Effi (Julia Jentsch) und Geert von Innstetten (Sebastian Koch) stehen am Strand im Film "Effi Briest" (undatierte filmszene).
Effi (Julia Jentsch) und Geert von Innstetten (Sebastian Koch) stehen am Strand im Film "Effi Briest" (undatierte filmszene). Bildrechte: dpa

1. Dezember 1886: Richter Emil Hartwich stirbt nach einem Duell und wird zur Romanvorlage Wie Else von Ardenne zu "Effi Briest" wurde

Ein Duell mit Folgen – mit tödlichen für Amtsrichter Emil Hartwich, der vor 130 Jahren stirbt. Und mit literarischen Folgen: Die Affäre um Hartwich dient Theodor Fontane als Vorlage für seinen Roman "Effi Briest".

von Sven Hecker

Effi (Julia Jentsch) und Geert von Innstetten (Sebastian Koch) stehen am Strand im Film "Effi Briest" (undatierte filmszene).
Effi (Julia Jentsch) und Geert von Innstetten (Sebastian Koch) stehen am Strand im Film "Effi Briest" (undatierte filmszene). Bildrechte: dpa

 

"Unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt." Diesen Satz lässt Theodor Fontane in seinem Roman "Effi Briest" sagen. Der "Götzendienst" um der vermeintlichen Ehre willen, das ist das Duell, Ende des 19. Jahrhunderts immer noch üblich, ja, vermeintlich alternativlos in bestimmten Kreisen. Das wird der Öffentlichkeit dazumal einmal mehr klar, als am 1. Dezember 1886 der Amtsrichter Emil Hartwich an den Folgen eines Duells stirbt. Die Geliebte Hartwichs wird Fontanes "Effi Briest".

Gloger, Christine (Schauspielerin). Hier: Als Elisabeth von Ardenne in Effiis Nacht.
Der tödlich Verwundete im Theaterstück "Effis Nacht" in Berlin. Bildrechte: IMAGO

Das "Berliner Tageblatt" formuliert sehr dezent, Anfang Dezember 1886: "Der Ausgang des Duells war ein sehr unglücklicher." Unglücklicheres als der Tod kann ein junges Menschenleben ja kaum treffen. Mit nur 33 Jahren wird der Düsseldorfer Amtsrichter Emil Hartwich in eben jenem Duell tödlich verletzt. Der Anlass: Eine Kränkung, die Kavallerieoffizier Armand von Ardenne glaubt, nur so, mit einem Duell, aus der Welt schaffen zu können: Eine Affäre, die Hartwich mit Ardennes Ehefrau hatte: Elisabeth, genannt Else. Das alles ist nicht nur Stoff für die Presse, sondern auch für Theodor Fontane und seinen Roman "Effi Briest". Fontane schreibt darüber: "Es ist eine Geschichte nach dem Leben, und die Heldin lebt noch."

Wie Manfred von Ardennes Großmutter zu "Effi Briest" wurde

Die Heldin wird 1853 als Elisabeth von Plotho auf dem Gut Zerben im Jerichower Land geboren. Mit 19 Jahren heiratet sie Fähnrich von Ardenne, die Vermählung wurde von der Mutter lange vorher arrangiert. Zwei Kinder werden geboren. Die junge Familie zieht nun oft um, dahin, wo von Ardenne hinbefohlen wird. In Düsseldorf nimmt das Ehepaar an den so genannten "Malkasten-Abenden" der Künstlerszene teil. Und hier kommt es zur entscheidenden, so verhängnisvollen Begegnung, "die das Schicksal dazu ausersehen hatte, die Familie von Ardenne mit mir zusammenzuführen", so schreibt Emil Hartwich, königlicher Amtsrichter in Düsseldorf, später in einem seiner Briefe an Else.

Hartwich ist ein ziemlich ungewöhnlicher Richter. Der Sportler und Freigeist propagiert sozialreformerische Gedanken, joggt ins Büro, schwimmt im Rhein. Eine Affäre kommt in Gang, zwischen Else und Emil. Sie fliegt auf als von Ardenne, inzwischen ins Kriegsministerium in Berlin aufgestiegen, die Liebesbriefe der beiden findet. Er wirft Else aus der Wohnung und fordert Hartwich zum tödlichen Duell. Duelle sind strafbar. Doch wenn schon seine Ehe verloren ist, so muss von Ardenne Ehre und damit Karriere retten, so glaubt er zumindest.

"Jenes, wenn Sie wollen, tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe und Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muss", so lässt Theodor Fontane in seinem Roman den Mann Effis, Baron Instetten, sagen.  Für den Schriftsteller ist die Duellaffäre "eine Ehebruchsgeschichte wie hunderte andere mehr". Der wahre Duell-Mörder, von Ardenne, wird zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, muss aber nur knapp drei Wochen in der Magdeburger Zitadelle absitzen. Dann ergeht ein kaiserlicher Gnaden-Erlass. Kaum ein Jahr nach der Scheidung, 1887, heiratet er wieder.

Else von Ardenne in der Lebenskrise - geschieden und über 20 Jahre lang getrennt von ihren Kindern

Elisabeth wartet derweil darauf, dass von Ardenne sein Versprechen einlöst und sie ihre Kinder wiedersehen darf. Ein langes Warten. Erst nach 16 Jahren trifft sie die erwachsene Tochter Margot wieder, nach 23 Jahren ihren Sohn Egmont. Über diese lange Zeit schreibt sie ihm: "Ich habe es gelernt, über Zeit und Raum zu lieben und zu besitzen, dieses feste Hinstehen hilft mir auch jetzt, mit Mut und Dankbarkeit Eurer zu gedenken und mich sehr reich und glücklich zu fühlen."

Erstaunlich mutig, erst recht für eine Frau ihrer Zeit, meistert Elisabeth von Ardenne diese größte Krise ihres Lebens - alleinstehend, geschieden, getrennt von ihren Kindern. Sie wird Krankenschwester, verdient ihr eigenes Geld. Mit 50 Jahren besteigt Else als erste Frau einen fast 3.000 Meter hohen Alpenberg, mit 60 lernt sie Skilaufen und mit 80 noch das Radfahren. In Lindau am Bodensee stirbt sie 1952, mit 99 Jahren. Zuvor vertraut sie ihrem Enkel, dem bekannten Physiker Manfred von Ardenne, ein kleines Päckchen an - ein Bändchen mit Vorträgen, einige vergilbte Fotos und Briefe. Eben jene Briefe, die zum tragischen Duell geführt hatten. Das, was ihr geblieben ist, von ihrem Geliebten Emil Hartwich, einem "strahlenden Menschen", von dem sie noch im hohen Alter schwärmt und sich wünscht, "in ein gerechtes gutes Licht den Mann gerückt zu sehen, der unendliches Leid, aber auch unendliches Glück in mein Leben gebracht hat".

Grab von Elisabeth Baronin von Ardenne.
Grab von Elisabeth Baronin von Ardenne. Bildrechte: IMAGO

Zuletzt aktualisiert: 01. Dezember 2016, 00:00 Uhr

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