Demonstration im Vorfeld der Oktoberrevolution in Petrograd (Sankt Petersburg) 1917
Demonstration im Vorfeld der Oktoberrevolution in Petrograd (Sankt Petersburg) 1917 Bildrechte: IMAGO

06. November 1917: "10 Tage, die die Welt erschüttern" Lenin erklärt den Aufstand

"10 Tage, die die Welt erschüttern" - so nannte der amerikanische Journalist und Augenzeuge seinen Bericht über die russische Revolution. Der Titel zeigt: Anders als es die kommunistische Propaganda erzählt, bestand die Revolution nicht allein aus dem Sturm auf das Winterpalais, sondern war eine Machtergreifung auf Raten. Vor 100 Jahren beginnt die entscheidende Phase: Lenin befiehlt den Aufstand.

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Demonstration im Vorfeld der Oktoberrevolution in Petrograd (Sankt Petersburg) 1917
Demonstration im Vorfeld der Oktoberrevolution in Petrograd (Sankt Petersburg) 1917 Bildrechte: IMAGO

Endlich, nach tage- und manchmal wochenlanger Reise sind die Delegierten aus Taschkent und Baku, aus Minsk und Swerdlowsk, in Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg, angekommen und begeben sich zur Smolny-Kathedrale. Der II. Allrussische Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte kann endlich beginnen. Und Lenin gerät in Panik. Am Abend des 6. November schreibt er aus seinem Versteck:

Die Lage ist über alle Maßen kritisch. Es ist sonnenklar, dass jetzt eine Verzögerung des Aufstands schon wahrhaftig den Tod bedeutet... Man muss um jeden Preis heute Abend, heute Nacht die Regierung verhaften.

Lenin

Lenins Drängen hat einen handfesten Grund: Er fürchtet den Allrussischen Sowjet, auf dem seine Bolschewiki keine Mehrheit haben.

Es wäre verderblich oder ein rein formales Herangehen, wollten wir die unsichere Abstimmung am 25. Oktober abwarten, das Volk hat das Recht und die Pflicht, solche Fragen nicht durch Abstimmungen, sondern durch Gewalt zu entscheiden.

Lenin

Was Lenin nicht weiß: Trotzki hat die Soldaten des Militärisch-Revolutionären Komitees zu diesem Zeitpunkt schon Brücken und Bahnhöfe, Post-und Telegrafenämter und selbst den Generalstab besetzen lassen. Ohne dass ein Schuss fällt, wie der Historiker Richard Pipes in "Die russische Revolution" zitiert:

Sie traten ein und nahmen Platz, während diejenigen, die dort saßen, sich erhoben und weggingen.

aus "Die russische Revolution" von Richard Pipes

Einzig das Winterpalais ist am Morgen des 7. November noch in der Hand der Regierung. Was Lenin nicht daran hindert, schon den Sieg zu verkünden:

An die Bürger Russlands! Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die Staatsmacht ist in die Hände des ... Revolutionären Militärkomitees übergegangen. Die Sache für die das Volk gekämpft hat: das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung des Eigentums der Grundbesitzer an Grund und Boden, die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die Bildung einer Sowjetregierung – sie ist gesichert. Es lebe die Revolution der Arbeiter, Soldaten und Bauern!

Lenin

Es ist eine Revolution von der in Petrograd niemand etwas mitbekommt.  Die Straßenbahnen fahren, Theater und Opernhäuser sind geöffnet. Gegen 21:40 Uhr wird die Aufführung von Verdis "Don Carlos" mit dem legendären Bass Fjodor Schaljapin durch einen dumpfen Knall gestört. Ein Blindschuss des Panzerkreuzers Aurora, dem weitere Kanonenschüsse aus der Peter-Pauls-Festung folgen. Eine Stunde später wird der Sowjetkongress eröffnet und Trotzki erklärt den überraschten Delegierten, dass die Regierung gestürzt sei. Der Oxforder Historiker Stephen A. Smith beschreibt das Geschehen:

Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre hielten den Sturz der Regierung für eine Erklärung des Bürgerkriegs und verließen demonstrativ die Sitzung. Trotzki schrie ihnen nach: 'Geht wo ihr hingehört: auf den Müllhaufen der Geschichte!'

Stephen A. Smith, Historiker

Mit dem Auszug der Menschewiki und Sozialrevolutionäre verliert der Sowjetkongress seine demokratische Legitimation komplett. Lenin und Trotzki sehen sich am Ziel, sie können den Putsch durch die Zustimmung des nun bolschewistisch beherrschten Sowjets legitimieren. Die Bolschewiki sitzen nun an den Schalthebeln der Macht. Fast. Denn im Winterpalais harrt noch immer die Provisorische Regierung aus.

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2017, 12:16 Uhr

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