Szene aus dem Aufklärungsfilm Helga. Zwei junge Frauen sitzen in einem Klassenzimmer und hören einer anderen Frau, die am Lehrerpult spricht, zu.
Im Vergleich zu heutiger Aufklärung ging es in "Helga" noch sehr bieder zu. Bildrechte: dpa

22. September 1967: Premiere des Aufklärungsfilm "Helga" Als "Helga" die Westdeutschen aufklärte

von Thomas Hartmann

Szene aus dem Aufklärungsfilm Helga. Zwei junge Frauen sitzen in einem Klassenzimmer und hören einer anderen Frau, die am Lehrerpult spricht, zu.
Im Vergleich zu heutiger Aufklärung ging es in "Helga" noch sehr bieder zu. Bildrechte: dpa

In dem Film "Liebestechnik für Fortgeschrittene" wird behauptet, dass es hier "Alles" zu sehen gibt. Alles? Ein dehnbarer Begriff. Der Film von 1970 nimmt sich von heute betrachtet sehr zurückhaltend aus, wenn in das Stellungsspiel beim Sex eingeführt wird. Und doch gehört der Streifen zu den spekulativeren Arbeiten jener Welle, die unter dem Logo "Aufklärung" das Publikum beglücken und vielleicht sogar wirklich bilden wollen.

Am Anfang der westdeutschen Aufklärungsfilme der späten 60er- und frühen 70er-Jahre steht "Helga - Vom Werden des menschlichen Lebens" von 1967.

Es ist wirklich erschütternd, wie wenige über ihren Körper Bescheid wissen. Nicht nur die jungen Mädchen, auch viele Frauen, die längst verheiratet sind.

Aus dem Film "Helga - Vom Werden des menschlichen Lebens"

Der Film soll diesen Zustand der Unwissenheit ändern. Deshalb legt sich bei diesem Projekt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit ins Bett. Und Regisseur Erich F. Bender betont:

Der Film beschäftigt sich mit den Funktionen des männlichen und weiblichen Körpers. Er zeigt die äußeren und inneren Geschlechtsorgane und macht deren Aufgaben deutlich. Wir erleben mit 'Helga' den Werdegang eines Menschen von der Zeugung bis zur Geburt. Der Zuschauer wird Zeuge einer Geburt.

Erich F. Bender, Regisseur von "Helga"

Das Publikum zahlt mit Geld und Ohnmachtsanfällen. "Zeuge einer Geburt" zu sein, hält nicht jeder aus. Und die Zuschauer kommen in Massen - im Inland wie im Ausland. Weil sie tatsächlich aufgeklärt werden wollen? Oder weil sie doch eher hoffen, nackte Haut zu erhaschen? Die Grenzen dürften fließend sein. Hauptdarstellerin Ruth Gassmann erfreut sich zeitweilig jedenfalls einer gewissen Popularität:

Die Beliebtheit war auch ziemlich groß in Italien. Da hat man mich auf der Straße erkannt und angesprochen und angestupst. Das war nicht so angenehm.

Ruth Gassmann, Hauptdarstellerin in "Helga"

"Helga" bleibt kein Einzelstück. Bedarf ist da, also wird nachgelegt. Am nachhaltigsten gelingt dies Oswalt Kolle, der sich mit skandalumwitterten Filmen wie "Das Wunder der Liebe", "Zum Beispiel: Ehebruch" oder "Deine Frau, das unbekannte Wesen" den Ruf eines "Sexpapstes" verdient.

Oswalt Kolle und Ruth Gassmann
Oswalt Kolle und "Helga"-Hauptdarstellerin Ruth Gassmann Bildrechte: dpa

Jedes einzelne Mädchen glaubt, trotz aller Aufklärung über die Sexualität, für sie allein gäbe es keine Gefahren sondern nur ein rosarotes Wunderland der Liebe. Ich will damit nichts gegen die Romantik sagen, ich will nur warnen vor Illusionen.

Oswald Kolle

Um 1973 geht die Zeit dieser Filme vorbei. Die Zeit der nackten Tatsachen nicht. Nur verzichten die Filmemacher auf die Aufklärung, die bis dato oft genug nichts weiter als ein Deckmantel gewesen ist. Sieben Jahre nach dem Start von "Helga - Vom Werden des menschlichen Lebens" kann sich der geneigte Zuschauer etwa "Ach jodel mir noch einen - Stoßtrupp Venus bläst zum Angriff" anschauen. Was für ein eindeutig zweideutiger Titel.

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2017, 00:00 Uhr

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