Vladimir Ilyich Lenin
Vladimir Ilyich Lenin Bildrechte: IMAGO

07. November 1917: Oktoberrevolution Lenin und Trotzki kommen an die Macht

7. November 1917 – der Tag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Denn nach dem im Russland noch gültigen julianischem Kalender schreibt man den 25. Oktober. Mit einem Kanonenschuss gibt der Panzerkreuzer Aurora das Signal zur Eroberung des Winterpalais, und tausende Bolschewiki stürmen es. So zumindest will es die kommunistische Heldensaga, an der fast nichts stimmt. Wie man weiß. Außer, dass die Bolschewiki am 7. November die Macht in Russland übernehmen.

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Vladimir Ilyich Lenin
Vladimir Ilyich Lenin Bildrechte: IMAGO

Im Malachitsaal des Winterpalais in Petrograd (heute Sankt Petersburg), dem Sitz der Provisorischen Regierung, warten bang die Minister auf Truppen von der Front. Am frühen Morgen des 7. November hat Ministerpräsident Alexander Kerenski das Haus in Uniform eines serbischen Offiziers verlassen, um Unterstützung gegen die Bolschewiki zu holen. Weder Kerenski noch Soldaten kommen, dafür gegen drei Uhr morgens des Folgetages die Garden des Militärischen Revolutionskomitees. Ohne Widerstand werden die Minister verhaftet. Lenin hat gesiegt, so wie es Trotzki schon am Vortag verkündet hat.

Im Namen des Revolutionären Militärkomitees erkläre ich, dass die Provisorische Regierung aufgehört hat zu bestehen.

Leo Trotzki, Revolutionär

Die Bolschewiki siegen ohne Blutvergießen. Auch, weil ihre Gegner nach dem Coup mit dem Staatsstreich empört den Sowjetkongress verlassen. Nikolai Suchanow, Mitbegründer des Petrograder Sowjets räumt 1921 selbstkritisch ein:

Wir entfernten uns und ließen den Bolschewiki völlig freie Hand; es hätte erfolgversprechend sein können, wenn wir im Kongress für eine vereinigte demokratische Front gekämpft hätten. Doch indem wir den Kongress verließen, haben wir selbst den Bolschewiki das Monopol über die Räte, die Massen und die Revolution gegeben.

Nikolai Suchanow, Mitbegründer des Petrograder Sowjets

Viele der Abgeordneten sehen die Errungenschaften der Februarrevolution von rechts gefährdet, sind aber blind auf dem linken Auge. Sie glauben außerdem, dass die radikalen Bolschewiki bald abgewirtschaftet haben. Die aber packen am Tag Eins nach ihrer Machtergreifung drei drängende Probleme der russischen Gesellschaft an. Mit dem "Dekret über den Frieden" beenden sie den äußerst unpopulären Krieg zumindest auf dem Papier, mit dem "Dekret über den Grund und Boden" versprechen sie den Bauern Land und mit dem "Dekret über die Rechte der Völker" den unterdrückten Nationen Unabhängigkeit. Die drei Dekrete verschaffen den Bolschewiki erst einmal viel Sympathie und Zulauf, sagt der Berliner Osteuropahistoriker Jörg Baberowski:

Es ist keinesfalls so, dass das einfach nur ein Putsch gewesen gewesen wäre von einigen fanatischen Bolschewiki.

Jörg Baberowski, Historiker

Staatsstreich oder tatsächlich eine Revolution? Diese Frage wird auch nach hundert Jahren noch kontrovers diskutiert. Der englische Historiker Stephen A. Smith urteilt in seinem soeben erschienenen Buch über die Russische Revolution:

Zweifellos besaß sie Merkmale eines Putsches, [...] doch die gestürzte Regierung war nicht demokratisch gewählt worden. [...] Im Wesentlichen aber war der Provisorischen Regierung schon die Luft ausgegangen, bevor die Bolschewiki ihr das Ende bereiteten.

Stephen A. Smith, Historiker

Nach Berechnungen sollen es nicht mehr als fünf Prozent der Petrograder Soldaten und Arbeiter gewesen sein, die sich am Sturz der Regierung beteiligten. Jörg Baberowski verweist auf eine Unterstützung, die über diesen Kreis hinausgeht:

Wäre dieser dieser Umsturz nicht getragen worden von den Verbitterten, von den Unzufriedenen, von den Hungernden und von den Frustrierten und von den Gewalttätigen, dann hätte dieser Umsturz überhaupt keinen Erfolg gehabt.

Jörg Baberowski, Historiker

So aber verbreitet er sich von Petrograd ausgehend über das ganze Land. Die Bolschewiki übernehmen die Macht in den Sowjets von Taschkent bis Minsk und entgegen den Erwartungen ihrer Gegner, wirtschaften sie nicht binnen weniger Monate ab, sondern erst nach 70 Jahren.

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2017, 09:20 Uhr

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