltkriegs.

Zuletzt aktualisiert: 14. April 2017, 00:00 Uhr

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