Aufnahme aus dem Jahre 1893 des französischen Dichters Stephane Mallarme
Der französische Dichter Stephané Mallarmé (Aufnahme von 1893) Bildrechte: dpa

18. März 1842: Dichter Stephané Mallarmé wird geboren "Der berühmteste Unbekannte der französischen Literatur"

Wie könnte "der Nachmittag eines Fauns" aussehen? Inspirierend in jedem Fall, denn die klingende-singende Wortschöpfung Stéphane Mallarmés ermunterte auch andere Pioniere der Moderne zu berühmt gewordenen Interpretationen: Claude Debussy zu einem Musikstück und Wacław Niżyński zu einem Ballett. Vor 175 Jahren wurde der Dichter, Symbolismus-Pionier und Gymnasiallehrer Stephané Mallarmé geboren.

von Sven Hecker

Aufnahme aus dem Jahre 1893 des französischen Dichters Stephane Mallarme
Der französische Dichter Stephané Mallarmé (Aufnahme von 1893) Bildrechte: dpa

Der Dichter verstummt, buchstäblich. Was für ein Symbol! Stéphane Mallarmé stirbt 1898 an einem Kehlkopfkrampf. Ausgerechnet Mallarmé, dessen experimentelle Gedichte als Hauptwerke des Symbolismus gelten und der Zeit seines Dichterlebens eben "das rhetorische Verschwinden des Dichters" anstrebte, um "die Initiative den Wörtern zu überlassen".

Ich erfinde eine Sprache, die aus einer neuen Poetik hervorgehen muss und die ich so beschreiben kann: Nicht die Sache, sondern deren Wirkung abbilden! Der Vers darf also nicht aus Wörtern bestehen, sondern aus Andeutungen.

Stéphane Mallarmé, Dichter

Mit 18 oder 19 Jahren schreibt Mallarmé erste Verse. Er sollte der "berühmteste Unbekannte der französischen Literatur" werden, zum "Dichterfürsten" gekürt. Ein Titel, für den sich Mallarmé zu Lebzeiten wenig kaufen kann. 1863 tritt er eine Stelle als Gymnasiallehrer für Englisch an, zunächst in der Provinz – ein wenig geliebter Brotjob:  

Jeden Tag überfällt mich Mutlosigkeit, ich bin wie betäubt. Wenn ich da herauskomme, dann verblödet, vernichtet.

Stéphane Mallarmé, Dichter

Nebenher, wenn ihn das Lehramt nicht lähmt, schreibt Malarmé: Gedichte, Studien über die englische Sprache, Kritiken. Er übersetzt aus dem Englischen, setzt sich mit Sprache auseinander.

Oscar Wilde
Schriftsteller Oscar Wilde Bildrechte: IMAGO

Von 1871 an lebt Mallarmé in Paris. Hier versammelt er an seinen schon bald legendären "Mardis", den Dienstagstreffen in seiner Wohnung, einen illustren Künstler-Zirkel. Darunter: Oscar Wilde, André Gide, Rainer Maria Rilke und Stefan George, später auch Victor Hugo.  Mallarmé selbst findet sich plötzlich an der Spitze der literarischen Avantgarde wieder. Weil er Sprache dekonstruiert, um aus den Bruchstücken etwas gänzlich Neues zu erschaffen.

Mit gleichsam als Sprache gar nichts / Als Flügelschlag himmelwärts / Befreit der künftige Vers sich / Aus dem sehr kostbaren Heim.

Stéphane Mallarmé Aus: "Fächer", Gedicht

Die Worte scheiden sich von ihren hergebrachten Bedeutungen. Die neue Wortwelt soll für sich selbst sprechen. Der Leser kann sie Wort für Wort ergründen, erahnen. So wie in Mallarmés wohl bekanntestem, weil auch vertontem und vertanztem Werk "L’Aprés-midi d’un faune" – "Der Nachmittag eines Fauns".

Sie solln mir dauern, diese Nymphen. / Wie so licht / ihr leichtes Rosenrot die Luft durchschwebt, die dicht / gedrängtem Schlaf erliegt!

Stéphane Mallarmé Aus: "Der Nachmittag eines Fauns"

Mallarmé geht es weniger darum, was passiert, sondern um das, was zwischen Fantasie und Realität in der Luft liegt: schwelendes Verlangen, hitzige Begierde – das will er einfangen und wiedergeben.

Eine Sache benennen, unterschlägt Dreiviertel des Vergnügens an einem Gedicht, dessen Glück darin besteht, ein bisschen zu raten; sie suggerieren, das ist das Ziel.

Stéphane Mallarmé

1897, ein Jahr vor Mallarmés Tod, erscheint sein Anti-Gedicht "Ein Würfelwurf" – die Krönung, so heißt es, seiner dichterischen und sprachphilosophischen Experimente. Eine nichtlineare Textpartitur, Wörter auf eine Doppelseite geworfen, scheinbar ohne tieferen Sinn, ohne eingreifende Interpunktion, dem Satz-Korsett endgültig entwunden, geordnet durch die Typographie. Das Ganze, so resümiert Jean-Paul Sartre: "ist nur noch das einsame Spiel der Sprache".

Diese Sprache ist ständig neu zu lesen und verschieden zu interpretieren: Vom Dichter entlassen, im Vertrauen und auf ihren rhythmischen und klanglichen Eigensinn. Entlassen in eine nicht nur formale Offenheit, die die Dichtung entgrenzt – ihr Untergang und zugleich ein neuer Anfang. Der französische Schriftsteller Philippe Sollers urteilt:

Mallarmé setzt aller Dichtung nach ihm das Unmögliche zum Ziel.

Philippe Sollers, Schriftsteller

Stephané Mallarmé selbst verstand seinen "Würfelwurf" wohl als Vorstufe zu einen größeren Projekt: Ein Buch der Bücher. Ein Überbuch, das alle Welt enthält – oder wie er es erklärte:

Alles auf der Welt existiert, um in ein einziges Buch zu münden.

Stéphane Mallarmé

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2017, 00:00 Uhr

Sendungsinformationen

Kalenderblätter bei MDR KULTUR - Das Radio

Kalenderblätter bei MDR KULTUR - Das Radio

Mo-Fr: 6:40 Uhr
Sa: 6:45 Uhr
So: 8:45 Uhr

Wiederholung:
Mo-Sa: 10:40 Uhr
So: 13:45 Uhr

die neuesten Kalenderblätter