5. März 1942: Uraufführung der 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch Wider den Totalitarismus

Schostakowitsch komponierte seine "Leningrader" Sinfonie als künstlerisches Gegenwerk zum Faschismus, der sein Land vernichtend bedrohte. Doch auch gegen Stalin scheint seine Siebente gerichtet zu sein.

von Thomas Hartmann

Ein Ausschnitt aus einer Rede von Dmitri Schostakowitsch. Aufgenommen 1941. In Leningrad. In einer Stadt, die seit dem 8. September von den Nazis belagert wird:

Vor einer Stunde beendete ich die Komposition zweier Teile eines großangelegten sinfonischen Werkes. Wenn es mir gelingt, dieses Stück gut auszuführen, und wenn es mir gelingt, den dritten und vierten Teil ebenfalls zu vollenden, dann kann ich diese Komposition möglicherweise meine 7. Sinfonie nennen. Warum kündige ich das an? Damit die Radiohörer, die meine Ansage gerade anhören, wissen, dass das Leben in unserer Stadt seinen gewohnten Gang geht.

Dmitri Schostakowitsch

Das fertige Werk erlebt seine Uraufführung am 5. März 1942 in Kuibyschew. Kurz darauf wird es in Moskau gespielt, in London, in New York, sogar im eingeschlossenen Leningrad. Es ist, im Inland wie im Ausland, ein gewaltiger Erfolg. Schostakowitsch erklärt:

Ich wollte ein Werk über unsere Menschen schreiben, die in ihrem im Namen des Sieges geführten Kampf gegen den Feind zu Helden werden. Meine Symphonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad.

Dmitri Schostakowitsch

So steht es 1942 in der "Prawda". Und im Licht dieser offiziellen, propagandistischen Lesart wird Schostakowitschs 7. Sinfonie auch lange gesehen. Nur: Geht es nach Solomon Wolkow und seinem Buch "Stalin und Schostakowitsch" von 2004 stimmt die Lesart bestenfalls bedingt, verfolgt der Komponist mit seinem Werk zunächst ganz andere Intentionen, als den Kampf gegen den Faschismus musikalisch umzusetzen. Wolkow fragt:

Dmitri Schostakowitsch
Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) Bildrechte: IMAGO

Warum beginnt das Invasionsthema sehr leise und nimmt erst nach und nach an Kraft zu? Wenn dies eine Invasion ist, dann kommt sie nicht von außen, sondern von innen. Es ist kein plötzlicher Überfall, sondern eine schrittweise Übernahme, während die Angst den Verstand lähmt.

Solomon Wolkow, Schostakowitsch-Biograph

Stalin also ist ursprünglich gemeint. Diese Interpretation untermauert Wolkow mit verschiedenen Argumenten: Schostakowitsch arbeitet an seiner Sinfonie bereits vor dem Überfall auf die Sowjetunion, das Invasionsthema etwa hätten seine Studenten am 22. Juni 1941 schon gekannt. Er führt auch den Komponisten selbst ins Feld, der ihm gegenüber privat erklärt habe:

Schon vor dem Krieg gab es in Leningrad sicherlich kaum eine Familie ohne Verluste: Jeder hatte jemanden zu beweinen. Aber man musste leise weinen. Niemand durfte es merken. Jeder fürchtete jeden. Der Kummer erdrückte, erstickte uns. Ich musste ihn in Musik umsetzen.

Solomon Wolkow                                    

Diese seine Herangehensweise an die 7. Sinfonie kann Schostakowitsch allerdings 1942 garantiert nicht offiziell machen und bis zu seinem Tod im Jahre 1975 lässt sich dies schwerlich korrigieren. Das bleibt anderen vorbehalten - nach Glasnost und Perestroika oder weil sie vorher in den Westen gehen: Musikwissenschaftlern wie Wolkow und Lew Lebedinski oder Schostakowitschs Freundin Flora Litwinowa. Ihr gegenüber erklärt der Komponist, "… dass die Siebente nicht nur vom Faschismus handle, sondern auch von unserem Regime, allgemein von jedem Totalitarismus."

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