Bild - Pocahontas retten das Leben von Capt. John Smith.
Pathetisch rettet Pocahontas das Leben von John Smith. Ganz so wird es in der Realität nicht gewesen sein. Bildrechte: IMAGO

21. März 1617: Pocahontas stirbt Eine Indianerprinzessin ändert die Weltgeschichte

Als sie vor 400 Jahren ziemlich jung in der Nähe Londons starb, hieß sie Rebecca, zumindest bei den Weißen. Doch bekannt und nahezu unsterblich wurde sie als Pocahontas. Eine von Disneys Lieblingsfiguren und ein Mythos in den Vereinigten Staaten. Fast ein wenig mehr. Ohne sie, so wird spekuliert, ohne ihre Hilfe für die englischen Kolonisten in der Neuen Welt, gäbe es womöglich gar keine USA. Doch Fakten und Fiktion liegen hier dicht beieinander.

von Sven Hecker

Bild - Pocahontas retten das Leben von Capt. John Smith.
Pathetisch rettet Pocahontas das Leben von John Smith. Ganz so wird es in der Realität nicht gewesen sein. Bildrechte: IMAGO

Es ist alles gut, ich tu dir nicht weh! Hier, komm her! Gib mir deine Hand! - Matoaka […] Du verstehst kein Wort, von dem, was ich dir sage …

Originalzitat aus dem Pocahontasfilm

So könnte sie sich zugetragen haben, zumindest, wenn es nach Hollywood geht: Die allererste Begegnung zwischen Pocahontas und Captain John Smith. Sie ist ungefähr 12 Jahre alt, er 27.

Pocahontas am Hof ​​von König James von Richard Rummels.
Pocahontas am Hof ​​von König James in der Interpretation des Malers Richard Rummels Bildrechte: IMAGO

"Pocahontas" ist ein Kosename. Matoaka, so heißt sie eigentlich, ist eine Häuptlingstochter der Powhatan-Konföderation - rund 30 Stämme, die am heutigen James River, rund um die Chesapeake Bay leben. Dort, wo im Frühjahr 1607 drei englische Schiffe vor Anker gehen. Der Auftrag der Besatzung: Gründung einer englischen Kolonie "Virginia". Kapitän der kleinen Flotte ist eben jener John Smith.

Ein halbes Jahr nach Ankunft der Engländer trägt sich dann angeblich die entscheidende Begebenheit zu: Smith wird von Indianern gefangen genommen und schließlich dem Häuptling vorgeführt - Pocahontas’ Vater. Smith macht sich auf das Schlimmste gefasst, als Krieger mit Stöcken auf ihn zu kommen. Doch da tritt mutig Pocahontas dazwischen, "… nahm seinen Kopf in ihre Arme und legte ihren eigenen auf seinen". So zumindest schildert es Smith in seinen schon seinerzeit bezweifelten Berichten. Von "Liebe" zum indianischen Mädchen, von einer verrückten Affäre schreibt aber selbst er wohl nichts. Das bleibt der Nachwelt überlassen.

Captain Smith and Pocahontas had a very mad affair. When her daddy tried to kill him, she said 'daddy oh don't you dare. He gives me fever ...'

Originalzitat aus Pocahontasfilm

Die Wirklichkeit sieht anders aus

Pocahontas
Pocahontas in England. Angeblich ist George W. Bush einer ihrer Nachfahren. Bildrechte: IMAGO

1613 wird Pocahontas von Weißen entführt und ein Jahr lang als Geisel gefangen gehalten. In dieser Zeit lernt sie der Farmer John Rolfe kennen und lieben. Das "Heidenkind" wird getauft - ob ganz freiwillig, ist unklar. Nun kann geheiratet werden. Eine Verbindung, nicht etwa aus "ungezügelter Fleischeslust" wie Rolfe dem Gouverneur der Kolonie versichert, sondern "für das Wohl der Siedlung, die Ehre des Landes, das Lob Gottes, meine eigene Erlösung sowie die Bekehrung einer ungläubigen Kreatur namens Pokahuntas zur wahren Erkenntnis von Gott und Jesus Christus".

Ein Sohn wird geboren, später der Begründer einer einflussreichen Pflanzer-Dynastie Virginias. Die Vorzeigefamilie lädt man nach England ein, Pocahontas wird dort als einzige anerkannte "Indianerprinzessin" bei Hofe empfangen und bestaunt.

Kurz vor der Rückreise allerdings stirbt Pocahontas, mit 22 Jahren. Woran genau, das bleibt ungeklärt. Unsterblich wird ihr Mythos als Vermittlerin zwischen den Kulturen, ein Symbol, von verschiedensten Seiten gebraucht und instrumentalisiert.

Pocahontas ist die Frau in den Grundfesten Amerikas, die dem Kolonisator zu überleben hilft und ihm so das Recht der Landnahme in Amerika, symbolisch-mythologisch verschafft. Also, in Pocahontas fokussiert sich diese ganze Kolonialgeschichte Europas vom frühesten Moment an.

Klaus Theweleit, Kulturhistoriker und Autor von "Der Pocahontas-Komplex"

Pocahontas ist auch ein tragischer Mythos. Ihr Ehemann, John Rolfe, gilt als derjenige, der die Tabakpflanze in Virginia kultiviert, die bald der wichtigste Exportartikel der Kolonie wird. Die Plantagen wachsen. Das führt zur weiteren Verdrängung der Indianer. Von der "Virginia Company" ergeht nach Übersee sogar die Order zu einem "… andauernden Krieg ohne Frieden oder Waffenstillstand […] um das Volk auszurotten, eine so verfluchte Nation, undankbar gegen alle Begünstigungen und zu jeder Güte unfähig."

Gemeint sind die Ureinwohner des Landes - auch das Volk Pocahontas’. Im Gründungsmythos der USA wird die Ehe-Episode mit Tabak-Pflanzer Rolfe gern ausgespart. Stattdessen erzählt man lieber die zweifelhafte Liebesgeschichte zwischen John Smith und Pocahontas.

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2017, 00:00 Uhr

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