Fritz Kortner, 1960
Fritz Kortner, geboren 1892 in Wien als Fritz Nathan Kohn, starb 1970 in München Bildrechte: IMAGO

12. Mai 1892: Schauspieler Fritz Kortner geboren Die Nuance der Seele

von Thomas Hartmann

Fritz Kortner, 1960
Fritz Kortner, geboren 1892 in Wien als Fritz Nathan Kohn, starb 1970 in München Bildrechte: IMAGO

Manchmal trifft es einen. Da weiß man, das und nur das kann es sein. Für Fritz Kortner ist es ein Theaterbesuch. Er bestaunt als Jugendlicher Josef Kainz im Wiener Burgtheater. Ein Erweckungserlebnis.

Ich brannte. In schneller Folge sah und hörte ich Kainzens Liebesdurstekstasen, Sprechkaskaden, stromschnell prasselnd, fegend, versengend, alles überrennend, aber immer hirn-, herz- und nervendirigiert.

Fritz Kortner

Unweigerlich folgt der Entschluss, es Kainz gleichzutun. Kortner will auf die Bühne, muss Schauspieler werden, egal was die anderen sagen. Und die sagen eine Menge.

Seine Introvertiertheit, seine Art, sich zu bewegen, die genuschelte Sprache, sein Aussehen, das meilenweit vom Ideal der damaligen Theaterhelden entfernt war, alles schien gegen ihn zu sprechen.

Peter Schütze, Kortner-Biograph
Der Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner
Fritz Kortner als König Philipp in dem Schiller-Drama "Don Carlos" am Hebbel-Theater in Berlin Bildrechte: dpa

Kortners Vorhaben stellt sich als richtige Entscheidung heraus. In den 20er-Jahren steigt er zum Bühnenstar auf. In Stücken - Klassiker hin, Klassiker her - die zumeist als Kommentare zum Geschehen in der Weimarer Republik gesehen werden. Ein ausdrucksstarker Schauspieler mit eigenem Kopf, nicht von jedem Regisseur zu führen. Alfred Kerr sieht ihn 1919 in Ernst Tollers "Die Wandlung", schreibt positiv und doch recht nüchtern:

Da ist Sprachwucht. Ein neuer Mann; ein neuer Wert.

Alfred Kerr, Theaterkritiker

Ganz andere Sätze aber entspringen Kerr acht Jahre später, als er Kortner als Shylock im "Kaufmann von Venedig" begegnet: "Ich sah keinen, der ihm gleicht. Eine Menschenleistung hat man erblickt. Fürs Leben."

Er hatte ein Gefühl von Dringlichkeit, die zusammenhing mit einer Kritik an der Welt. Diese Unzufriedenheit mit der Welt. Das ist vielleicht etwas, was bei ihm überall durchgekommen ist. Es war aber nicht eine Unzufriedenheit, die zynisch war, sondern es war eine, die eigentlich gefüllt war von einer Hoffnung. Eine gerechtere Welt könnte noch entstehen.

Kortners Tochter Marianne Brün

Nach einer gerechteren Welt aber sieht es dann beileibe nicht aus. Im Gegenteil: Die Nazis übernehmen die Macht in Deutschland. Und Kortner, als Jude schon vorher Extremfeindbild der Nationalsozialisten, muss weg. Der Schauspieler, der seit frühen Stummfilmzeiten auch die Leinwand bedient, dreht nun in Großbritannien, kümmert sich anschließend um Drehbücher in Hollywood.

Später hab ich erfahren, auch aus Briefen gesehen, wie verzweifelt er war und welche Angst ihn begleitet hat in der Emigration. Für mich waren das lustige Ferien, ich wusste von nichts, und er wollte das unbedingt so haben.

Kortners Tochter Marianne Brün

Nach dem Krieg kehrt Kortner nach Deutschland zurück, entwickelt sich zum Regisseur. Seine Interpretationen polarisieren, können zu Skandalen werden. Kortner fordert heraus, schon in den Proben: so mancher Schauspieler fühlt sich von ihm zu hart behandelt. Der Wiener aber glaubt unbedingt, dies dem Theater schuldig zu sein. Langeweile, Bedeutungsloses sollen andere inszenieren.

Die Zwischentöne, die Nuance der Seele, die Nuance des inneren Vorgangs wird nicht mehr dargestellt. Wer sich darum bemüht, ist schon verdächtig.

Fritz Kortner

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