Das erste von Reclam verlegte Buch eine Ausgabe von Faust aus dem Jahr 1867 (l-r), eine Ausgabe von Faust aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, und eine aktuelle Faustausgabe sind in Ditzingen (Baden-Württemberg) im Archiv des Verlages zu sehen.
Das erste von Reclam verlegte Buch, eine Ausgabe von "Faust" aus dem Jahr 1867, neben einer Ausgabe aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und einer aktuellen "Faust"-Ausgabe Bildrechte: dpa

10. November 1867: Reclams Universalbibliothek wird veröffentlicht 150 Jahre Reclam

1867 ist das "Kassikerjahr". Das Jahr, in dem die Urheberrechte für Goethe, Schiller, Lessing und Wieland ablaufen. So hat es der Deutsche Bund 1856 beschlossen. Als Stichtag wurde der 10. November 1867 gewählt. Ab diesem Tag waren die Werke toter Autoren rechtefrei. Und exakt an diesem Tag lagen die ersten Hefte von Reclams Universalbibliothek in den Buchhandlungen.

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Das erste von Reclam verlegte Buch eine Ausgabe von Faust aus dem Jahr 1867 (l-r), eine Ausgabe von Faust aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, und eine aktuelle Faustausgabe sind in Ditzingen (Baden-Württemberg) im Archiv des Verlages zu sehen.
Das erste von Reclam verlegte Buch, eine Ausgabe von "Faust" aus dem Jahr 1867, neben einer Ausgabe aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und einer aktuellen "Faust"-Ausgabe Bildrechte: dpa

Noch in der "Allgemeinen Deutschen Biographie", einem sonst betont sachlichen Nachschlagewerk, klingt bei Anton Philipp Reclam der Zorn an, den der Verleger auf sich gezogen hat. Verfasst hat den Artikel der Leipziger Buchhändler Karl Pfau.

Reclam wandelte seiner eigenen Bahnen, (…) und ist in nicht geringem Maße angefochten worden, besonders (...) des nachtheiligen Einflusses wegen, den seine billigen Ausgaben gehabt haben sollen.

Karl Pfau, Leipziger Buchhändler und Schriftsteller

Reclam – der Ruinator des deutschen Buchhandels

Dabei ist der Leipziger Verleger mitnichten der einzige, der auf das Ende der Schutzfrist wartet. Schon seit 1866 buhlen Verlage um die Käufergunst und bieten preiswerte Klassikerausgaben für den November 1867 an. Anton Philipp Reclam allerdings nicht. Seine Bücher liegen an jenem 10. November vor 150 Jahren einfach in den Buchhandlungen. Schon im Sommer hat Reclam "Faust I" und "Faust II" drucken lassen, um sie pünktlich zum Fall der Schutzfrist liefern zu können.

An der Fortsetzung dieser Sammlung wird unausgesetzt gearbeitet. (...) Das Erscheinen sämmtlicher classischer Werke unserer Literatur, die ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen können und deren Umfang es gestattet, wird versprochen. Hierdurch sollen aber keineswegs Werke, denen das Prädikat "classisch" nicht zukommt, die aber nichts destoweniger sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreuen, ausgeschlossen werden.

Erste Anzeige der Universal-Bibliothek vom Februar 1868
Bücher der Universal-Bibliothek von Relcam stehen am 03.02.2017 in Ditzingen (Baden-Württemberg) in einem Regal am Hauptsitz des Verlages.
Auch heute noch sind die gelben Klassiker überaus beliebt. Bildrechte: dpa

1868 umfasst die Liste lieferbarer Titel schon 40 Werke: "Nichtklassiker" wie Adolph Müllner, August von Kotzebue oder Märchendichter Wilhelm Hauff und natürlich die Weimarer Klassiker, Shakespeare und Lessing. Setzen andere Verleger bei ihnen auf preiswerte Gesamtausgaben, so bietet Reclam die Werke einzeln an. So sei "jedermann in den Stand gesetzt, sich eine Bibliothek nach eigenem Geschmack und Bedürfnis zusammen zu stellen", schreibt man in der ersten Anzeige der Universal-Bibliothek im Februar 1868.

Was mich heute an diesen Platz geführt hat – es ist die Dankbarkeit für ein Werk. Eine Kulturtat, die meiner Jugend behilflich war, wie sie der Jugend und Bedürftigkeit von Millionen behilflich gewesen ist.

Thomas Mann, 1928 bei der Feier zum 100. Verlagsjubiläum

Preiswerte Bücher für alle

Verleger Reclam lässt günstig in der hauseigenen Druckerei drucken. Die Bücher kommen unaufgeschnitten in den Handel, die einzelnen Bögen werden zusammengeleimt statt geheftet. Das drückt den Preis. Ebenso wie die Honorare. Als Wilhelm Raabe sich beklagt, antwortet ihm Reclam kühl:

Ich bemerke, dass ich nur für das Werk eines so bedeutenden Dichters, das ich an so hervorragender Stelle platzieren konnte, eine so große Summe zahlen konnte. Im Allgemeinen gestattet mir der billige Preis meiner Hefte nur geringere Honorare zu leisten.

Anton Philipp Reclam, Verleger

25 Pfennig kostete ein Reclam-Heft. Etwas mehr ist es heute schon, aber die Grundidee ist geblieben: Preiswerte Bücher in guter Qualität für alle.

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2017, 10:01 Uhr

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